Anstrengung: Durch das Raue zu den Sternen

Ein Fluss, ein zweiter, ein Berg, ein Schiff, übermenschliche Anstrengung. In dieser etwas schrägen Erinnerung, die nie ganz mit dem eigentlichen Film übereinstimmt, zieht Fitzcarraldo den Dampfer ganz allein über den Hang. Tatsächlich rührt er keinen Finger, lässt andere für sich arbeiten. Es ist daher eine etwas unehrliche, nichtsdestotrotz wahre Metapher: Protagonistinnen, Protagonisten sollten Schiffe über Berge ziehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich zur diesjährigen FilmStoffEntwicklung, dem Tag der Dramaturgie in der 36. Ausgabe des Wendepunkt, dem Fachmagazin des Verbands für Film und Fernsehdramaturgie. Im Wendepunkt veröffentlichte ich auch Radikalisierung und Integration und Wahrnehmung und Sensibilität: Wie wir und unsere Figuren erkennen. Der Wendepunkt lässt sich auf den Seiten des Verbands digital abonnieren.

„Anstrengung beschreibt das Ausmaß der Bemühungen […] zur Zielerreichung.“ So steht es im Lexikon der Psychologie von Spektrum der Wissenschaft. Weiter: „Ihr Ausprägungsgrad indiziert die Stärke der Motivation.“ Das klingt, als habe es eine Dramaturgin formuliert. „Ziel“ und „Motivation“ sind grundlegende Schlagworte des Erzählens, anhand der Definition sollte man von „Anstrengung“ dasselbe erwarten. Doch: Pustekuchen.
Anstrengung ist die Sprache, in der sich Motivation ausdrückt.
In Nebensätzen und beiläufigem Gebrauch verschiedener Synonyme in der üblichen Literatur lässt sich der Bedeutung von Anstrengung für die Dramaturgie einer Erzählung nur mit besonderer Aufmerksamkeit nachspüren. Dabei ist sie im Gegensatz zu anderen dramaturgischen Begriffen tatsächliche Handlung, während Ziel, Bedürfnis, Motivation, Wunde, Angst erst in Handlung, in Anstrengung übersetzt werden müssen.

Anstrengung ist dabei als Begriff nicht austauschbar mit Handlung, sondern birgt für die dramaturgische Arbeit zwei Vorteile. Während wir mit Handlung oft jede Art von Geschehnis einer Erzählung und ihre Gesamtheit assoziieren, ist Anstrengung grundsätzlich mit der sich anstrengenden Figur verbunden. Und: Anstrengung skaliert, sie kann klein bis groß sein; Handlung jedoch ist binär, sie ist oder ist nicht.

Das bloße Vorhandensein von Handlung sagt noch nichts über die damit verbundene Anstrengung aus, und ist damit kein Hinweis, ob sie die der Handlung zugrunde liegende Figurenmotivation, also die Bewegtheit des Films, kommuniziert. Das Vorhandensein von Handlung kann den Blick auf diese Frage sogar verstellen. Anstrengung hingegen ist die Sprache, in der sich uns die Motivation eines anderen Menschen ausdrückt.
Jede Anstrengung ist das Opfer eigener Kraft.
Anstrengung ist nicht objektiv messbar, und doch haben wir ein Gespür dafür, ob sie klein ist, groß, oder sogar übermenschlich. „Übermenschliche Anstrengung“ ist ganz offensichtlich eine Übertreibung (mit der Ausnahme von Superhelden, die sich an supermenschlichen Maßstäben messen lassen müssen), doch wir können spüren, wenn Menschen die Grenzen des Möglichen verändern. Das können auch ganz individuelle Grenzen sein.

Wir kennen das aus dem Sport: Die eigenen Grenzen zu überwinden, noch viel mehr als die Grenzen der anderen, ist, was Sportlerinnen und Sportler zu den Helden macht, die wir bewundern. Helden werden zu Helden, wenn sie persönliche Opfer bringen, und jede Anstrengung ist auch das: Das Opfer eigener Kraft. Und als solches kommuniziert sie uns die Persönlichkeit eines Menschen und sein Wertesystem: Was ist er bereit wofür zu geben?

Anstrengung kann auch geistig oder seelisch sein: Das Lösen eines Rätsels kann anstrengend sein, genauso wie Vergebung gegenüber einem Menschen, der sich schuldig gemacht hat. Im Film, im Theater, in anderen visuellen, körperlichen Medien muss diese Anstrengung einen visuellen, körperlichen Ausdruck haben, oder sich sogar in einer körperlichen Anstrengung spiegeln. Wenn die Lösung des Rätsels unter Zeitdruck dorthin gebracht werden muss, wo sie von Nutzen ist. Wenn der vergebende Zwerg dem schuldigen Riesen auf die Beine hilft.
Anstrengung ist Arbeit, Kampf. Auf Anstrengung folgt Erschöpfung.
Dazu gehört, diese Anstrengung auch als solche zu zeigen. Anstrengung ist Arbeit, Anstrengung ist Kampf. Auf Anstrengung folgt Erschöpfung. Das müssen wir sehen, um die Anstrengung und all das, was sie uns kommunizieren soll zu verstehen. Blut, Schweiß, Tränen. Wenn die Figur hinterher nicht aussieht wie John McClane am Ende von Die Hard, hat sie sich nicht angestrengt. Anstrengung ist die Action, die den Actionfilm so erfolgreich gemacht hat.

Fitzcarraldo lässt andere für sich arbeiten, hinter ihrer Anstrengung vermutet er – zu Recht, wie sich herausstellt – ganz eigene Ziele. Als Urheber dieser Idee, die derart die Grenzen des Möglichen verändern soll, identifizieren wir ihn mit dieser Leistung. Es ist eine so große Anstrengung, dass sie schließlich das eigentliche Erreichen des Ziels überflüssig macht: Wer das geschafft hat, der muss nichts anderes mehr schaffen. So weit können unsere Figuren gehen, sie sollten nicht viel früher aufhören.

We can cover that by a line of dialogue...

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