Automatisches Schreiben oder Morgenseiten – um dahinter zu kommen, was einen zurzeit bewegt.

Wir meinen immer genau zu wissen, was in unserem Inneren vorgeht. Dem ist aber nicht so. Die Seele ist ein riesengroßes Gefäß, das von einem komplizierten Mechanismus gesteuert wird. Einer dieser Mechanismen ist die Verdrängung. Das ist eine Schutzfunktion, die Belastendes unterdrückt. Verdrängung ist die Schwester von Vergessen. Aber eigentlich gibt es Vergessen gar nicht – denn alles, was erlebt wurde, kann wieder zum Vorschein kommen. Ganz einfach durch Situationen und Assoziationen, die meistens durch Sinneseindrücke hervorgerufen werden: Wir erinnern uns.

Schreiben ist immer ein Meeting von Bewusst und Unbewusst.

Warum diese Einführung aus einem ganz anderen Fachgebiet? – Ganz anders? Nein, denn lange vor Sigmund Freud haben Künstler das Verdrängen beschrieben. Schreiben hat elementar viel mit Seele, Erinnern, Assoziationen zu tun. Der Stoff, mit dem wir arbeiten, liegt dort. Es sind quasi unsere Nahrungsmittel. Daraus etwas zu brauen, bedarf der Fähigkeit des Formulierens und Gestaltens. Schreiben ist immer ein Meeting von Bewusst und Unbewusst. Es muss immer etwas dazu kommen, an das man kurz vorher noch gar nicht gedacht hat.

Wie öffne ich mein Unbewusstes?

Indem ich geschehen lasse. Indem ich mein Bewusstsein herunter dimme. Indem ich zulasse. Die Kontrolle reduziere: meine schon sprachlich fertig geprägte intellektuelle Kopfigkeit. Als Autoren sollten wir uns nie mit der Sicherheit des Gelernten und Gewussten zufrieden geben. Wir sollten Neuland betreten wollen. Neuland kommt, darauf können wir uns verlassen, wenn wir

Automatisch Schreiben.

Das heißt etwas spontan, schnell und unter Zeitdruck aufs Papier bringen.
N i c h t nachdenken, n i c h t reflektieren, n i c h t so eitel sein, ein großer Schriftsteller sein zu wollen. Einfach raus mit dem gerade Jetzt! Was das bringt?
Man kommt sich auf die Schliche. Nur so kann man feststellen, was tief in einem vorgeht, wer man wirklich ist. Um gut schreiben zu können, muss Tiefe und Erfahrung aktiviert werden.

N i c h t nachdenken, n i c h t reflektieren, n i c h t so eitel sein, ein großer Schriftsteller sein zu wollen.

Ein einfacher Test für diese These: man nehme sich etwas wieder vor, was man vor Jahren geschrieben hat. Ideal sind Liebesbriefe! Früher musste man die sich auf etwas peinliche Weise von „Exen“ besorgen, heute sind sie ja im Computer abgespeichert. Ganz sicher macht man eine interessante Entdeckung: es ist nicht das, woran man sich noch erinnert, sondern das, was einen überrascht.

DAS habe ich geschrieben? Meist hat es sogar eine höhere Qualität als das, woran man sich wieder erinnern kann. Höhere Qualität, weil es – zack – aus dem Unbewussten hervor gekommen war. Die unverstellte Wahrheit des Momentes einer Seele.

Darum geht es beim Schreiben. Um diese Momente. Aber ich greife vor. Wir wollen in einer Vor-Phase ja erst einmal herausbekommen, was uns wirklich auf der Seele liegt. Um daraus etwas zu machen, etwas zu entwickeln: eine trag-fähige Idee, die etwas mit mir zu tun hat. Die schon Ablagerungen in mir hat, wo es schon Material gibt…

Und dahin ist das automatische Schreiben ein Weg.

Morgenseiten

sind nur eine Erweiterung des automatischen Schreibens. Eine quantitative Vergrößerung sozusagen. Während das automatische Schreiben auf ca. 5 Minuten begrenzt ist, soll man sich bei Morgenseiten in der Frühe, nach dem Aufstehen hinsetzen und eine Seite herunter schreiben. Einfach was einem gerade in den Sinn kommt. Diese Seite darf nicht gelesen werden. Nicht nach dem Schreiben und erst wieder nach einem Monat. Damit kein Roman entsteht, keine Fortsetzung, damit es jeden Morgen neu und anders ist.

Mit einer Seite ist eine handschriftliche gemeint. Auf dem Computer dürfte eine halbe Seite reichen. Und am Ende dieses Maßes ist auch Schluss. Man darf dann frühstücken.

Ganz sicher: wenn man dann nach einem Monat liest, hat man auch erfahren, was in einem vorgeht, was in einem arbeitet, was einen trifft und betrifft. Was man vielleicht vertiefen will, erforschen muss, gestalten soll.

Automatisches Schreiben und Morgenseiten – nur eine Vorübung. Aber eine wichtige, mit der man sich Rechenschaft geben kann über sich selbst. Soweit das für eine Geschichte wichtig ist. Vorübung nur – aber sicher hilfreich. Und es macht sogar Spaß.

Als Autor von Fiktion, und nicht nur von Fiktion, ist man darauf angewiesen, dass man die Barriere zwischen Bewusst und Unbewusst überwinden kann. (Wenn ich richtig informiert bin, ist das auch die Grenze zwischen der linken und der rechten Gehirnhälfte.)

Autoren können also ihre eigenen Psychotherapeuten sein.

Damit etwas zu Sprache werden kann! Autoren können also ihre eigenen Psychotherapeuten sein. Das hat man doch schon oft von ihnen gehört, dass Schreiben ihnen den Psychotherapeuten erspart.

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