„Berlinale“ ist „Loglinale“ – wie man gute Loglines schreibt

Endlich, die 67. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Es ist 7 Uhr 30 am Morgen.

Das Atrium am Potsdamer Platz hat erst vor wenigen Minuten geöffnet, da wickelt sich schon eine lange Schlange um die Absperrungen im Foyer und bis hinaus vor die Eingangstür, wo um diese frühe Stunde noch Minusgrade herrschen.

Wie schreibt man gute Loglines?

Am Einlass erhält jeder Besucher ein Handout, auf dem sämtliche Filme der kommenden beiden Tage gelistet sind. Denn nur für diese erhalten Akkreditierte im Vorfeld Tickets. Anders als normale Festivalbesucher, die Karten bereits drei, in manchen Fällen vier Tage im Voraus erwerben können.

Als Drehbuchautor hat man es gewohnt schwer, sich im Programm zurechtzufinden.

Im Berlinale-Journal, dem umfangreichsten der zahlreichen Programm-Broschüren, finden sich neben Filmbeschreibungen in Deutsch und Englisch lediglich Angaben zu Regie und Cast. Keine zum Drehbuch oder dem Genre. Dasselbe wiederholt sich bei der offiziellen Berlinale-App, die ansonsten aber hervorragende Dienste leistet und die Planung und Selbst-Organisation während des Festivals erheblich eleganter von statten gehen lässt, als noch vor wenigen Jahren.

Selbst in der umfangreichsten Programm-Broschüre gibt es keine Angaben zu Drehbuch oder Genre.

Eine Sache, die ich besonders vermisse, sind Loglines, also kurze, prägnante Inhaltsangaben, die im Idealfall nicht länger sind, als ein Satz und die in der kürzest möglichen Form die Kernidee einer Geschichte wiedergeben. Dieses umso mehr, als die Berlinale seit jeher nicht nur ein Publikums-Event ist, sondern auch ein Marktplatz für Distributoren, also Filmeinkäufer und -verkäufer. Und ein wesentliches Merkmal einer Logline ist ja gerade, eine Geschichte zu verkaufen. Mehr jedenfalls, als sie zu erzählen. „Sell, don’t tell!“, hörte ich das kürzlich einen amerikanischen Drehbuchlehrer auf den Punkt bringen.

Hollywood-Insider wie der amerikanische Autor und Blogger Scott Myers wollen von einer Logline genau drei Dinge erfahren, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Nummer 1: Wer ist der Protagonist?

Nummer 2: Was ist sein Ziel?

Und Nummer 3: Was ist die Nemesis bzw. was sind die antagonistischen Kräfte?

Am Beispiel LA LA LAND könnte das etwa so klingen:

„Zwei aufstrebende Künstler begegnen sich in einer Stadt, die wie keine andere dafür steht, Träume zu erschaffen, aber auch zu zerstören.“

Die drei Kriterien einer Logline.

Die beiden Protagonisten, das sind in diesem Fall die von Emma Stone verkörperte Nachwuchs-Schauspielerin sowie der von Ryan Gosling gespielte Jazz-Musiker.

Beide verlieben sich und träumen von einer jeweils großen Karriere, ihr gemeinsames Ziel.

Doch, oh Nemesis, Los Angeles ist nun mal die Welthauptstadt der geträumten Karrieren. Und in einer Stadt, in der die Sterne vielleicht tatsächlich heller leuchten als anderswo, ist auch der Ozean der Enttäuschten tiefer und dunkler („City of stars, are you shining just for me?“).

Nicht immer funktioniert dieses Prinzip. Bei FORREST GUMP etwa verhält sich die Lage komplizierter.

Auf der Suche nach Loglines ist die IMDB eine bewährte Anlaufstelle, wenn auch die Filmbeschreibungen nutzergeneriert sind und in ihrer Qualität daher sehr unterschiedlich ausfällt. Ich habe FORREST GUMP als Beispiel ausgewählt, weil mir die Logline in diesem Fall recht zutreffend erscheint. Spielraum für Interpretation bleibt natürlich immer, es ist schließlich keine Wissenschaft! Hier also die Logline:

„Forrest Gump, while not intelligent, has accidentally been present at many historic moments, but his true love, Jenny Curran, eludes him.“

Auch hier sind es drei Dinge, die die Geschichte im Kern ausmachen:

Nummer 1: Der Protagonist („Forrest Gump, while not intelligent“)

Nummer 2: Das Unterscheidungsmerkmal („has accidentally been present at many historic events“)

Nummer 3: Die Emotion („but his true love eludes him“)

Dies ist die zweite Variante einer Logline, wie sie in Hollywood (und hierzulande) Aussicht auf Erfolg bietet.

In den kommenden Tagen will ich versuchen, zu einigen der beim Festival gezeigten Filme die Loglines nachzuliefern. Hauptsächlich natürlich zu denen, die auf meiner eigenen Watchlist stehen. Den Anfang machen MOONLIGHT VON Barry Jenkins, ELEOMEA von Angel Vagenshtain und NIGHT OF THE LIVING DEAD von John A. Russo und George A. Romero.

ELEOMEA, ein ostdeutscher Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1972, eröffnet in diesem Jahr die „Retrospektive“. Und NIGHT OF THE LIVING DEAD erlebt in der in 4K restaurierten Fassung seine internationale Premiere im Rahmen der „Berlinale Classics“.

Dieser Artikel wird also bis zum Ende der Berlinale täglich ge-updatet. Ich nenne es die „Loglinale“.

Folge @stoffmuster auf Twitter oder suche nach #loglinale, um über die neuesten Einträge informiert zu werden.

Und wenn Du selbst eine Logline zu einem Film besteuern möchtest, den Du auf dem Festival gesehen hast, dann nutze dafür doch einfach das Kommentarfeld oder schreibe an alex@stoffmuster.berlin.

Denke daran, Deine Logline sollte drei Dinge enthalten: Protagonist – Ziel – Nemesis (Variante A) oder Protagonist – Erkennungsmerkmal – Emotion (Variante B)

Jede eingereichte Logline, die diesen Bedingungen entspricht, wird hier veröffentlicht.

Bitte schreibe auch etwas darüber, wer Du bist und warum Du dich mit Loglines beschäftigst.

Der Nutzen ist vielfältig: Für Dich selbst ist es eine großartige Übung!

Allen Anderen hilfst Du, ihr Story-Verständnis zu schärfen und sich im Programm-Dschungel der Berlinale besser zurechtzufinden.

Du bist nicht einverstanden mit der hier vorgestellten Logline-Theorie? Dann hinterlasse einen Kommentar und präsentiere uns Deine eigenen Theorie. Was macht eine gute Logline Deiner Meinung nach aus?

Und schließlich noch die Bitte: Falls Dir mein Artikel gefallen hat oder Du etwas gelernt hast, dann teile ihn doch bitte mit Deinen Freunden im sozialen Netz.

Gute Geschichten brauchen wir schließlich alle.

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