Drehbuch-Guru Robert McKee zu Gast beim 1. TV Series Festival in Berlin

Robert McKee zu Gast beim TV Series Festival Berlin, Copyright: Alexander Lauber 2017

Ein solches Feedback kann nur ein Außenstehender geben, jemand, der den nötigen Abstand mitbringt. Es klänge, als habe sich nicht viel verändert in den letzten 30 Jahren in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft, fasste Robert McKee, US-amerikanischer Drehbuch-Experte, das erste Panel im Rahmen des TV Series Festival in Berlin zusammen. Zuvor hatte er eine Stunde lang dem Klagen und Zweifeln deutscher Filmschaffender gelauscht. Zweifel auch an dem, was er selbst gepredigt hatte und seit Jahrzehnten immer wieder predigt.

„The show is king“

In Amerika ordnet sich ein Regisseur dem Werk unter, nicht umgekehrt.

Robert McKee ist ein Mann mit einer Agenda. Und ganz oben auf dieser Agenda steht die Abschaffung der Autoren-Theorie, dem besonders in Europa populären Irrglauben, der Regisseur, nicht der Drehbuchautor, sei der maßgebliche Schöpfer dessen, was auf der Leinwand geschieht. „The show is king“, so das Credo. In Amerika ordnet sich ein Künstler dem Werk unter, nicht umgekehrt. So viel Selbstlosigkeit schwappt selten von jenseits des großen Teiches zu uns herüber.

Mit seiner Kritik traf McKee zweifellos ins Schwarze. Und dennoch: Es ändert sich gerade eine Menge und unter den anwesenden Autor*innen herrschte regelrecht Goldgräberstimmung. Netflix und Amazon heißen die beiden großen Hoffnungsträger, aber auch HBO und einheimische Pay-TV-Sender wie TNT Serie. Mit ihrer Eigenproduktion 4 BLOCKS macht die Münchner Turner-Tochter bereits seit Tagen von sich reden.

Geschrieben hat die sechsteilige Neukölln-Saga dasselbe Autoren-Trio, das auch für die erste deutsche Amazon-Serie YOU ARE WANTED mit Matthias Schweighöfer verantwortlich zeichnet. Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf haben sich beim Telenovela-Schreiben kennengelernt – wo sonst, möchte man einwerfen – und die Drei arbeiten seither zusammen. Dem vermeintlich großen Durchbruch gingen laut Kropf harte Jahre voraus. Einmal sei er mit dem Notarzt ins Krankenhaus eingeliefert worden, berichtet er von seiner Zeit als Serienautor und von dem wohl nicht immer ausgeglichenen Verhältnis von Arbeit und Leben.

Ein bisher nicht gekanntes Vertrauen in deutsche Autor*innen

Vertrauen in die Autorinnen und Autoren.

Zweifellos wird auch bei Amazon hart am Erfolg gearbeitet, aber eines ist doch anders: Die Autor*innen genießen dort ein Vertrauen wie bei keinem deutschen TV-Sender. Es ist nicht das erste Mal an diesem Tag, dass jemand von Vertrauen spricht. Baran bo Odar und Jantje Friese, das Paar hinter der ersten deutschen Netflix-Serie, hatten kurz zuvor dasselbe über ihren Auftraggeber gesagt. Ein einseitiges Pitch-Paper reichte den beiden, um grünes Licht für ihr Projekt zu erhalten – wohlgemerkt nicht etwa nur für eine Pilotfolge, sondern gleich für die komplette erste Staffel. DARK startet voraussichtlich im Winter auf Netflix.

Regiseführen ist einfach, weil ja bloß Interpretation.

So ermutigend diese Beispiele sein mögen, und so erfreulich, umso mehr wurde indes deutlich, wie sehr es im deutschsprachigen Raum an gut ausgebildeten Autor*innen mangelt. Wer bisher standardmäßig Vorabendserien oder bestenfalls den einen oder anderen 90-Minüter geschrieben hat, ist eben nicht automatisch in der Lage, ein 100-Stunden-TV-Drama in Angriff zu nehmen, wie Robert McKee ehrfürchtig die Königsdisziplin zeitgenössischer Erzählkunst nannte. Regieführen sei einfach, spottete er, weil ja bloß Interpretation. Ein deutsches BREAKING BAD zu schreiben? Ganz sicher nicht!

Mehr als Netflix und Amazon

Damit Fernsehen aus Deutschland aufhört wie deutsches Fernsehen zu wirken, braucht es dafür mehr als Netflix und Amazon. Nichts im non-linearen Fernsehen der Zukunft hat bisher so sehr ans Öffentlich-Rechtliche erinnert, wie die erste Staffel von YOU ARE WANTED. Noch das Beste, was man zu diesem Zeitpunkt darüber sagen kann, ist: dass es bald eine zweite Staffel geben wird. Es ist ein bisschen wie bei dem klassischen Witz von Woody Allen über die beiden alten Damen in einem Seniorenheim, die sich einerseits über das schlechte Essen beklagen – und andererseits über die viel zu kleinen Portionen. Aber auf lange Sicht brauchen wir nicht nur mehr, sondern auch besseres Essen.

Das TV Series Festival war ein Schritt in die richtige Richtung. Mit Robert McKee und Paul Haggis waren zwei Stars von internationalem Format zu Gast und ein Besuch lohnte schon allein wegen des großartigen Rundum-Blicks aus dem 14. Stock des Berliner Intercontinental-Hotels. Alles in allem eine gelungene und inspirierende Veranstaltung, der man für die kommenden Jahre nur viel Erfolg wünschen kann.

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