Ein 90-Minuten-Drehbuch portionieren

Man weiß zwar was man will, man kennt seine Story und seine Figuren schon ziemlich gut, aber wenn man die erste Seite schreibt, dann liegen noch ca. 90 Seiten in der amerikanischen Schreibweise (1 Seite = 1 Min Film) vor einem.

Das ist wie ein Berg, den man ersteigen muss. Da hinaufzuschauen kann einen schon angst, bange und schwindlig machen. Dagegen hilft nur eins: Man setzt sich Zwischenziele!

Dazu kann man die Struktur von Syd Field benutzen. Übrigens ist das die Poetik des Aristoteles Poetik auf Film angewandt: Für Film, aber eine Dreiaktigkeit. Der I. Akt hat etwas mehr als 25 Seiten. Am Ende steht der sogenannte Plot Point I. Es ist die Exposition, in der klar gemacht werden muss, wer wer ist, wo das spielt, worum es geht und was die Frage oder das Problem des Films ist.
Die Exposition als Fundament der Geschichte.
Das ist das erste Ziel, was zu erreichen ist. Nicht das Schwierigste beim Drehbuchschreiben, aber sehr wichtig. Denn es ist das Fundament der Geschichte. Wenn man dieses Ziel, P.P.I, erreicht hat, sollte man sich ein, zwei Tage Pause gönnen und es dann noch einmal lesen, bevor man sich an den zweiten Akt macht.

Da wird es dann schwerer und da kann man leicht ins Stocken kommen. Denn es ist ein wesentlich längerer Teilabschnitt beim Aufstieg auf den Drehbuch-Berg. Und hier hilft wieder Syd Fields weiter entwickelte Struktur. Er hat nämlich in die Mitte des 2. Aktes wieder einen Zielpunkt eingebaut, den er Midpoint nennt. Und wieder haben wir eine Leistung von etwas mehr als 25 Seiten zu erbringen.

Dazu müssen wir uns Klarheit darüber verschafft haben, was der Midpoint ist. Im Midpoint zeigt sich der Unterschied zwischen einer abendfüllenden 90-Minuten-Geschichte und einem 60-Minuten-Film, ein ja auch sehr gängiges Format. In einem 60-Minüter kann man schön linear auf den Plot Point II hin erzählen, der das Ende des II. Aktes markiert und in den kürzeren III. Akt führt, der die Lösung und das Ende der Geschichte bringt.
Zuspitzung der Handlung bedeutet auch eine Minderung an Freiheit!
Beim ,großen‘ Film brauchen wir aber den Midpoint. Der was eigentlich ist? – Er kann eine Zuspitzung, eine Vertiefung des Problems, eine überraschende Richtungsänderung der Geschichte sein. Meistens ist er der Point of no Return.

Wenn wir den nun erreicht haben, sollten wir uns wieder ein, zwei Tage Ruhe gönnen. Der Berg Drehbuch ist zwar noch nicht erklommen, aber wir haben praktisch schon die „Spitze“ unserer Handlung erreicht. Wieder haben wir mehr als 25 Seiten geschafft. Und wenn wir gut gearbeitet haben, dürfte es nun leichter werden.

Denn Zuspitzung der Handlung bedeutet ja auch eine Minderung an Freiheit. Vieles hat sich bereits entschieden und mit jeder Seite schränkt sich nun die Freiheit des Autors ein, was Figuren und Situationen anbelangt.
Nicht ein großes, langes Ziel bis zu dem Wort ENDE.
Nun, im 2. Teil des II. Aktes müssen wir die nächsten 25 Seiten in der Logik unserer Story konsequent weiterführen. Bis zum Plot Point II, der schon Lösung und Ende aufscheinen lässt, was im III. Akt mit etwa 15 Seiten ausgefüllt werden muss. Vorher wieder etwas Pause und danach eine gründliche Lektüre unseres Werkes bis dahin, damit wir für das Ende des Filmes noch einmal unsere Phantasie befeuern können.

Mit dieser Art Portionierung haben wir unsere Arbeit ganz sicher leichter gemacht. Wir haben uns nicht ein großes, langes Ziel bis zu dem Wort ENDE gesetzt, sondern Zwischenziele angestrebt und erreicht.

Die Frage am Ende: Ist dieses 3-Akt-Schema, was der Portionierung zugrunde liegt, bindend für alle möglichen Formen von Stories? Wir haben ja (hoffentlich) aus unserer Story einen Plot gemacht, was heißt, dass unsere Geschichte nicht unbedingt linear und chronologisch erzählt wurde.
Besonderheiten zerstören die 3-Akt-Struktur nicht.
Erstaunlicherweise zerstören die Besonderheiten eines sogar raffinierten Plots, also Rückblenden, Foreshadows, Subplots etc. die 3-Akt-Struktur nicht.

Um bei den Volontär-Ausbildungen beim damaligen Südwestfunk nicht über den ganzen Film diskutieren zu müssen, habe ich immer Unterbrechungen an Plot Point I, Midpoint und Plot Point II vorgenommen. Ich war mir nie sicher, ob das funktioniert, weil ich nur Filme genommen habe, die man nicht ganz eindeutig als konventionell Hollywood-mäßig einordnen konnte, beispielsweise Thelma & Louise oder American Beauty. Erstaunlicherweise war aber immer diese Struktur klar auszumachen.

Syd Field antwortet auf die Frage, ob denn alle Filme seinem Strukturschema genügen müssten: „Nein müssen Sie nicht, aber alle erfolgreichen tun es!“ Uns ging es hier aber nur darum, diese Struktur als Arbeitserleichterung zu benutzen.

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