Ein Plädoyer für das Spiel im Film

In der Dramaturgie sprechen wir vom Einsatz, von dem, was der Protagonist aufs Spiel setzt, und manchmal pokert er zu hoch. Im Thriller sprechen wir von Schachzügen, im Krimi vom Katz-und-Maus-Spiel, im Actionfilm vom Ass im Ärmel. Schauspieler sind Schauspieler, der Spielfilm ist der Spielfilm. Aus Anlass der Internationalen Spieltage in Essen ein Plädoyer für das Spiel im Film.

Wir Filmemacher kolonialisieren seit ein paar Jahren eine neue Erzählform: Das Videospiel. Die Nachfrage ist vorhanden, Spieleentwickler möchten von uns lernen, weil wir audiovisuell sind, und erfolgreich. Wir bringen unsere Filmsprache mit und unsere Filmdramaturgie, in über 100 Jahren Film von uns sorgfältig entwickelt und geprüft, vielleicht mit Stolz darüber, wie sehr andere profitieren können von dieser unserer Arbeit. Anmaßend, dieser Absatz, von „Wir Filmemacher“ bis „unsere Arbeit“, und dann in der Ignoranz der Bedeutung des Spiels für uns.

Ich bin medien- und kulturwissenschaftlich nicht bewandert genug (Entschuldigung @gsf) um sagen zu können Spiel und Erzählung seien das selbe, doch Spiel und Erzählung sind wohl das selbe. Das Zusammenkommen; das Einigen über die alternative Realität des Spiels mit den Möglichkeiten, die sie hat und jenen, die sie nicht hat; zwei oder mehr Parteien, mit Zielen, die sich gegenseitig widersprechen; ein Konflikt, der ausgetragen wird bis jemand verloren hat, und jemand gewonnen.
Unser Kino ist gamaną, Game.
Das Erste, was der Held aus Voglers Heldenreise (Wikipedia) in der neuen Welt des zweiten Akts macht, ist die Regeln zu lernen. Das Erste, was er im dritten Akt macht ist, den Antagonisten durch das geschickte Anwenden der Regeln zu schlagen (Klassisch: Matrix). (Warum sagen wir eigentlich, dass wir Gegner schlagen, kommt das auch aus dem Schach?) Das englische Game kommt vom urgermanischen gamaną, Teilnahme, Gemeinschaft: ga, ein Präfix für das Kollektiv und mann, Mensch (Wiktionary). Kino ist gamaną, ist Game.

Auch dramaturgisch. Wir können ein Spiel als spannend oder langweilig empfinden, je nachdem wie groß unsere Motivation ist, wie groß die Motivation des Gegners ist, wie nah wir Sieg und Niederlage kommen, und wie lange das Spiel doch unentschieden bleibt. Gesellschaftsspiel-Autoren treffen Entscheidungen darüber. Ein Spiel hat eine Dramaturgie, aus der wir lernen können, wie das Videospiel aus der Filmdramaturgie lernt. Und es ist doch dumm das wir das nicht tun, zumindest nicht bewusst.

Sogenannte Autorenspiele (Wikipedia) sind noch ein vor allem deutsches Phänomen. Das ist schade, weil es deswegen weniger Ressourcen zur Dramaturgie im Gesellschaftsspiel gibt, zumindest im Vergleich zu Filmtheorie. Das ist aber auch eine Chance, weil Autorenspiel hier stattfindet, und wir hier die Möglichkeit haben daran teilzunehmen (s. gamaną), mitzuspielen. Jetzt. Jetzt gerade, bei der SPIEL, den Internationalen Spieltagen in Essen. Es ist schon ärgerlich genug, dass es so wenig Austausch mit der Literatur- oder der Theater-Szene gibt, die Gesellschaftsspiele haben wir völlig vergessen.

Die Internationalen Spieltage auf der Messe Essen gehen noch bis zum Sonntag, den 19. Oktober.

We can cover that by a line of dialogue...

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