Eine Medienethik findet nicht statt: Zur Innen- und Außenwahrnehmung von Journalismus

Wenn es um die Berichterstattung über Rassismus und Ressentiments geht, haben in den letzten Tagen und Wochen zwei Ereignisse für großes Aufsehen und nicht minder große Erregung gesorgt. Zunächst war es das zähe Ringen um die Ausstrahlung eines Dokumentarfilms, der sich mit dem Thema Antisemitismus befasste. Kurz darauf erschien ein selbst gedrehtes Handyvideo, das zeigte, wie Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn einen Nigerianer mit Gewalt aus einer S-Bahn zogen und dann zu Boden zwangen. Sofort wurde der Verdacht ausgesprochen, dass es sich hierbei um einen rassistischen Übergriff der Sicherheitsleute gehandelt habe. Inzwischen ermittelt die Bundespolizei gegen beide Parteien, die Mitarbeiter der Bahn sowie den mutmaßlichen Schwarzfahrer. Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, dann ist das ein Skandal. Es wird aber wahrscheinlich sehr schwierig werden, aus der Handlungsweise der Sicherheitsleute ihre Gesinnung schlüssig abzuleiten. Zunächst gilt, so schwer dies dem Einzelnen auch fallen mag, die Unschuldsvermutung.

Wie wird der Journalismus wahrgenommen? Und welches Berufsrollenverständnis haben Journalist*Innen?

Anstatt sich in laufende Ermittlungen einzumischen, ist es viel lohnenswerter, anhand dieser Vorfälle einen Blick in den Spiegel zu werfen und sowohl die Außenwahrnehmung als auch das Berufsrollenverständnis der Journalisten zu untersuchen. Denn in beiden Fällen wurde nicht nur hart über Rassismus gestritten, sondern auch über das Berufsethos unseres Juste Milieu. Natalija Miletic wird vorgehalten, dass das Video einer Mitfahrerin, welches sie veröffentlicht hat, lediglich die Eskalation zeige, nicht aber ihre Vorgeschichte. Auch die Dokumentarfilmer sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie Zusammenhänge verkürzt darstellen. Dabei muss natürlich unterschieden werden, dass es sich im ersten Fall um ein einzelnes Augenzeugendokument handelt und im Zweiten um einen kommentierten Zusammenschnitt verschiedener Quellen mit eigener Schöpfungshöhe. Das Ergebnis ist indes das Gleiche: Erneut werden Klagen über tendenziöse Berichterstattung laut. Um dies zu unterstreichen, geht man im Fall Miletic noch einen Schritt weiter und prüft die Gesinnung der Journalistin nicht nur anhand ihres Materials, sondern auch ihres Privatlebens: In den Sozialen Medien wird Miletic durch Facebook-Fotos eine Nähe zur oder gar Mitgliedschaft in der Antifa vorgeworfen. Das ist die Retourkutsche für eine vielleicht zu voreilige und zu laute Anklage wegen Rassismus.

Medienethik muss auf beiden Seiten ansetzen

Wenn uns Extremisten gleich welcher Provenienz ausschnitthaftes Material als Beleg für ihre Thesen verkaufen wollen, ist höchste Vorsicht geboten. Hier gilt der Leitsatz: Verschwörungstheorien dienen nicht dazu, Tatsachen zu beschreiben, sondern einseitige Weltbilder zu bestätigen. In solchen Fällen darf man die Verantwortung aber nicht nur bei den Produzenten von »Fake News« suchen, sondern muss Medienethik auch auf der Seite der Konsumenten ansetzen. Der naiv-realistischen Bildauffassung steht als Alternative immer eine kognitiv-kritische Urteilskraft entgegen (Schnier / Volpers 2004: 190). Die Haltung: »Ich habe es gesehen, also muss es doch so sein« zeugt nicht von einem verantwortungsvollen Umgang mit Medien, sondern legt den Verdacht nahe, dass der Zuschauer lediglich seine eigene Wahrnehmung, im schlimmsten Fall seine Ressentiments, bestätigt sehen will. Im Sinn der Kommunikationswissenschaftler Helmut Volpers und Detlef Schnier muss sich die Medienethik also von einem produktionsorientierten zu einem rezeptionsorientierten Verständnis entwickeln.

Wir brauchen sowohl eine produktionsorientierte- als auch eine rezeptionsorientierte Medienethik.

Dennoch: Auffällig ist, dass Zuschauer und Programmverantwortliche Dokumentarfilmen wie Michael Moores BOWLING FOR COLUMBINE (USA 2002) oder FAHRENHEIT 9/11 (USA 2004) sehr positiv begegnen, obwohl diese sich nicht durch ausgewogene Berichterstattung, sondern durch anwaltschaftlichen, oder um es negativ auszudrücken, einseitigen Journalismus auszeichnen. Sie erzielen Kassen- und Quotenerfolge und werden mit internationalen Preisen ausgezeichnet. Im Fall von AUSERWÄHLT UND AUSGEGRENZT. DER HASS AUF JUDEN IN EUROPA könnten die Reaktion jedoch nicht gegensätzlicher sein. Nach langen Diskussionen in Presse und Rundfunk wurde der Film schließlich in der ARD ausgestrahlt – ergänzt durch zahlreiche Anmerkungen, die Thesen der Macher relativierten oder infrage stellten.

Eine journalistische Bankrotterklärung

Ist eine klare Haltung mit objektiver Berichterstattung vereinbar?

Hier drückt sich eine massive Angst aus, sowohl vor rechtlichen Konsequenzen als auch vor einer klaren Haltung, die vollkommen legitim ist, solange sie sich nicht als objektive Berichterstattung ausgibt. Beides ist problematisch. Denn wie soll es noch investigativen Journalismus geben, wenn seine Auftraggeber vor internationalen Konzernen oder der Politik in die Knie gehen? Und wie soll dem Vertrauensverlust in die öffentlich-rechtlichen Medien angemessen begegnet werden, wenn diese nicht selbstbewusst auftreten, sondern sich in vorauseilendem Gehorsam gegenüber ihrem Publikum einen Maulkorb anlegen? Selbstbewusstsein bedeutet hier: Ein Bewusstsein für die eigene Berufsrolle zu haben. Der Westdeutsche Rundfunk befand sich mit dem heftig diskutierten Dokumentarfilm jedoch in einer Zwickmühle: Zeigen wir ihn nicht, stehen wir als Antisemiten dar, zeigen wir ihn doch, heißt es, wir sind rassistische Islamgegner. Mit ihrem Kompromiss drückten die Programmverantwortlichen dann völlige Ratlosigkeit aus. Bloß nichts falsch machen, und keinem auf die Füße treten. Gefällt man sich sonst oft in der Rolle des Gestalters, der nicht mehr nur über Politik berichtet, sondern in sie eingreift, agierte man nun als Diplomatencorps.

Die flankierende Diskussionsrunde bei Sandra Maischberger, zu der die Filmemacher nicht eingeladen waren, offenbarte ein grundsätzlicheres Problem. Dort ordnete Gemma Pörzgen den Film als Propagandastück ein, weil seine Macher eine »Agenda« verfolgten:

Die hatten vorher schon eine Idee, was sie da machen wollen. Und das ist für mich ein entscheidender Unterschied zu dem, wie man eigentlich journalistisch arbeitet. Also ich finde, dass man eben sich Themen annähert, indem man mit großer Offenheit drangeht und erstmal irgendwie guckt und Dinge zusammensucht und recherchiert und eben losreist. […] Da kamen Leute, die wussten genau, wen sie treffen wollten, welche Richtung das nehmen sollte (2017: o. S.).

Man kann Pörzgen entgegenhalten, dass ihre Definition von Journalismus wie Fußball-taktik klingt, denn ihre Beschreibung von Recherche ließe sich kurz und knapp mit der Beckenbauerschen Devise »Schau’n mer mol« zusammenfassen. Auch der weitere Gesprächsverlauf kreiste um das Thema Ausgewogenheit als oberste Prämisse journalistischen Handwerks.

»Let’s make it real«: Meinung versus Objektivität

Hier wird ein Zwiespalt deutlich: Der Bewunderung für englischen und amerikanischen Meinungsjournalismus steht hierzulande ein Berufsrollenverständnis entgegen, das eher zum objective als zum investigative reporting neigt. Die Mehrheit der deutschen Journalisten will kein »rasender Reporter« sein, der vor Ort im Dreck wühlt und sich gegen die politische Agenda für Benachteiligte einsetzt. Im langen Schatten des Goebbelsschen Propagandaministeriums sehen es die Enkel und Urenkel als ihre Aufgabe an, »die Realität« abzubilden. Zu dem psychohistorischen Aspekt gesellt sich ein Ökonomischer: Im Onlinezeitalter gilt es vor allem für die Printkollegen, schneller als die Anderen zu sein. Wer dabei unterhält, der gewinnt. Wer langweilt, verliert das Publikum. Um nicht als Letzter durchs Ziel zu gehen, wird dann auf Material von Nachrichten- oder PR-Agenturen zurückgegriffen. Auf diese Weise verkümmert die Tradition der Muckracker zum Schreibtischjournalismus. Das Ergebnis ist dann nicht mehr objektiv, sondern es wird entweder zur Massenware, die sich nur noch in Nuancen von den Konkurrenten abhebt, oder zur Werbefläche für Unternehmen Es lohnte sich, in diesem Zusammenhang über die Honorare für Print- und Rundfunkjournalisten zu sprechen.

Leider sind auch die Ausbildungsbedingungen kein Grund, positiv in die Zukunft zu schauen. Als Dozent neigt man zur Verzweiflung, wenn man seinen Schülern etwas über die Philosophie und die Wirkung eines Bildes nahebringen will, diese sich aber eher für technische und pragmatische Fragen begeistern können: Welche Kamera soll ich nehmen, wo kriege ich, falls nötig, Stockmaterial her, was kostet dieses, und worauf muss ich rechtlich achten? Man könnte sich mit der Idee trösten, dass es die Aufgabe der Lehrer ist, den puren Aktionismus des Nachwuchs zu drosseln, ihn über die Berufsethik aufzuklären und ein Bewusstsein für die Funktionen des Journalismus zu vermitteln, die nicht nur Information und Unterhaltung, sondern auch Kontrolle, Thematisierung und Meinungsbildung einschließen. Doch auf der anderen Seite sieht es oft nicht besser aus: Manche Hochschulen, an denen Dokumentarfilm gelehrt wird, halten es für unwichtig, ihren Studenten das Grundhandwerk zu vermitteln: Was bedeutet Recherche? Wie gehe ich dabei vor? Welche Fragetechniken gibt es, um dem Pressesprecher oder Politiker zu entlocken, was er eigentlich nicht sagen will? – Das bleibt im Lehrplan ausgeklammert, weil es um »künstlerischen« Dokumentarfilm geht.

Was hält uns zusammen?

Aufklärung kann nicht ex cathedra eingefordert, sondern muss durch Auseinandersetzung hergestellt werden.

Heute fehlt unserer Gesellschaft eine verbindende Wahrheit, die sie im inneren Kern zusammenhält. Das können wir als Fortschritt betrachten, weil die Zusammenhänge sich nun als komplexer und undurchschaubarer offenbaren, als uns das früher bewusst war oder sein wollte. Es führt aber gleichzeitig zu Radikalisierung und Extremisierung, zum erbitterten Kampf um eine verbindliche Deutung. Damit »Hassbotschaften« eingedämmt werden, setzt die Politik in der Zusammenarbeit mit Medienunternehmen auf Sanktionen, auf die schnelle und konsequente Löschung unangemessener Beiträge und Kommentare in Social-Media-Foren. Gegen extreme, verfassungsfeindliche Positionen soll ein Zeichen gesetzt werden. Das ist wichtig, doch diese Maßnahme allein verhindert nicht das Auseinanderdriften der Gesellschaft. Denn sie bekämpft lediglich die Symptome, und nicht die Ursachen. Auch das Ausstrahlen eines Dokumentarfilms mit Erklärtafeln ist kein probates Mittel, sondern vermittelt gerade dort den Eindruck von Hilflosigkeit, wo es eigentlich um Orientierung gehen müsste. Das Dilemma liegt auf der Hand: Um nicht selbst mit dem Vorwurf der Einseitigkeit konfrontiert zu werden, um mit gutem Beispiel gegen »Hassbotschaften« und »Fake News« voranzugehen, bemühte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk um Ausgewogenheit, um eine objektive Position, die alle Aspekte und Meinungen darstellen sollte.

In diesem Zusammenhang muss auch die Programmreform von 2016 kritisch betrachtet werden. Der Westdeutsche Rundfunkt strebt darin nach mehr Regionalität und mehr Unterhaltung. Statt über eine immer komplexer werdende Welt aufzuklären und durch den Blick über den Tellerrand Orientierung zu bieten, bedient er die Sehnsucht seines Publikums nach Heimatgefühlen und Überschaubarkeit. Und nährt damit die Geister, die es auszutreiben gilt. Hier beginnt ein Teufelskreis, in dem die Zuschauer in eine Double-bind-Situation gedrängt werden: Kehren die verdrängten Affekte zurück, werden sie durch einen politisch korrekten Zeigefinger sanktioniert. Doch Aufklärung kann nicht ex cathedra eingefordert, sondern muss durch Auseinandersetzung hergestellt werden.
Wir können dieses Problem nur lösen, wenn wir bei der Ausbildung ansetzen: Sowohl auf Seiten der Journalisten, denen nicht nur das technische Handwerk, sondern auch Werte und ein historisches Selbstverständnis vermittelt werden müssen. Denn ein Berufsstand sollte sich stets seiner Berufung bewusst sein. Und auch auf der anderen Seite des Bildschirms gilt es, Verantwortung zu übernehmen: Eine rezeptionsorientierte Medienethik gehört als eigenständiges Fach in den Schulunterricht.

Quellen

Das Erste (2017)
maischberger: »Israelhetze und Judenhass. Gibt es einen neuen Antisemitismus?« Erstausstrahlung: 21. Juni 2017

Debatin, Bernhard u. Rüdiger Funiok (Hg.) (2003)
Kommunikations- und Medienethik. Konstanz

Schnier, Detlef u. Helmut Volpers (2004)
»Plädoyer für eine Verantwortungskultur im Internet«. In: Helmut Volpers (Hg.): Funktionsweise des Internets und sein Gefährdungspotential für Kinder und Jugendliche. Berlin

9 Comments

  1. Wall-E said:

    Ich glaube, der Journalismus kann nur überleben, wenn er investigativ ist, denn hat er einen Wert für die Leser.
    Gehört Bildgestaltung nicht auch zum Handwerkzeug?

    12. Juli 2017
  2. Bildgestaltung gehört ebenfalls zum Handwerk. Aber nicht nur der technisch-pragmatische Teil, sondern auch das Bewusstsein über die Aussagekraft und Wirkung von Bildern.

    17. Juli 2017
  3. Michael Füting said:

    Leider musste ich diesen Beitrag zweimal lesen, um ihn zu verstehen. In einem Blog, in dem es um filmSCHREIBEN geht, wäre es vielleicht hilfreich, wenn man sich die Autoren mehr Zeit nähmen, um kürzer und klarer zu sein.
    Die Verständnisschwierigkeit liegt im ständigen Shiften und einer verbalen Jein-Haltung. Und das lässt sich nicht, wie hier, mit Komplexität entschuldigen.

    21. Juli 2017
  4. Dass wir – wie gewohnt – nicht einer Meinung sind, ist in Ordnung. Ich fände es jedoch »hilfreicher«, wenn Sie sich zur Sache äußern.

    21. Juli 2017
  5. Ich freue mich über Ihre Kritik, bin aber auch neugierig zu erfahren, was Sie über dieses Thema denken.

    21. Juli 2017
  6. Michael Füting said:

    Ich wollte mich einfach erstmal zum Stil äußern. Ist Stil so unwesentlich?
    O.k., zur Sache:
    Was bitte ist ‚objektiv‘, wenn Menschen über etwas berichten?
    Sind selbstgerechte Handy-Videos Journalismus?
    Muss ein frei finanzierter Dokumentar-Kinofilm ausgewogen sein?
    Angelsächsischer Journalismus ist Meinungsjournalismus??? – Gilt nicht da gerade die vorbildliche Trennung von Nachricht und Kommentar?
    Objective vs. investigativ. Kann man das so gegeneinander stellen?
    Mit dem Beckenbauer-Vergleich kann man nun wirklich Frau Pörzgen nicht gerecht werden.

    22. Juli 2017
  7. Lieber Herr Füting,

    im Gegenteil, guter Stil ist wichtig und sollte auch im Umgang miteinander gepflegt werden. Auch das gehört für mich zum Berufsethos.

    Jetzt weiß ich zwar noch genauer, was Sie über den Artikel denken, kenne aber immer noch nicht Ihre Haltung zum Thema Medienethik. Schade, ich hätte mich gerne mit Ihnen darüber ausgetauscht. Deswegen gehe ich direkt auf Ihre Fragen zu:

    1)
    Um Ihre Frage nach dem Kriterium der Objektivität zu beantworten, muss ich auf verschiedene Aspekte eingehen: Was die journalistischen Darstellungsformen angeht, gibt es den Unterschied zwischen informations-, meinungs- und unterhaltungsbetonten Formen. Eine Nachricht ist eben etwas völlig anderes als ein Kommentar. Bei der Nachricht müssten wir der Vollständigkeit halber noch die Nachrichtenfaktoren und die Unterscheidung zwischen Hard- und Softnews einschließen, was aber den Rahmen eines Kommentars sprengen würde. Der zweite Aspekt sind die Funktionen der Massenmedien: Sie haben neben anderen (Thematisierung, Kontrolle, Integration, Unterhaltung) sowohl eine Informations- als auch eine Meinungsbildungsfunktion. Und schließlich geht es um das Berufsrollenverständnis der Journalisten und die Dichotomie in obejective und investigative reporting. Dazu im Folgenden mehr.

    2)
    Haben Sie den Artikel als Verteidigungsrede für Natalija Miletic verstanden? Die Veröffentlichung eines Handyvideos macht es natürlich nicht zum Journalismus. Aber über dieses ist eine Diskussion entstanden, an der die Notwendigkeit der produktions- und rezeptionsorientierten Medienethik deutlich wird. Darauf zielte mein Artikel ab.

    3)
    Falls es nicht klar genug geworden ist: Den Versuch der Öffentlich-Rechtlichen, dem als Polemik gedachten Dokumentarfilm Ausgewogenheit krampfhaft zu oktroyieren, indem man ihn mit »ausgleichenden« Kommentaren ergänzt, halte ich für problematisch. Hier wird die Angst vor einer klaren Haltung und das Bemühen um »political correctness« deutlich. Ein Maßstab, der bei Michael Moore nicht angelegt worden ist. Die spannende Frage ist doch: Was verrät uns diese Doppelzüngigkeit über das berufliche Selbstverständnis?

    4)
    Ich habe nicht über das »angelsächsische« Modell geschrieben. Ich denke, Sie meinen den historischen Begriff, mir ging es um einen aktuellen Blick nach England und Amerika, den ich beispielhaft an Michael Moore deutlich gemacht habe, weil seine Filme der Antisemitismus-Doku ähneln, was die Haltung des Autoren angeht – Polemik statt Ausgewogenheit. Aber als Ergänzung zu ihrem Hinweis: Im angelsächsischen und amerikanischen Raum gibt es die Trennung zwischen Nachrichtenbeschaffung und -verarbeitung, das heißt, den Unterschied zwischen Reportern und Redakteuren. In Deutschland sind Journalisten traditionell eher Generalisten.

    5)
    Objective und investigative reporting sind feststehende Begriffe zur Unterscheidung des Berufsrollenverständnisses. Vielleicht müssen wir dies im Onlinezeitalter noch differenzierter betrachten.

    6)
    Ich habe nichts dagegen, wenn Sie Frau Pörzgens Haltung verteidigen. Ich finde ihre Polemik gegenüber der Herangehensweise der Filmemacher jedoch sehr naiv. Wenn ich einen Dokumentarfilm mache – auch falls dieser nicht als Polemik angelegt ist – habe ich doch eine Vorstellung davon, was ich zeigen, und worauf ich aufmerksam machen will. Frau Pörzgen malt hier das Bild, seriöser Journalismus zeichne sich dadurch aus, dass der Reporter mit »großer Offenheit« an sein Thema herangeht, und macht den Autoren der Antisemitismus-Doku zum Vorwurf, dass sie »vorher schon eine Idee [hatten], was sie da machen wollen«. Ist es die Aufgabe des Dokumentarfilmers, ohne Haltung mit der Kamera auf die Suche zu gehen, oder »loszureisen und erstmal irgendwie zu gucken«, wie sie es ausdrückt? Hier schließt sich die Frage an, wie man eine solche Arbeitsweise finanzieren sollte, falls dies zum Königsweg für Journalismus würde. Wenn Sie mit Frau Pörzgen d’accord gehen, widerspricht das dann nicht Ihrer Haltung, Objektivität könne es nicht geben, »wenn Menschen über etwas berichten«?

    22. Juli 2017
  8. Michael Füting said:

    Lieber Herr Schumacher,
    echt, JETZT habe ich Sie verstanden…
    Mir ist als Oldie natürlich nicht so klar, was das Internet an Veränderungen grundsätz-licher journalistischer Kriterien bewirkt hat. Ihnen ist aber hoffentlich auch klar, worauf es da ankommt, nämlich, ob etwas Rausgepustetes, nicht redaktionell Geprüftes, Gegengelesenes überhaupt Journalismus ist.
    Ich habe mein ganzes Berufsleben auch als Journalist (Dokumentarfilmer) gearbeitet und insofern verstehe ich Frau Pörzgen so : natürlich hat man eine Idee oder ein Konzept, wenn man losfährt, aber sie werden doch wohl nicht abstreiten, dass man sich dann noch von der Realität beeinflussen lässt, sogar bis zum Aufgeben des Konzepts. Sonst findet man doch die Eier, die man selber vergraben hat.
    Wenn irgendwelche Wissenschaftler (Theoretiker) plötzlich einen Gegensatz zwischen objektiv und investigativ konstruieren, so beeindruckt mich das überhaupt nicht. Ich vermute da viel mehr einen Kategorienfehler.
    Ja und, sorry, mein Missverständnis ist, dass ich Filmschreiben als Forum für Leute, die schreiben und nicht für“ wissenschaftliche“ Diskussionen ansehe.
    Also, nichts für ungut…

    22. Juli 2017
  9. Lieber Herr Füting,

    es ist mir immer wieder eine aufrichtige Freude, mit Ihnen zu diskutieren. Und ich finde, über bestimmte Themen darf und muss man sich sogar hart streiten, solange es um Auseinandersetzung, und nicht um einen Alleinvertretungsanspruch geht. Das gelingt in den Social-Media-Foren leider nicht, weil die Form des Kommentars, das »Gespräch« ohne persönlichen Kontakt, dafür nicht die Geeignetste ist. Hier wird eine Agora simuliert, die keine ist.

    Dieser Anspruch gilt auch für den Dokumentarfilm. Ich stimme Ihnen zu: Natürlich darf eine journalistische Haltung nicht zur Verbohrtheit führen. Aber auch Gemma Pörzgen ist mir zu einseitig, wenn sie jedwede »Vor-Stellung« eines Autors von vorneherein ausklammert. Aber gilt Ihr Hinweis, Herr Füting, auch für eine filmische Polemik? Oder stehen der Drang nach Ausgewogenheit und ein dezidierter Meinungsjournalismus nicht im Widerspruch zueinander? Wenn wir ab sofort jedes Meinungsstück mit Erklärtafeln ausstatten müssen, können wir das Genre der Polemik oder des Pamphlets zu Grabe tragen.

    Um den Unterschied zwischen Pragmatik und Wissenschaft, den Sie ansprechen, ging es mir in Bezug auf die Ausbildungssituation. Wenn wir eine Reflexionsebene auf filmschreiben ausschließen, geht mir das zu sehr in die Richtung des altbekannten Klischees: Der Wissenschaftler weiß von nichts mehr alles, der Journalist hingegen von allem nichts mehr. Ich denke, wir können hier beides dulden und uns im besten Fall gegenseitig ergänzen, finden Sie nicht? Der Fokus auf Pragmatismus, den ich und meine Kollegen bei unseren Schülern beobachten, die eben nichts mehr von der Wirkung eines Bildes, sondern nur noch von Technik, Kosten und Rechtslage wissen wollen, führt doch genau zu dem Berufsrollenverstädnnis, das Sie zurecht bemängeln: »Rausgepustetes, nicht redaktionell Geprüftes, Gegengelesenes« als Journalismus.

    Das war mein Ansinnen: Wir brauchen sowohl eine produktionsorientierte als auch eine rezeptionsorientierte Medienethik für die Medienproduzenten beziehungsweise -konsumenten. Wo sollen wir da ansetzen, wenn nicht schon bei der Ausbildung?

    22. Juli 2017

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