Eine Szene schnell oder langsam schreiben

Das hört sich merkwürdig an. Gemeint ist eine schnelle Szene schnell und eine langsame langsam zu schreiben. Ist das Unsinn? –

Überhaupt nicht: mit dieser Empfehlung beeinflusst man sich beim Schreiben in die Richtung des Subtextes. Subtext ist, was da eben nicht auf dem Papier steht, aber unterschwellig da sein muss. Insofern, machen wir uns nichts vor, ist ein guter Drehbuchtext immer auch Literatur. Es gelten zumindest in dem Punkt die gleichen Qualitätskriterien wie bei Prosa. Es muss immer mehr da sein, als expressis verbis da steht. Es muss etwas imaginiert werden. Da hilft einem Wissen wenig, das muss man Können!

Die Schreibtechniken sind eine 14-tägig erscheinende Sammlung von kreativen Techniken zum Drehbuchschreiben. Von der Ideensuche bis zum fertigen Drehbuch.

Alles, was zu diesem Können beiträgt, einem dabei hilft, ist legitim. Autoren haben ihre Techniken, Tricks, Gewohnheiten, um in den Mood zu kommen. In die Stimmung, um die es gehen soll. Das Wichtigste dabei: eine starke und präzise Vorstellungskraft.
Schreiben ist eben nichts rein Rationales, souverän Verfügbares, cool Handhabbares.
Weitere Hilfen:
Es ist immer gut, ein Foto seiner Hauptfigur zu haben, sichtbar auf Augenhöhe über dem Schreibtisch. Das kann das Foto eines Schauspielers, m/w, je nach Protagonist, es kann aber auch irgendeine Person aus einer Zeitung ausgeschnitten sein. Bei den langen Vorüberlegungen, die man hinter sich hat, ist einem sicher mal ein Bild aufgefallen, das so ist, wie man sich seine Hauptfigur vorstellt. So etwas sollte man haben. Damit kann man in einen fast magischen Dialog treten. Es wird einem dabei helfen, die richtigen Situationen und die rechten Worte zu finden.

Man kann auch ein Foto von einem Haus oder einer Landschaft aufhängen, das so ist, wie man etwas imaginieren will. Alles dient dazu seine eigene Sinnlichkeit zu füttern, um in den Mood zu kommen.

Und nicht nur über die Augen kann das gehen. Sehr viele Autoren arbeiten mit Hilfe von Musik. Oft nutzen sie eine Musik, die die Grundstimmung ihres Filmes ausdrückt. Und so eine Musik kann man wie einen Pawlowschen Reflex einsetzen. Einige Takte und man ist in der Stimmung. Das Nichtsprachliche von Musik öffnet sehr stark unser Unbewusstes. Und das brauchen wir beim Schreiben. Die innere Zensur des Rationalen und Bewussten muss aufgebrochen werden. Sonst sind wir verloren. Künstlerisches Schreiben ist eben nichts rein Rationales, souverän Verfügbares, cool Handhabbares.
Als Autor ist man ein bisschen Schauspieler und ein bisschen Musiker.
Nun können wir wieder zu unserer Titelformulierung zurück kommen. Worum es da geht ist letztlich Timing. Und um da hinein zu kommen, empfiehlt es sich, eine schnelle Szene schnell und eine langsame langsam zu schreiben. Timing ist nichts anderes als das zutreffende Tempo, der richtige Rhythmus und die exakte Länge von Pausen. Als Autor ist man ein bisschen Schauspieler und ein bisschen Musiker. Man muss seine Grundmusikalität aktivieren können. Das hat nichts damit zu tun, ob man Töne treffen kann. Grundmusikalität ist das, was jeder Mensch sicher hat, sonst hätte er als Kind Sprechen nicht lernen können.

Es muss sich etwas vermitteln. Als Drehbuchautor sollte man es nicht beschreiben, sondern zeigen. Wie macht man das?

Jean-Claude Carrière, soeben mit dem europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk als Autor ausgezeichnet, eine Legende, die schon für Luis Bunuel geschrieben und sich später mehr auf das Theater verlegt hat, auch für eine Legende, nämlich Peter Brook, hat zusammen mit Pascale Bonitzer das Buch Praxis des Drehbuchschreibens geschrieben, verlegt vom Alexander Verlag. Man kann es allen empfehlen, die sich nicht an der amerikanischen, sondern an der weiter zurückreichenden europäischen Erzähltradition orientieren wollen. Und Carrière sagt da:

Doch selbst innerhalb der vereinfachten Schreibweise eines Drehbuches gibt es einen Subtext, der aus dem Unbewussten resultiert. Daher ist es günstiger, eine schnelle Szene schnell zu schreiben, eine langsame langsam. Die Geschwindigkeit beim Lesen wird einen Eindruck der Geschwindigkeit der Handlung vermitteln, ohne dass das extra angemerkt werden muss. Umgekehrt natürlich genauso.
Auch ein Absatz wird bei dieser Schreibweise sofort suggerieren, dass ein Wechsel im Handlungsgeschehen eintritt, also ein Schnitt nötig ist.

Ein Drehbuchautor ist also der Pacemaker seiner Geschichte und auch der erste Cutter des Films. Zur elementaren Funktion von Schnitt bald noch mehr.

Deine Meinung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.