Film – eine Folge von Bildern

Es ist so weit. Alle Vorarbeiten sind erledigt. Gedanken und Bilder haben einen bis in die Träume verfolgt. Jetzt gilt es. Nun muss das Drehbuch geschrieben werden.

Schreiben ist das höchste Glück und manchmal eine große Qual. Oft im Wechsel.

Schreiben ist das höchste Glück und manchmal eine große Qual. Oft im Wechsel. Glück ist es, wenn man den FLOW-Zustand erreicht. Das Unbewusste liegt offen und man bekommt dauernd etwas quasi von unten, oder oben oder weiß Gott woher geschenkt, was man im Moment davor noch nicht wusste. Es fließt.
Fließen tut es aber nur, wenn man sich vorher lange genug damit beschäftigt hat. Den nicht erarbeiteten Musenkuss gibt es nicht.

Und Qual ist, wenn einfach nichts kommt, nichts fließt, wenn alles nochmal bewusst erkämpft werden muss. Das wird man nicht aushalten und irgendwann aufgeben.
Also: nie anfangen zu schreiben, wenn man noch nicht so weit ist. Ob man schon so weit ist, sagt einem das Gefühl. Auf diese Stimme zu hören lernt man.

Den nicht erarbeiteten Musenkuss gibt es nicht.

Alles, was man liest, erzeugt in einem Vorstellungen, Bilder. Insofern scheint ja die Wirkung von Prosa nicht anders zu sein als die Wirkung eines Drehbuchs. Vom Schreiber her betrachtet ist da aber ein prinzipieller Unterschied.
Man kann nicht wie bei Prosa hoffen, dass sich beim Leser schon seine Bilder einstellen – nein, wenn man Film macht, muss man Bilder planen, die nicht sehr frei sind für Fantasie, sondern konkrete Anweisungen für Schauspieler, Kameramann, Regisseur und alle anderen Kreativen eines Filmteams.

Man schreibt auch nach einem Schema:
Erst eine Zahl, das ist die Durch-Nummerierung. Dann der Ort, wo das spielt, dann die Angabe ob Außen oder Innen und als Letztes ob Tag oder Nacht. Das ist die Überzeile für jede Szene. Und das ist gut so, denn als Autor ist man dann sozusagen vor Ort.
Wenn man ein ausführliches Bildertreatment gemacht hat, kann man das nun für das Drehbuch benutzen. Man wird natürlich noch genauer beschreiben, noch besser, schöner vielleicht, auch weil man ja mit seiner Sache hoffentlich schon weiter ist.
Aber das Prinzip Bildertreatment kann man beibehalten. Und das ist, streng gesagt: ein Satz ist eine Einstellung. Punkt ist Schnitt. Dieses Prinzip hilft sehr, optisch zu denken. Und da kommt man als Drehbuchautor nicht drum herum.

Die Überlegenheit von amerikanischen Drehbüchern besteht genau in diesem Prinzip. Die Autoren haben sich, abgehend von zu literarischen Formen, dazu entschlossen. Auch um Erfolg zu haben. Sie wollten direkt beim Leser einen Film imaginieren, weil sie bezweifelten, dass Produzenten sehr gut lesen können.

Patrick Süskind hat die Problematik des Drehbuchschreibens 1997 im SPIEGEL, anlässlich ROSSINI, wozu er mit Helmut Dietl das Drehbuch geschrieben hat, so gekennzeichnet:
… dass sich die Gedankenverfertigung in den meisten Fällen als zu komplex und damit untauglich im Sinne der Filmsprache erweist und man gezwungen ist eine Art intellektuellen Regressions- und Reduktionsprozess herbeizuführen…
Man muss gescheit und intelligent und raffiniert sein, um in der dummen und dabei so unvergleichlich einleuchtenden Sprache des Films eine Geschichte erzählen zu können.

reduziert, einfach, klar, einleuchtend, bildlich.

Das ist also das, worum man sich bemühen muss: reduziert, einfach, klar, einleuchtend, bildlich. Es scheint nur leicht zu sein, ist aber schwer und bedarf der Übung und des Mutes und Könnens zu eben Einfachheit und Klarheit. Intellektuelle Ansprüche muss man reduzieren! Oder um es positiv auszudrücken: man muss Künstler sein: sinnlich, konkret, kraftvoll, unmittelbar verständlich.

Wenn man kein Bildertreatment angefertigt hat, sondern in seiner Beschreibung noch abstrakt geblieben ist, könnte man im 1. Arbeitsgang vielleicht auf Dialoge verzichten oder nur das schreiben, was einem ganz spontan an Sprechen einfällt.
Im 2. Arbeitsgang wird das vervollkommt und redigiert.

Hat man schon ein Bildertreatment geleistet, ist man gleich in der umfassenden Schreibarbeit. Und da merkt man, dass das Sprechen der Figuren Konsequenzen für die Bild-Einstellungen haben kann.
In der Komödie ist es so, dass das Gesprochene gegenüber den Bildern führen darf. Aber – auch Bilder können Komik erzeugen. Bestes Beispiel: Reaktionen.
Man rhythmisiert so auch seine Szenen. Schauspieler und Regisseure werden nervös, wenn Dialogpassagen zu lang sind. Davon kann man ablenken, wenn man die Reaktionen für die Regie anweist.

Das Sprechen der Figuren hat Konsequenzen für die Bildeinstellung.

Noch ein (quasi) Filmgesetz: spät in eine Szene rein gehen und früh wieder raus.
So erzeugt man Spannung und erzählt nicht langatmig und umständlich. Am Ende einer Szene muss der Zuschauer nicht alles wissen – im Gegenteil: spannender ist, wenn eine Frage erst einige Bilder später beantwortet wird.

Bilder – das Leitmedium des Film. So wie im Drama die Sprache und in der Oper die Musik. Die Bilder, das muss man sich immer wieder klar machen, sind das Stärkste im Film. Sie erzählen! Das sollte man als Drehbuchautor lernen und verinnerlichen.

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