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Wenn ich diese Plattform für eine kurze Beschwerde gebrauchen darf: Vor- und Abspann des Tatorts sind eine Zumutung. Und sehr anschauliches Beispiel dafür, wie sehr Format ein Werk einschränken, schwächen, beschädigen kann. Ausgerechnet Format, quasi Grundstein unserer journalistisch geführten Fernsehsender.

Wenn Faber, seine Kollegen, die Eltern eines gerade erst getöteten Mädchens und der verantwortliche Täter aus dem Staub und der ganzen Schrecklichkeit einer eben explodierten Bombe sich selbst herausarbeiten, heraussuchen müssen – anders als die beiden zum Attentat verführten Kinder, von denen nichts übrig geblieben ist – antwortet die ARD mit Tatort-Abspann.

Antwortet auf das Außergewöhnliche, das Außergewöhnlichste mit dem Gewohntesten. Antwortet auf Kunst mit Format. Das hat dieser Tatort nicht verdient. Kein Tatort hat das, und kein noch so durchschnittlicher Fernsehfilm.
Alles bloß Fernsehen
Grafik, die wohl an Saul Bass erinnern soll. An den Saul Bass der Fünfziger. Aus gutem Grund sehen seine späteren Vor- und Abspänne nämlich deutlich anders aus. Aus gutem Grund wird dieser Stil noch höchstens als Zitat verwendet. Erzählen wir Geschichten, die gegenwärtiger sind, als wir je fürchten konnten, und lasst sie uns rahmen in Nostalgie.

Musik, irgendwo zwischen Kobra, übernehmen Sie und A-Team: Hey, alles gar nicht schlimm, alles bloß Fiktion, du wirst heute Nacht ruhig schlafen können, wirst immer ruhig schlafen können, solange du uns vorher siehst (soll das unser Versprechen an den Zuschauer sein?!), alles bloß ein Scherz, hier ist die versteckte Kamera, alles bloß Fernsehen.

Es mag Zeiten gegeben haben, in denen die Tatort-Rahmung funktionierte, ich weiß es nicht, ich hab zu der Zeit, in der ich das vermuten würde noch Sendung mit der Maus gesehen. Übrigens ein Beispiel, bei dem Vorspann, Form und Inhalt vielleicht noch sehr viel besser zueinander passen – weil oder solange die Geschichten nicht berühren sollen.
Den Werken untreu
Die heutigen Tatorte haben sich von so einem Format doch längst verabschiedet, emanzipiert. Zu ihrem Glück, so sind sie relevant geblieben oder relevant geworden. Sie nehmen sich und ihre Figuren und ihr Leid – und Krimi, Mord, heißt nun mal vor allem Leid – ernst. Sie wissen, dass sie berühren können und müssen und tun das. Und die Redaktion fürchtet sich vor dieser Verantwortung, wird feige den Werken untreu und distanziert sich schnell mit fröhlichem Pfeifen, bzw. A-Team-Musik.

Das Fernsehen verändert sich. Den Tatort habe ich am Mittwoch Abend gesehen. Ich habe nicht bloß den Fernseher angemacht und genommen, was kommt; ich habe aktiv nach diesem Tatort gesucht, weil mich die Qualität der letzten Dortmunder Tatorte überzeugt hatte. Das kann Qualität. Den Sendern ist sie offenbar noch zu fremd, als dass sie ihr trauten.

Format ist dabei nicht nur irrelevant, sondern große Irritation. Wenn die Nachfrage nach Regelmäßigkeit geringer wird, und danach sieht es in dieser Hochzeit der Streamingdienste sehr aus, ist Format bloß noch ein Fremdkörper, der nichts zum Werk beiträgt sondern ihm durch seine nicht im Inhalt begründeten Regeln nur abträglich ist. Werden wir es los.

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