Große Geschichten neu erzählen – ein TV-Konzept?

In den 80er-Jahren hat der damals gerade ZDF-Intendant gewordene Dieter Stolte das Fernsehen als den wichtigsten Geschichtenerzähler unserer Zeit bezeichnet. Denn: Erzählen Großmütter ihren Enkeln noch Märchen? Wie viele Leute lesen noch Romane, wie viele gehen ins Theater? Absolute Rating-Zahlen für die Buch-Medien sind in den Ranglisten nicht angegeben. Sehr hoch sind die wohl nicht. Es bleiben also Film und Fernsehen. Aber ist das Fernsehen nun heute nicht schon weitgehend durch Computer-Screen, Laptop und Handy ersetzt? Wenn ja, dann ist zumindest schade, dass aus einem familiären Gruppenerlebnis ein Einzelerlebnis geworden ist.

Nach wie vor bleibt das menschliche Grundbedürfnis, zu erfahren was anderen Menschen passiert. Unabhängig davon durch welche Medien das vermittelt wird. Es ist dabei auch egal, ob die Geschichten sich wirklich abgespielt haben oder gut erfunden sind. Wir akzeptieren Fiktion genau so wie Reales. Das Kriterium ist, ob man das Vorgeführte für möglich hält. Sogar Unwahrscheinliches und Surreales sind wir bereit zu akzeptieren, wenn es gut und spannend gemacht ist und einen Schnittpunkt mit uns hat.

Als ein Mensch, der über 40 Jahre professionell Fernsehen betrachtet, weil er in diesem Medium gearbeitet hat, als Redakteur, Dramaturg, Regisseur und Autor ist mir ein Wendepunkt aufgefallen. Etwa ab der Einführung des Privatfernsehens hat die Professionalität von Autoren, Regisseuren und Kameraleuten ständig zugenommen – die Endqualität der Filme im Durchschnitt aber eher abgenommen. Welch ein merkwürdiges Paradox. Liegt es daran, dass heute aus Kostengründen unter enormen Zeitdruck quasi industriell gearbeitet werden muss? Oder liegt es daran, dass vor dem Privatfernsehen das Fernsehen ein Kultur-Medium war, danach aber zu einem Medium wurde, in dem Werbespots abgespielt werden? Womit plötzlich die Quote ein ausschlaggebender Faktor ist. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Beim Film müssen die Autoren die Arbeit einer Neuerzählung leisten.
Das heißt in der Praxis: die Verantwortlichen müssen tagtäglich mit allen Mitteln um die Gunst ihrer Zuschauer kämpfen. Und so darf es einen nicht wundern, dass so oft spekulative Effekte für wichtiger gehalten werden als eine gut durchdachte und schlüssige Geschichte. Die Einschaltquoten, wenn man vom Tatort mal absieht, deuten darauf hin, dass das Publikum eines allabendlichen Bombardements von „Event“- Effekten schon müde geworden ist. Und die Jugend hat sich schon für andere Medien entschieden: DVD, Computer, Laptop, Handy.

Kann es denn überhaupt so viele gute Geschichten geben wie alle TV-Sender zusammen in einem Jahr brauchen, um ihre Programmleisten zu füllen? Wer soll so viel Phantasie, Kreativität und Zeit dafür aufbringen können? Was könnte da helfen? – Mein Gedanke: sich des großen Schatzes der Weltliteratur bedienen! Ihrer Grundplots, ihrer Motive, ihrer Figuren und Handlungsstrukturen. Geschichten nehmen, die schon aus Urheberrechts-Gründen mindestens 70 Jahre alt sein müssen, aber auch 3000 Jahre alt sein können. Geschichten, die bewährt sind, die funktionieren und schon einmal und danach immer wieder Millionen von Menschen in Spannung versetzt und zu Tränen der Rührung oder Heiterkeit gebracht haben.

Nur: man muss diese Geschichten NEU erzählen. So als wenn sie heute geschehen würden. Das ist ja der Trick, mit dem die Theater oft bei ihren Inszenierungen arbeiten. Mit Recht meine ich, wenn man Theater nicht zu einem Museum machen will. Beim Theater bleibt das Leitmedium Text weitgehend erhalten, schon wegen dieser überragenden Sprach-Qualität. Beim Film, der leitmediummäßig mit Bildern arbeitet und mit der Kamera den Menschen ganz nah ist, müssten hingegen die Autoren, nicht wie beim Theater die Regisseure, erst einmal die Arbeit einer Neuerzählung leisten. Mit Veränderungen in den Geschichten und in der Sprache der handelnden Figuren. Das Verfahren hat also nichts mit dem sogenannten Remake zu tun, wo nur in einer meist viel zu kurzen Zeit versucht wird, einen Erfolg zu wiederholen.
Legitim, wenn das Neue Originalität besitzt.
In meinem Modell der Neuerzählung gibt es natürlich auch einen Maßstab, aber nur für die Autoren. Es ist die Qualität der zu bearbeitenden Vorlage. Welch eine Herausforderung. Neu ist mein Verfahren natürlich überhaupt nicht. Es hat mindestens einen prominenten Vorläufer, den wohl größten Autoren der Theatergeschichte: William Shakespeare. Der hat ja bekanntermaßen nur einen einzigen Plot selbst erfunden. Bei allen anderen hat er sich bedient – aus sogenannten Novellenbüchern oder der jüngeren Geschichte seiner Heimat England. Was er dann aber daraus gemacht hat, hat ihn unsterblich gemacht. Keiner käme auf die Idee, ihn des Plagiats zu bezichtigen.

Was man ihm nicht übel genommen hat, wird man einem heutigen TV-Autor auch nicht übel nehmen, wenn er seinen Beruf so ausübt, dass die Veränderung der Vorlage ins Heute und Jetzt überzeugt. Wenn es ihm gelingt, die Geschichte von gestern so zu erzählen, dass ein nicht gebildeter Zeitgenosse gar nicht auf die Idee kommen kann, dass das, was er da sieht irgendwas mit der Geschichte aus einer vergangen Zeit zu tun haben könnte. Der gebildete Zuschauer, der sich irgendwann erinnert fühlt, hat ein zusätzliches intellektuelles Vergnügen: indem er – by the way – die Distanz von gestern und heute sieht, lernt er etwas über den Wandel in der Geschichte.

Nur eine Art – abstrakter? – Kern ist gleich geblieben. Nach Shakespeare haben immer wieder Autoren aller literarischen Gattungen sich von alten Geschichten inspirieren lassen. Legitim immer, wenn das Neue Originalität besitzt.
Ein formales Element, um eine alte Story neu zu erzählen
Gerade läuft im Kino der Film Jugend ohne Gott. Der ist ein Beispiel für die Methode, die ich empfehle. Mindestens dreimal wurde der Roman zuvor schon verfilmt, aber immer ganz nah an Ödön von Horváths Roman und in der Zeit von 1935 spielend. Alain Gsponner und sein Autor Axel Buresch haben sich die richtige Frage gestellt, was uns das Heute & Jetzt sagen kann. Um Erkenntnis – das dritte Qualitäts-Kriterium nach Spannung und Gefühlen – klarer zu machen, haben sie die Geschichte in die Zukunft verlagert, aber nur etwas. Bei dieser Weltlage kann das in 15 Jahren schon irgendwo so sein.

Alle Kritiker arbeiten mit dem Begriff DYSTOPIE. Kann man das nicht sogar zutreffender mit einem deutschen Satz ohne Fremdwort bezeichnen? Und sie werfen dem Film vor, dass nicht wie bei Horvath linear und aus e i n e r Erzählperspektive geschildert ist. Ziemlich absurd dieser Vorwurf. Da ist nämlich auch ein formales Element benutzt, um eine alte Story neu zu erzählen. Und wesentlich interessanter und tiefer gehend. Auch in einer kürzlich gesendeten TV-Neuerzählung eines Ibsen Stücks weist der Titel auf die Vorlage hin: Hedda.

Meine Idee kam mir schon vor 20 Jahren, als ich die Traviata-Geschichte von Dumas und Verdi für Heute und Jetzt geschrieben habe. Mein Titel war Die Frau mit der Perlen-Kette, weil es bei Dumas heißt: Die Dame mit den Kamelien. Bei mir hatte die Heldin nicht Schwindsucht, sondern MS (Multiple Sklerose). Sie war eine Medizinstudentin, die um ihr Schicksal wissend, durch einen Zufall zu einer Edelprostituierten wird. Dann kommt ihr die Liebe dazwischen. Nicht der Vater ihres Geliebten zerstört die Beziehung, sondern die Mutter, was mir glaubwürdiger erscheint. Die Heldin stirbt nicht an Schwindsucht, sondern bringt sich um. Ein Sender erkannte die Vorlage nicht und fragte, ob sie denn eine Prostituierte sein und sich umbringen müsste. Das wäre aber die Zerstörung und Banalisierung dieses Melodrams gewesen.

Ein Kommentar bisher - Was sagst du?

  1. Wall-E said:

    Braucht man heute wirklich ein „Die Tribute von Panem“-Klon, der angeblich auf einem Schulklassiker basiert?

    Ansonsten sehe ich mehrere Probleme: Die Klassiker wurden so oft auf sehr triviale Weise aufgegriffen, dass manche Sachen heute fast zum Klischee verkommen sind, beispielsweise die Hure mit Herz.
    Auf der anderen Seite kann man nicht alles in die Gegenwart holen, ohne dass es an Brisanz verliert. Zwar ist eine Scheidung immer noch kein schönes Ereignis, aber es ist nicht mehr das Drama wie im 19. Jahrhundert. Die Welt entwickelt sich weiter.

    27. September 2017

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