Kill your Darlings – Qualität steht vor Liebgewonnenem

Jeder Drehbuchautor kennt diesen Moment, wenn die letzte Szene geschrieben ist und das kleine, aber wichtige Wörtchen ENDE die letzte Seite beschließt. Es ist ein Moment, den man lieben, aber auch fürchten kann – denn was nun folgt, ist die Überarbeitung des großen Wurfs, den wir Drehbuch nennen. Mit ihm startet ein zuweilen schmerzhafter Prozess, denn noch sind wir weit entfernt von „fertig“, und den Weg dorthin pflastern Leichen.

Mit einem Krimi oder einem Thriller haben diese Leichen allerdings rein gar nichts gemeinsam: Selbst eine Komödie, selbst eine Liebesgeschichte wird auf ihrem Weg zum fertigen Drehbuch Leichen zurücklassen. Denn mit der Überarbeitung stellen wir uns einer unserer größten Herausforderungen als Autoren: Den Mut zu haben und es übers Herz bringen, Figuren, Sätze und Szenen, die uns während der Drehbucharbeit so richtig eng ans Herz gewachsen sind, sprichwörtlich über die Klippe gehen zu lassen. Oder, wie William Faulkner es treffend formulierte: „In writing, you must kill your darlings.“

Der steinige Weg zum fertigen Drehbuch

Dass ein Drehbuch noch lange nicht fertig ist, nur weil die letzte Seite geschrieben ist, ist einerseits eine Qual, andererseits aber auch eine große Chance für die Geschichte, an der wir arbeiten. Rewrites sind quälend, und vielleicht müssen sie es sein, damit wir das Beste aus unserem Drehbuch herausholen. Ein Rewrite besteht aber nicht nur aus Verändern und Umformulieren. Manchmal stellen wir während der Überarbeitung eine Lücke fest und müssen etwas dazu erfinden, eine neue Figur, ein neues Handlungselement einführen und in die Gesamtheit der Geschichte einweben.

Viel öfter aber werden wir entdecken, dass irgendwo etwas zu viel des Guten ist, dass der Plot noch nicht rund ist, und zwar, weil wir uns beim Schreiben nicht dazu entscheiden konnten, etwas wegzulassen. Es gibt noch zu viele Wendungen, zu viele Nebenfiguren, zu viele sich ähnelnde Dialoge. Und es ist gut, dass wir uns beim Schreiben selbst nicht dadurch aufgehalten haben, das eine gegen das andere abzuwägen – dafür ist die Überarbeitung da, und sie gibt uns die Gelegenheit, den treffendsten Dialog auszuwählen oder mehrere Nebenfiguren zu einer zusammenzuführen, um die Handlung und das Figurengeflecht zu verdichten.

Und manchmal muss eine Figur oder ein Handlungselement eben auch einen tragischen Tod sterben. Tragisch deshalb, weil außer uns nie jemand überhaupt von ihrer Existenz erfahren wird, niemand außer uns sie je betrauern wird. Elemente zu identifizieren, die die Handlung nicht vorantreiben, und die deshalb nichts in unserem fertigen Drehbuch zu suchen haben, ist eine Aufgabe, die allein uns Autoren vorbehalten bleibt – und damit auch die schwere Aufgabe, sie herauszunehmen, zu kürzen, mit einem Wort: zu töten.

Figuren

Eine Figur zu töten heißt natürlich nicht zwingend, dass wir diese oder jene Figur im Verlauf der Handlung sterben lassen müssen. Manchmal kann es allerdings helfen, eine Figur in die Handlung einzuführen und diese früh sterben zu lassen, weil ihr Tod der Handlung einen ganz neuen Drive verpasst und somit einen wichtigen, meist unerwarteten Wendepunkt darstellt.

Anders betrachtet kann sich während der Überarbeitung aber auch herausstellen, dass in der Handlung einfach zu viele Figuren anwesend sind. Nebenfiguren, die sich ähneln, Figuren, die die Handlung behindern oder zumindest nicht vorantreiben, Figuren, die rein gar nichts mit dem Handlungsziel zu tun haben, sondern reines Beiwerk sind. Fällt uns nichts ein, wie wir solche Figuren mit der Handlung verknüpfen können, müssen sie raus. Und zwar konsequent. In der Praxis bedeutet das, ganze Figuren aus der Handlung herauszunehmen, oder mehrere Figuren zu einer zu vereinen, die so mehr Wichtigkeit für Plot und Handlung erlangt.

Sätze, Dialoge und Szenen

Das Motto „Kill your Darlings“ geht aber weit über das Eliminieren von Figuren hinaus. In unserer Eigenschaft als Autoren spielen wir mit der Sprache, und obwohl ein Drehbuch weitläufig vor allem als Handlungsanweisung für Regisseure und Schauspieler verstanden wird, verlieben wir uns in Sätze, Dialogelemente und ganze Szenen. Das ist nur menschlich, kann aber, wenn es um die Qualität des fertigen Buchs geht, auch mal falscher Stolz sein.

Wir haben also tage-, wochen-, vielleicht monatelang an der Handlung gearbeitet, Dialoge ausgefeilt, Szenen erfunden. Wir haben verändert, gelöscht und doch wieder hingeschrieben. Fast jeder Rewrite aber wird zeigen, dass einige unserer besten Einfälle, unserer literarischsten Sätze, unserer treffsichersten Dialogzeilen obsolet sind. Und selbst wenn wir diese nochmals überarbeiten, passiert es, dass wir sie löschen müssen – einzig zugunsten der Qualität des großen Ganzen.

Die liebsten Elemente sind die schwierigsten

Das Problem am Rewrite ist, dass uns der objektive Blick fehlt. Wenn es um die Überarbeitung unseres eigenen Babys, das uns ans Herz gewachsen ist, ein Teil von uns geworden ist, sind wir weder Lektoren noch Dramaturgen. Wir sind Autoren, die im tiefsten Innern das beschützen wollen, das sie selbst erfunden und entwickelt haben.

Wenn es um Handlungselemente und Figuren geht, die wir liebgewonnen haben, bringen wir es kaum übers Herz, sie wegzurationalisieren. Doch während eines Rewrites geht es nicht um emotionale Befindlichkeiten – es geht darum, rational zu entscheiden, welches Element der Handlung förderlich ist und sie voranbringt, und welches nicht. Punkt.

Das allerdings fällt schwer, vor allem wenn es um ebendiese Elemente geht, die wir so lieben. Dann müssen wir uns zwingen, unsere Handlung, unseren Plot aus einer objektiven Sichtweise heraus zu betrachten, um die richtige Entscheidung zu fällen. Gelingt uns das nicht, bleibt immer noch der Gang zu einem Kollegen, einem Lektor oder einem Dramaturgen – ihr unverstellter Blick kann manchmal Wunder bewirken und uns vor Augen führen, wie unser Plot am besten funktioniert. Und mit ihrem Rat fällt es dann vielleicht nicht ganz so schwer, unsere liebsten Sätze, Dialoge, Szenen oder gar Figuren zu löschen, solange wir erkennen, dass es dem Gesamtprodukt gut tut.

 

 

2 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Daniel Danzer sagt:

    Ich glaube, warum es oft und ausgerechnet die „Darlings“ sind und nicht irgendwelche anderen Szenen / Figuren / Elemente, liegt daran, dass diese „Darlings“ oft früh entstanden sind. Es sind quasi die Keimzellen, aus denen der Rest gewachsen ist. Die haben uns zu Beginn de Projektes gepackt, sie waren der Grund, weiterzumachen, um diese Kerndinge ging es uns! Doch leider ist es oft so, dass sie eben zu sehr „on the nose“ sind, viel zu deutlich zeigen, worum es uns geht, zu holzschnittartig. Was bei ersten Ideen eben so ist – und gut! Weshalb sie aber später, wenn es subtiler zugeht, das Eigenleben des Stoffes für feinere Zeichnungen sorgt, oft unbeholfen wirken.

    Es ist, als ob die ersten groben Raumaufteilungen, Grundierungen und Skizzen auf einer Leinwand beim späteren Ölgemälde noch durchscheinen würden. Und auch, wenn der Maler der Meinung war, „genau da!“ gehöre diese Figur hin, ist es beim endgültigen Werk dann doch anders. Und dann steht diese durch die Malfarbe noch sichtbare Vorzeichnung der Figur seltsam in der Landschaft, wo im fertigen Gemälde nur Himmel zu sehen sein soll.

    8. Mai 2017
    Antworten
    • Christine Pepersack Christine Pepersack sagt:

      Schön beschrieben. Bin ganz deiner Meinung. Vielen Dank für die Ergänzung!

      9. Mai 2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.