Kinder – heldentauglich?

Wir haben schon über männliche und weibliche Helden nachgedacht. Was ist eigentlich mit Kindern? Es gibt ja einige sehr gute Filme, in denen Kinder die Hauptfiguren sind. Natürlich wird man da nicht den Anspruch haben, dass sie Helden sind. Oder vielleicht doch? Wie verhält es sich mit Kevin Allein zu Haus oder Little Miss Sunshine? Wir sehen mal wieder, wie weit der Begriff ,Held‘ in der Film-Dramaturgie gefasst werden muss.

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Man sollte sich als Autor immer fragen, ob man in einer Geschichte nicht Kinder braucht und ob man nicht vielleicht sogar ein Kind zur Hauptfigur machen sollte. Selbst wenn man da bei Fernsehredakteuren und Produzenten meist auf Widerstand stoßen dürfte. Denn in Deutschland dürfen Kinder nur vier Stunden am Tag drehen. Das erschwert und verteuert die Produktion. Und Schauspieler mögen Kinder auch nicht so gerne am Set, obwohl sie dann fast immer ein liebevolles Verhältnis zu ihnen aufbauen. Denn oft stehlen Kinder ihnen die Show. Begabte Kinder weisen Schauspieler unweigerlich darauf hin, was für einen Beruf sie ausüben, nämlich keinen primär intellektuellen.

Nur zur Klärung: Kinder sind Menschen vom erfolgten Spracherwerb bis zum Eintritt der Geschlechtsreife. Ab der Pubertät muss man sie dramaturgisch schon zu den Erwachsenen zählen, obwohl man sie Heranwachsende nennt. Übrigens sind die ja Träger eines ganzen Genres, der coming of age-story.

Der berühmte amerikanische Schriftsteller William Faulkner, damals auch ein gesuchter Drehbuchautor in Hollywood, hat diesen bemerkenswerten Satz geschrieben:

Verschwende Deine Zeit nicht mit Mannsbildern. Die haben zu viele Tatsachen im Kopf. Setz für alles Außergewöhnliche Weiber und Kinder in Bewegung!

Über Weiber, sorry, Frauen haben wir in unserem letzten Kapitel schon gehandelt, durchaus in Faulkners Sinn. Kinder aber verschärfen seine Argumentation der Gefahr von zu vielen Tatsachen noch. Damit ist ja Rationalität gemeint. Denn Kinder wissen nicht so viel, schauen und fühlen deshalb aber wesentlich intensiver. Sie nehmen gierig alles auf, weil sie dabei sind das Leben zu lernen. Das wollen und müssen sie.

Eltern machen sich Illusionen darüber, wenn sie meinen, ihre Kinder bekämen vieles nicht mit. Irrtum, sie bekommen alles mit und bilden sich so ihre Einstellungen, aber ohne das schon so benennen zu können wie Erwachsene. Das kommt erst später. Nur das eine kapieren sie noch nicht, weil ihnen unterleibs-gesteuerte Gefühle fehlen: die Sexualität! Das ist auch der Grund, warum sie immer so verlegen kichern, wenn ihre Eltern sich mal leidenschaftlich küssen.

Heißt für unser Medium: Kinder sind die idealen Träger der so wichtigen Reaktionen im Film. Man muss ihnen gar nicht viele Worte geben, nur zeigen, wie sie reagieren. Und das tut ein unverklemmtes, halbwegs begabtes Kind meist viel lebendiger und wahrhaftiger als ein Schauspieler.

Der Soziologe Norbert Elias hat seinen Philosophen-Kollegen vorgeworfen, bei ihren Überlegungen immer so zu tun, als wenn Menschen nie Kinder gewesen wären. Wenn man die großen Philosophen danach befragt, was sie über Frauen, Kinder, Musik, Sexualität und Tiere sagen, dann wird man ja nicht sehr fündig. Wie wichtig aber genau das alles für die Gesamtheit unseres Lebens und somit für die Qualität unserer Filme ist – das eben macht die Essenz von Faulkners Statement aus.

Wer immer noch nicht überzeugt ist, den muss man nur an die Qualitäten folgender Filme erinnern. Eine Auswahl:

  • Das weiße Band
  • Sixth Sense
  • Wer früher stirbt ist länger tot
  • Eltern
  • Der Junge mit dem Fahrrad
  • Angele & Tony
  • Boyhood
  • In einer besseren Welt

und gerade erst in Kino und Fernsehen:

  • Eine unerhörte Frau und
  • Mein Sohn der Klugscheißer

Diese wunderbar humanen und sogar politisch relevanten Geschichten könnten ohne ihre Kinder-Protagonisten überhaupt nicht existieren.

Sind solche Geschichten schwerer zu schreiben? Wohl nicht wirklich, denn jeder war mal Kind und falls man das vergessen oder verdrängt haben sollte, dann gehe man, wenn man zu Hause keine Kinder hat, auf die Straße, auf Kinderspielplätze und Schulhöfe. Die Augen und Ohren werden einem übergehen. Und man wird sich erinnern…

Nichts ist wichtiger für Autoren als die Erinnerung!

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