Kurze Bemerkungen zu BORGMAN

Borgman wurde 2013 von unseren kleinen Nachbarn Holland, Belgien und Dänemark produziert, er war hier 2015 im Kino kaum aufgefallen, lief jetzt gerade im TV bei arte.

Ich möchte mich nun nicht auf inhaltlich-moralische Diskussionen einlassen. Obwohl es gelegentlich mal Ansatzpunkte für eine Interpretation gibt, scheinen mir Debatten darüber völlig sinnlos. Das muss jeder für sich leisten und er bleibt doch am Ende ratlos zurück. Abspann und alle Fragen offen hätte Reich-Ranicki selig seinen Brecht-Spruch variiert. Und wenn überhaupt ein Interpretationsansatz funktioniert, dann der mit Bezug auf das Theater. Das hier auf der Bühne gezeigt, ließe sich einordnen in die Richtung Absurdes Theater.

Wir Film-Leute haben zur Auswahl: Thriller, Rache-Orgie, Sozialdrama, Gesellschaftssatire, schwarze Humoreske. Und alle diese Genrebezeichnungen greifen nicht, nur mal ganz kurz, stellenweise.

Nun fand ich immer schon Genrereinheit total langweilig, mich interessieren immer mehr die nachhaltigen Kinomomente, in denen ich das wirkliche Leben wieder erkenne. Das ist ja auch die Stärke des mit nah gezeigten Menschen arbeitenden Mediums Film. Stärke beispielsweise gegenüber dem Theater.
Die Stärke des mit nah gezeigten Menschen arbeitenden Mediums Film
Was aber nun ist das Besondere, geradezu Sensationelle an diesem Film? – Dass man über 110 Minuten lang in Spannung gesetzt und darin gehalten wird. Und dass man gar keine Möglichkeit hat, seine Gedanken in Richtung Sinn und Bedeutung abschweifen zu lassen.

Hier wird alles kurz, knapp, lakonisch gespielt und gezeigt. Basta. Kein Raum und keine Zeit für Kitsch, Gewaltexzesse und das, was man dauernd in schwächeren Filmen ertragen muss. Dass nämlich Situationen ausgewalzt, genüsslich gezeigt werden wie in amerikanischen Filmen, z.B. Gewalt und Sex. Hier nicht, immerhin in einem Film, wo man zum Leichen-Zählen eine Strichliste benötigen würde.

Es ist eine überragende ästhetische Klarheit und Sauberkeit mit der hier gearbeitet wurde und die einen als Zuschauer geradezu bannt.

Und da unser Blog FILMSCHREIBEN heißt noch eine Schlussbemerkung. Gerne hätte ich das als Drehbuch gelesen und hätte sicher daran rum kritisiert. Mich würde interessieren, wieweit bereits im Drehbuch diese ästhetische Stringenz geleistet ist. Gott sei Dank hat der Autor ja auch die Regie gemacht…

2 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Ralph Gluch sagt:

    Eine kurze Inhaltsangabe wäre hilfreich für jene, die den Film nicht gesehen haben.

    29. August 2017
    Antworten
  2. Michael Füting sagt:

    o.k., kurz der Inhalt:
    Da hat sich ein obdachloser Waldschrat eine Höhle gebaut. Die Honoratioren des Ortes, inclusive der Herr Pfarrer, holen ihre Waffen und machen Jagd auf ihn. Er kann entkommen. Noch ungewaschen und bärtig klingelt er an den Häusern der Gutbetuchten und bittet, ein Bad nehmen zu dürfen. Überall wird er abgewiesen, an einer Tür greift er zu dem Trick, dass er die Ehefrau von früher kenne. Daraufhin schlägt der Ehemann ihn blutig nieder. Die Frau hat Mitleid mit ihm und lässt ihn baden. Unser „Held“ hat Connections zu anderen Underdogs, im weiteren Verlauf erweisen die sich alle als hoch kriminell. Er rasiert sich, schneidet sich die Haare, kleidet sich gut und bewirbt sich um die Stelle des Gärtners bei dem Schläger. Den Gärtner hatte er zuvor umgebracht und von seinen Kumpanen im See versenken lassen. Als Gärtner kann er den Mann, übrigens ein gerade rausgeschmissener Filmproduzent und seine Frau ermorden. Die Kinder lässt er leben und verschwindet mit ihnen im Wald.
    Ich frage mich jetzt wirklich, ob die Inhaltsangabe hilfreich ist. Dieses rein verbale Ausfor-mulieren schiebt das Kunstwerk auf die Ebene der moralischen Wertung. Obwohl ich mir schon Mühe gegeben habe, etwas in Richtung Ironie zu insinuieren. Was fehlt, ja fehlen muss, bei Inhaltsangaben, ist die sensuelle Präsenz der Bilder. That’s the problem…

    30. August 2017
    Antworten

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