Link: Neropen in der Stoffentwicklung

Schon früh werden beim Drehbuchschreiben die Weichen für die Geschlechterverteilung und somit meistens das Männerübergewicht im Film gestellt. Die Hauptrolle, oder die zwei, drei Hauptfiguren, stehen meist von Anfang an fest und mit ihnen ihr Geschlecht. Nach und nach, im Laufe der Stoffentwicklung, beim Schreiben (siehe auch: DramaWiki: Textformen) kommen andere Personen dazu, bis es am Ende 15 oder 25 oder noch mehr Sprechrollen sind.

Belinde Ruth Stieve, Expertin für Diversitätswandel in Narrativ und Gesellschaft und Erfinderin des Besetzungstools NEROPA Neutrale Rollen Parität schreibt in einem neuen Blogartikel von der Anwendung der NEROPA-Methode durch Autorinnen und Autoren: Neropen in der Stoffentwicklung.

Das Tool hatten wir hier auch schon einmal verlinkt und ich habe auf filmschreiben selbst schon über seine Möglichkeiten in der Stoffentwicklung geschrieben. Belinde Ruth Stieve ist außerdem filmschreiben-Gastautorin, von ihr stammt der Artikel Männer schreiben Drehbücher.

9 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Wall-E sagt:

    Man sollte sich überlegen, ob nicht unsere Liebe für Krimis die Gleichberechtigung in der Fiction verhindert. Straftäter sind zu 90 % männlich, bei den Opfern sieht es ähnlich aus, wenn nicht so krass. Krimisektor strebt eine gewisse Realitätsnähe an, deshalb kann man dieses Verhältnis nicht allzu verbiegen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

    8. November 2017
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    • Das leuchtet mir nicht ein. Eine Erzählung erzählt immer von spezifischen Menschen, nicht von Statistiken. Ein Krimi, in dem 100% der Figuren Frauen sind wäre ohne jedes Glaubwürdigkeitsproblem denkbar.

      8. November 2017
    • Wall-E sagt:

      Ja, das kann man einmal machen, das kann man zweimal machen, aber wenn die Hälfte der Filme so ist, wird es unglaubwürdig.

      8. November 2017
  2. Michael Füting sagt:

    Und doch hat Wall-E nicht unrecht. Es ist wie ein Offenbarungseid gerade desÖ/R-TV, dass die Anzahl der Krimis so extrem hoch. Kids, die täglich vor der Glotze hängen, müssen meinen, dass In Deutschland täglich massenhaft gemordet wird.
    Als Dramaturg des BULLEN VON TÖLZ weiß ich, dass wir es in fast 12 Jahren auf knapp 100 Tote gebracht haben. Das für Tölz zuständige Kommissariat in Weilheim zählte im gleichen Zeitraum nur 2 Mordfälle. Ja, und die Täter waren überwiegend Männer – die Opfer auch. Der Krimi, das einzige Genre, das man nicht tot senden kann, weil es die Rätselstruktur des Wer war’s hat und Mord gesühnt werden muss, könnte zu einem großen Teil durch sozialkritische TV-Spiele ersetzt werden:
    Ohne Leichen!

    8. November 2017
    Antworten
    • Wall-E sagt:

      Ich finde es nicht nur für die Kids gefährlich, sondern für alle, weil es das generelle Sicherheitsgefühl geschwächt wird. Die Kinder sind ja nicht die Stammzuschauer von ARD und ZDF.

      Irgendwann verliert auch die Rätselstruktur an Wirkung, weil das Publikum die Tricks dahinter langsam erkennt, weil sie schon so viele gesehen hat.
      Krimis haben allerdings den Vorteil einer Ankerfigur und die Möglichkeit einer abgeschlossenen Handlung, so dass man kein Vorwissen für eine neue Folge braucht, der Ermittler übernimmt eben einen neuen Fall.

      Und die Rätselstruktur ist meist ebenso fernab der Realität. Der Großteil besteht aus Beziehungstaten, wo der Täter schnell ermittelt wird, aber den Fall noch nicht abgeschlossen wird. Ist es nun Mord oder Totschlag? Gibt es genügend gerichtsfeste Beweise?

      9. November 2017
    • Das finde ich interessant. Hast du Quellen für den Einfluss auf das Sicherheitsgefühl? Gerade weil es in Krimis meist einen persönlichen Bezug zwischen Täter und Opfer gibt hätte ich jetzt vermutet, dass es da keinen direkten Zusammenhang zum Sicherheitsgefühl der Zuschauer gibt. Das würde ich mir gern mal angucken.

      10. November 2017
  3. Wall-E sagt:

    Das wäre mal eine interessante Studie für Doktorarbeiten. Aber ich ging lediglich davon aus, dass der Konsum vieler Krimis nicht spurlos an den Zuschauern vorbeigeht.
    Wahrscheinlich muss man bei dieser Arbeit differenzieren zwischen eher Krimikomödien wie „Mord mit Aussicht“ und anderen Krimis.

    10. November 2017
    Antworten
  4. Michael Füting sagt:

    Dass es überhaupt sogenannte Krimikomödien gibt, ist ein interessanter Fakt. Es heißt, dass der Krimi ein Genre ist, dass für andere Genres offen ist. Im Fall Komödie wird Mord dann etwas ironisch behandelt. Und der BULLE v.T. ließe sich auch, beabsichtigt, dem Heimatfilm zurechnen.
    Eines unserer Kriterien bei den Fällen war, nur Taten zuzulassen, die nicht psycho-pathisch, rein geldgierig oder mafiös waren, also Beziehungstaten. Wir meinten, dass sich der Ort Tölz doch eben von Chicago unterscheidet. Wir wollten etwas, womit sich der Zuschauer identifizieren kann. In dem Sinne, dass er sich sagt diese Situation kenne ich, Gott sei Dank ist es nicht zum Mord gekommen, oder X steckte in einer ähnlichen Situation. Es war also ein worst-case-Verlaufs-Prinzip, dass uns
    diese hohe Zahl der Morde möglich gemacht hat.

    15. November 2017
    Antworten
    • Wall-E sagt:

      Jedes Genre ist für eine ernste, heitere oder semi-lustige Erzählweise geeignet, das ist kein Kriterium, was nur auf Krimis zutrifft.
      Ich bin mir sicher, selbst Mafiamorde kann man ebenfalls humoristisch aufbereiten, die Realität ist ja bei realen Morden immer trist und dunkel. Ich frage mich, ob man ein Mord ironisch behandeln kann und ob es der Zuschauer mitbekommt.

      16. November 2017

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