Psychologische Grundkonflikte VI: der ödipale Grundkonflikt „Verleugnung vs. Dramatisierung von Geschlechtlichkeit“

Tears aren’t a woman’s only weapon. The best one’s between your legs. Learn how to use it.

Cersei Lannister (Lena Headey) in GAME OF THRONES, Staffel 2, Episode 9 (USA, 2012)

Dieser Artikel behandelt einen der sieben psychologischen Grundkonflikte und baut damit auf meinen allgemeinen Ausführungen zur Psychodynamik auf. Ebenfalls bereits erschienen sind Artikel zum Abhängigkeits- vs. Individuationskonflikt, zum Unterwerfungs- vs. Kontrollkonflikt, zum Versorgungs- vs. Autarkiekonflikt, zum Selbstwertkonflikt und zum Schuldkonflikt.

Sex als Waffe, Attraktivität als Machtmittel, Weiblichkeit als Trumpf im bedingungslosen GAME OF THRONES – Cersei Lannister will immer gewinnen. Bereits ihr Auftreten lässt daran keinen Zweifel: Dramatisch, erotisch, rivalisierend, von einer Schönheit die gleichermaßen anzieht und einschüchtert. Hierin erinnert uns Cersei vielleicht auch an Gemma Teller-Morrow, die Matriarchin des Motorradclubs SONS OF ANARCHY aus der gleichnamigen TV-Serie.

Als männliches Pendant, könnte uns Barney Stinson aus HOW I MET YOUR MOTHER einfallen, ein reicher Businessman und Playboy mit scheinbar grenzenlosem Selbstbewusstsein und legen– wait for it –därem Frauenverschleiß.

Wie anders erscheinen uns dagegen die stillen, zurückgenommenen Charaktere, deren Geschlechtlichkeit immer etwas leises, fast verborgenes, oft sogar scham- und schuldbelastetes hat, wie zum Beispiel Norman Bates aus dem Psycho-Prequel BATES MOTEL, oder Leonard Hofstadter aus THE BIG BANG THEORY.

Diese beiden Pole – Verleugnung vs. Dramatisierung von Geschlechtlichkeit – bilden die beiden einseitig-unausgewogenen Modi des sogenannten ödipalen Grundkonfliktes. Diese Benennung, die bekanntermaßen auf Sigmund Freud zurückgeht, bedarf sicher der Erklärung:

Verleugnung vs. Dramatisierung von Geschlechtlichkeit bilden die beiden einseitig-unausgewogenen Modi des ödipalen Grundkonfliktes.

Wie alle psychologischen Grundkonflikte, leitet sich auch der ödipale Konflikt aus bestimmten grundlegenden Dynamiken der psychischen Entwicklung des Menschen ab. Die meisten Kinder erleben in den ersten Lebensmonaten eine vollständig versorgende, symbiotische Bindung zu ihrer primären Bezugsperson, meist der Mutter. Noch längere Zeit erleben Kinder die Welt egozentristisch und haben noch keine Idee davon, dass die Mutter auch eigene, von der Versorgung des Kindes unabhängige Wünsche und Motive hat. Irgendwann jedoch (nach der psychoanalytischen Theorie etwa ab dem dritten Lebensjahr) beginnen die Kinder ihre Bezugspersonen differenzierter, gleichsam als vollständige Persönlichkeiten mit eigenen Bedürfnissen wahrzunehmen. Weitere Bezugspersonen (im klassischen Familienmodell zunächst der Vater*) werden erstmals als Konkurrenten erlebt, die ebenfalls Anspruch auf die Liebe und Zuwendung der Mutter erheben.

Da das Kind aber Beziehungen bislang nur dyadisch erlebt und gedacht hat, ist es mit dieser ungleich komplexeren Dreierkonstellation, in der jeder Beteiligte eigene, differenzierte Bedürfnisse an den anderen hat, überfordert und versucht zunächst, an dyadischen Bindungen festzuhalten. Freud ging davon aus, dass das Kind immer die Nähe zum gegengeschlechtlichen Elternteil suchen wird, da es in dessen liebevollem Blick die Sehnsucht nach dem perfekten Liebespartner gespiegelt sieht und genau hierin die Konkurrenz zum gleichgeschlechtlichen Elternteil erlebt, welchen es daher vorübergehend ablehnt. Daher die Benennung nach Ödipus, welcher der Sage nach (unbewusst!) seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete. Aus heutiger Sicht, muss es sicher nicht immer der gegengeschlechtliche Elternteil sein, dem sich das Kind, zwischen den Eltern spaltend, zuwendet. Es gibt jedoch diese Konstellation, insbesondere, wenn Eltern tatsächlich unbefriedigte Liebesbedürfnisse vom Partner auf das Kind übertragen. Vor allem in diesen Fällen, lässt sich dann mitunter die typisch ödipale Konfliktstruktur beim Kind beobachten.

Ist die Beziehung der Eltern intakt, wird das Kind erleben, dass es zwar den Dritten im Bunde nicht ausschließen kann, aber genug Raum für viele unterschiedliche, aber jeweils positive Beziehungen mehrerer Menschen untereinander ist, wodurch es lernt, liebevolle reziproke Beziehungen einzugehen und Konkurrenz spielerisch, sich ausprobierend, und nicht als existenzielle Bedrohung der eigenen Geborgenheit und Zugehörigkeit wahrzunehmen. Die verschiedenartigen Beziehungen bieten die Möglichkeit, mit dem einen Elternteil zu toben und Abenteuer zu erleben, während es die Stärke des anderen Elternteils sein könnte, Schutz und Trost zu spenden usw.

Anders kann der Prozess verlaufen, wenn keine weiteren (auch, aber nicht nur gleichgeschlechtliche) Bezugspersonen verfügbar sind, so dass das Kind sich an dem einen reiben und die eigenen Waffen erproben kann, während der andere immer noch als Sicherheit bietende Bindungsperson zu Verfügung steht. Cerseis Mutter in GAME OF THRONES ist früh verstorben, Gemmas Mutter war eine Tyrannin, die kein Aufbegehren der Tochter duldete. In beiden Fällen blieben die Mädchen alleine von der Liebe bzw. Anerkennung der Väter abhängig. In HOW I MET YOUR MOTHER hat Barneys Vater die Familie früh verlassen. Die Väter von Norman und Leonard waren zwar physisch anwesend, aber derart schwach und passiv, dass die Jungen sich ihren dominanten Müttern vollständig unterordnen mussten, ohne einen Verbündeten bei der Durchsetzung eigener, vielleicht typisch männlicher Motive gegen die Vorstellungen der Mutter, zu haben.

Kann der frühe ödipale Konflikt (ganz Mann/Frau vs. ganz Kind) nicht durch Ausprobieren und spielerisches Spalten zwischen und Konkurrieren mit den Eltern gelöst werden, bleibt Konkurrenz existenziell bedrohlich und muss daher entweder durch Unterordnung und Verleugnung aller eigenen Ansprüche gemieden, oder aber ständig und mit allen Mitteln zur Selbstversicherung exerziert werden.

Die Persönlichkeitsentwicklung gleicht sich einseitig an das Idealbild der einen, übermächtigen Bezugsperson an. So eifert Cersei ihrem Vater Tywin nach, indem sie Macht und Familie über alles stellt, leidet dabei aber stets unter einem Minderwertigkeitsgefühl aufgrund ihrer Weiblichkeit, die Tywin gering schätzt und für die ihr kein positives Rollenvorbild zur Verfügung stand.

“Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter“ – Norman Bates

Barney Stinson wird der tollste Kerl, den seine Mutter je gesehen hat, ganz wie der Showmaster, den sie verehrt – ein völlig unrealistisches und eindimensionales Geschlechtsrollenmodell. Norman und Leonard sind die anständigen und harmlosen Jungen für ihre von der Männerwelt so enttäuschten Mütter. Ganz wie Norman Bates in PSYCHO feststellt: „Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter.“

Dass es sich bei diesen einseitig akzentuierten Erlebens- und Verhaltensweisen dennoch um Lösungsversuche eines bipolaren Konfliktes handelt, zeigt sich manchmal in den trieb- und impulshaften Durchbrüchen, die wir als unbewussten Widerstand gegen die Enge und Unfreiheit des eindimensionalen Selbstentwurfs verstehen können: Cercei verweigert dem König (heimlich) den Nachwuchs, beschmutzt aber die heilige Familienehre durch Inzest. Und der biedere, anständige Norman Bates – nun ja…

*Dieser Mechanismus, die sogenannte Triangulierung, ist unabhängig von der Familienkonstellation. Auch alleinerziehende Eltern können selbstverständlich einen konstruktiven oder aber destruktiven (übergriffigen und ausschließenden) Umgang mit den Beziehungsangeboten Dritter an das Kind pflegen. Solche Dritte sind ebenso wie Väter auch Stiefväter/-mütter, Geschwister, Großeltern, Erzieher, Lehrer…

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