Radikalisierung und Integration

Das Weltgeschehen unserer Gegenwart in unsere Erzählstoffe einzuweben bzw. unsere Geschichten aus dieser Weltgeschichte, diesen Weltgeschichten heraus zu erzählen: Das sollte uns allen ein großes Anliegen sein. Weil es uns und unser Publikum betrifft, weil wir Erzähler Vermittler sind und unser Publikum der Vermittlung bedarf.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in der 34. Ausgabe des »Wendepunkt«, dem Fachmagazin des Verbands für Film- und Fernsehdramaturgie, das Anfang des Monats zur Berlinale erschien. Der Wendepunkt lässt sich auf den Seiten des Verbands digital abonnieren, die 34. Ausgabe gibt es hier als PDF. Ich danke den Redakteuren für die schöne Möglichkeit und Zusammenarbeit!
Erzähler können lieben lassen.
Die erste Aufgabe des Erzählers ist es, zu verstehen. Unsere Figuren handeln und der Erzähler muss verstehen wieso. Erzählung ist, wenn etwas Bedeutung hat und wir müssen Figuren erst verstehen um zu wissen, was für sie von Bedeutung ist. Um dann – das ist die zweite Aufgabe des Erzählers – dieses Verständnis dem Publikum zu vermitteln.

Wenn der Zuschauer diese Bedeutung versteht, kann er sie sich zu eigen machen. Und ist einer Figur etwas von Bedeutung, ist sie selbst von Bedeutung. Wenn eine Figur etwas, jemanden liebt, lieben wir sie wieder. Das ist unsere erzählerische Macht und die damit einhergehende Verantwortung: Wir Erzähler können verstehen lassen. Wir Erzähler können lieben lassen.

Wohl nichts anderem begegnen wir alle aber mit so viel Unverständnis wie den großen, bedrohlichen, komplexen und komplizierten Themen unserer Gegenwart: Finanzkrise, mögliche Staatspleiten, islamistischer Terror, rechtsextremer Terror, Folter, Rechtsruck in der Bevölkerung, Rechtsruck von Regierungen, Angriffe auf die Pressefreiheit, Flucht. Der Geschichtsschreiber muss das erst im Nachhinein verstehen, der Geschichtenschreiber schon jetzt.
Erzählung ist, wenn etwas Bedeutung hat: Auch für uns Erzähler.
Das ist schwierig, Geschichtenerzählen ist nun mal schwierig. Das hier ist mein Appell an euch, an uns, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Erzählung ist, wenn etwas Bedeutung hat: Nicht nur für die Figuren, sondern auch für uns Erzähler und unser Publikum. Und um euch, uns, nach diesem Ruf zum Abenteuer als guter Herold das Überqueren der Schwelle zu vereinfachen, folgender Gedanke: Zwei dieser Themen sind schon inhärenter Bestandteil des Erzählens: Radikalisierung und Integration.

Radikalisierung und Integration kennen wir aus der Charakterentwicklung, denn auch Persönlichkeiten oder Persönlichkeitsmerkmale können radikal sein – und sind es oft: Unsere Figuren haben Verletzungen erlebt, durch die sie die Welt anders wahrnehmen und ihr und ihren Problemen anders begegnen. Wir nennen das „mode“ oder „komische Perspektive“: Manchmal ist sie nur etwas schräg, manchmal aber auch spürbar ‚ver-rückt’. Umgekehrt werden in sich ruhende, „verheilte“ Figuren als ‚integrated characters’ bezeichnet.

Der deutsche Psychoanalytiker Fritz Riemann hat 1975 ein Modell entwickelt, in dem er vier Persönlichkeitsrichtungen des Menschen beschreibt. Das Streben nach Ordnung und Sicherheit steht demnach dem nach Freiheit und Bewegung gegenüber, das Streben nach Nähe und Resonanz dem nach Distanz und Autonomie. Der (in sich) integrierte Mensch kann je nach Situation zwischen ihnen entscheiden. Ein Mensch mit der entsprechenden Persönlichkeit ist in seinen Entscheidungen jedoch mehr und mehr auf bestimmte Richtungen festgelegt. Wenn sich seine Persönlichkeit in einer Richtung „radikalisiert“, droht eine Persönlichkeitsstörung.
Unsere Figur hat ein Ziel, und einen guten Grund es zu erreichen.
Radikalisierung und Integration sind also mögliche Richtungen einer Charakterentwicklung, und das auch in Bezug auf die Gesellschaft, in der die Figur lebt. Denn unsere Figur hat ein Ziel, und einen guten Grund es zu erreichen. Sie wird es auch gegen Widerstände in seinem emotionalen Netzwerk durchsetzen und notwendige Opfer bringen, die Beziehungen belasten. Radikalität wird meist sehr eng und ausschließlich politisch definiert – aber immer relativ zu gesellschaftlichen Überzeugungen. Radikalisierung bedeutet also eine Distanzierung von der Gesellschaft.

Das kann dann ein Egoist sein, der seine Freunde ausnutzt. Ein Aktivist, der die ständige Provokation sucht. Ein Geschäftsmann, der sich über jede Moral hinwegsetzt. Ein Krimineller, der unsere Gesetze bricht. Ein Vampir, der Menschenblut trinkt. Aber das kann auch der Angehörige sein, der sich von den repressiven Wertvorstellungen seiner Familie emanzipiert. Denn Radikalisierung ist nicht grundsätzlich schlecht. Nicht für den Radikalisierten, für den es eine Befreiung sein kann. Und nicht für die Gesellschaft, die die Abweichung als wertvolle Kritik verstehen und sich entwickeln kann. Demokraten waren einmal radikal.

Radikal sein bedeutet, ein Ding an der Wurzel zu packen. Unsere Figuren haben ein Problem erkannt, ob persönlicher oder gesellschaftlicher Natur, das sie lösen wollen und innerhalb der Gesellschaft aber nicht lösen können, ob aus persönlichem oder gesellschaftlichem Zwang. Sie entschließen sich zu handeln und radikalisieren sich. Oder sie entschließen sich, das Problem zu ignorieren und sich in die Gesellschaft/dem Willen der Gesellschaft zu fügen. Zuletzt müssen sie oder wir (das Publikum) entscheiden, ob es das gesellschaftliche oder persönliche Opfer wert war. Und oft genug war es das nicht, und diese Erkenntnis ist dann der Schlüssel zur Charakterentwicklung, zum ‚character arc’.
Wir Erzähler sind Mittler, Ermittler, Vermittler.
Unsere Aufgabe als Erzähler ist es, solche Probleme zu identifizieren, sie als Motiv zu verstehen, für die Entscheidungen, die Figuren, Menschen treffen, und die eingeschlagenen Wege nachzuvollziehen. Radikale und Extremisten zu verstehen, ihnen also Verständnis entgegenzubringen, ist nicht einfach. Und diejenigen erst zu bemerken, die persönliche Opfer bringen, um Mitglied unserer Gesellschaft zu bleiben, ist fast genauso schwer. Denn natürlich ist unsere eigentlich liberale Gesellschaft auch repressiv, manchmal aus gutem, manchmal aus schlechtem Grund.

Und dann müssen wir dieses Verständnis vermitteln. Weil so Geschichten funktionieren. Und weil wir so helfen können. Weil das Gefühl, nicht verstanden zu werden (und nicht verstanden werden zu wollen) radikalisieren kann. Und weil Probleme erst verstanden werden müssen, damit eine Lösung möglich ist. Weil alles Verständnis braucht. Film ist ein Medium, etwas Vermittelndes. Wir Erzähler sind Mittler, Ermittler, Vermittler. Also lasst uns vermitteln. Das ist vielleicht nicht einfach, aber es ist ja auch niemand damit allein. Wir sind viele.

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