Weltumspannend, Telepathisch, Pansexuell – so funktionieren international-interkulturelle Serien wie SENSE8

Eine Gruppe zunächst unbekannter Charaktere, Orte an allen Enden der Welt, ein sie verbindendes Ereignis. Serien, die sowohl verschiedene Kontinente als auch Kulturen und Denk- und Lebensweisen ausloten, funktionieren heute genauso gut wie vor 10 Jahren. Was bei Lost und Heroes viele Staffeln lang die Zuschauer an den Bildschirm fesselte, machen sich jetzt die Wachowskis mit Sense8 zunutze.

Worum es geht, nur in Kürze: Acht völlig fremde Menschen in sieben verschiedenen Ländern erleben auf einmal eine telepathische Verbundenheit. Sie können sehen, wie die anderen Mitglieder ihres „Clusters“ – so nennt sich die unbekannte Gemeinschaft – leben, sie fühlen wie sie, ja sie übernehmen sogar deren Eigenschaften. Natürlich darf eine Mentoren-Figur nicht fehlen: Der geheimnisvolle Jonas, von dem wir lange Zeit nicht wissen, ob der hellen oder dunklen Seite zuzurechnen, nimmt die Protagonisten an die Hand, um sie vor dem gefährlichen Gegenspieler „Mr. Whispers“ zu beschützen.

Geheimnisvolle Ereignisse werfen ihre Schatten

So oder so ähnlich haben wir das auch als Zuschauer in Erfolgsformaten wie Lost oder Heroes erlebt. Das mysteriöse Geheimnis, das die jeweilige Welt zusammenhielt, war stets ein anderes, doch das Prinzip: wiederkehrend. Und es funktioniert ja auch ganz wunderbar: Wir sitzen in der ersten Reihe, während sich die Protagonisten noch kennenlernen, ihre eigenen Fähigkeiten entdecken, begleiten sie quasi von der Geburtsstunde an.

Was nach einem ambitionierten Projekt klingt, ist es auch. In guter alter Matrix-Manier machen die Wachowskis eine große Welt voller eigener Gesetze auf. Mit einer Spielzeit von rund 12 Stunden lässt ihnen die Serie aber eigentlich auch genug Zeit, ihre Charaktere zu entfalten und alle Storylines miteinander zu verknüpfen. Trotzdem braucht es fast die halbe Staffel, bis wir alle Figuren so richtig kennengelernt haben – und da kennen sich die Figuren selbst noch nicht, weder sich selbst noch untereinander. Kein Wunder, dass manche Kritiken sich daran aufhängen, dass der arme Zuschauer acht mal dieselbe Story ansehen muss. Vielleicht aber hat genau das auch einen gewissen Charme, geht doch jede Figur auf ihre eigene Weise mit der Herausforderung um, ob sie unter Wahnvorstellungen leidet oder ob sich mehr hinter den Träumen und Visionen verbirgt.

Der Verstand erweitert sich

Während die Welt in ihrer zunehmenden Globalität augenscheinlich näher zusammenrückt, wird an allen Ecken und Enden deutlich, dass die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt. Emotion, Empathie, Mitleiden – diese Eigenschaften werden ganz groß geschrieben in Sense8. Ausnahmslos jeder der Protagonisten hat einen sehr persönlichen Kampf zu kämpfen. Die koreanische Sun geht freiwillig ins Gefängnis, um das Familienunternehmen zu retten. Isländerin Riley kämpft gegen Dämonen aus Vergangenheit und Gegenwart. Tresorknacker Wolfgang aus Berlin findet die Liebe in der Inderin Kala, während ihm Verbrecher aus der eigenen Familie auf der Spur sind.

Das Prinzip, das hinter dem Mysterium liegt, sind nicht etwa Wahnvorstellungen, sondern die Idee von der Erweiterung des Verstands durch Offenheit für andere Menschen, andere Kulturen, andere Denkweisen. Ein Prinzip, auf das die Serie vermeidet, mit dem Finger zu zeigen, das aber immer wieder durchschimmert. Wenn Transgender Nomi darum kämpft, ihr Leben als Frau zu leben, wenn der mexikanische Schauspieler Lito trotz aller Ängste am Ende seine Homosexualität zu seiner größten Priorität macht, wenn Kala sich gegen den liebenden Ehemann entscheidet, um den sie jeder beneidet, weil sie ihn nicht liebt – in diesen Momenten wird deutlich, dass Sense8 unter dem Deckmantel der aufwendig produzierten SciFi-Serie eine ganz schön große Agenda hat: Nicht umsonst treten die Phänomene dort auf, wo sie auf fruchtbaren Boden fallen könnten, wäre diese Welt ein besserer Ort. Ob das die Anerkennung der freien Gender-Wahl in Kalifornien, die homosexuelle Liebe im erzkatholischen Mexiko oder die Entscheidung für die wahre Liebe in einem Land ist, in dem Liebesheiraten heute noch eine Seltenheit sind, diese Figuren scheinen uns eine moralische Botschaft zurufen zu wollen. Von Zeit zu Zeit geht die Moral zu Lasten der Erzählweise, aber trotzdem: ein Spektakel mit hohem Produktionsaufwand.

Das Panorama einer globalen Gesellschaft

Wie auch ihre Seriengeschwister im Geiste lebt Sense8 vor allem von einem: Ihren Schauplätzen und den zuweilen für das Serienfeeling sehr aufwendig produzierten Szenen, in denen mit einem einzigen Augenblinzeln mal kurz Figuren ausgetauscht und andere an ihren Platz gestellt werden, nur um gleich wieder zu verschwinden. Auf den Spuren des globalen Casts springen wir von London nach Chicago, nach Berlin, nach Nairobi oder Mumbai, von Mexico City nach Reykjavik und Seoul.

Dabei lernen wir nicht nur unsere Hauptfiguren immer besser kennen, auch die Orte, zwischen denen wir uns bewegen, tragen zur engeren Verknüpfung und Verwebung des fiktiven Weltgeschehens bei. Natürlich bewegt sich Sense8 beinahe ausschließlich in seinem weltumspannenden Mikrokosmos, der immer wieder Bezug auf den Makrokosmos unserer globalen Gesellschaft nimmt. Dass die Story dabei manchmal ein wenig dünn wird, bleibt verzeihlich. Denn weniger die Einzelschicksale stehen im Fokus als vielmehr der Wandel, dem wir täglich ausgesetzt sind, ohne ihn zu bemerken.

Homosexualität, Transgender und Pansexualität

Sex sells. Das wissen auch die Wachowskis, die sich mit Tom Tykwer übrigens auch ein europäisches Zugpferd an Bord geholt haben. Aber wenn die Brüder/Schwestern Wachowski im Spiel sind, dann kann es nicht allein um nackten, puren Sex gehen. Da steht mehr auf dem Spiel: pansexuell, so seien ihre Charaktere, und überhaupt die ganze Welt, sagen die beiden in einem Interview zur Serie.

Aber auch an Liebesgeschichten mangelt es nicht in dieser Welt: Da ist die zart ersprießende Liebe zwischen dem Deutschen, der um seinen besten Freund trauert, und der Inderin, die den Mann, der sie heiraten will, nicht liebt. Ein Polizist in Chicago und eine D-Jane aus London knutschen erst rein telepathisch und dann ganz real. Und Mexikanerin Daniela entdeckt, dass es sich als drittes Rad am Wagen eines schwulen Pärchens nicht so schlecht lebt, bis sie einen folgenschweren Fehler begeht. Eine humorvolle Absurdität bekommen die Sexszenen, wenn plötzlich ein anderer der Acht in den Körper des oder der Liebenden schlüpft, bis das Ganze in einer Szene gipfelt, in der vier, fünf, sechs Personen gleichzeitig miteinander schlafen – oder es zumindest so erleben. Pansexualität ist das Wort der Wahl, wenn die Mitglieder des Clusters am Sexualleben ihrer Geschwister im Geiste teilhaben, denn es beschreibt eine Sexualität, die die Anziehung zwischen Menschen unabhängig vom Geschlecht definiert. Und diese Art von Vielfalt ist auch ein Punkt auf der Agenda der Transgender-Geschwister Wachowski.

Warum interkulturell erzählen?

Mit Sense8 liefert Netflix nur ein weiteres Beispiel, warum diese Art zu erzählen so gut funktioniert. Wenn die Welt im heimischen Wohnzimmer zu Gast ist, ist das immer etwas anderes als die kleine Serie, die im Dorf um die Ecke spielt – Mikrokosmos hin oder her. Vor der Folie eines internationalen und interkulturellen Set-ups bildet auch eine Serie wie Sense8 eine Vielzahl von Mikrokosmen aus, die jeder für sich stehen könnten, in der gemeinsamen Verknüpfung aber einen größeren Handlungsbogen verfolgen. So war es bei Lost, so war es bei Heroes, so ist es auch bei Sense8.

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