Standardsituationen -Teil 2: Was tun, wenn man merkt, dass man im falschen Film sitzt

Im zweiten Teil meiner Artikel-Serie über Standardsituationen geht es um improvisierte Hochzeiten, unvergessliche Tischreden und verpatzte Dates. Wir erfahren, woran man immer denken sollte, wenn man als Trauzeuge bestellt ist, warum man sich manchmal Mut antrinken muss, bevor man eine Rede hält und in welchen Film man niemals beim ersten Date gehen sollte.

Wenn sich eine Idee wie ein roter Faden durch all meine bisherigen Beiträge zieht, dann ist es die: Geschichten sind Variationen. Diese Idee stammt freilich nicht von mir. Sie ist die Grundlage sämtlicher Masterplot-Theorien von Aristoteles bis Blake Snyder. Ohne viel Mühe lässt sie sich zumindest bis zu Charles Darwin zurückverfolgen. Wer darüber mehr wissen möchte, dem empfehle ich das Buch Origins of Genius: Darwinian Perspectives On Creativity von Dean Keith Simonton aus dem Jahr 1999, der das mit sehr viel mehr Autorität in der Stimme erklären kann. Ich halte eine Aussage wie: „Geschichten sind Variationen“ im übrigen nicht für der Weisheit letzter Schluss oder gar „die Wahrheit“ über das Erzählen. Als Dramaturg und Autor interessiert mich vielmehr der praktische Nutzen einer solchen Betrachtungsweise.

Geschichten sind Variationen.

Doch kommen wir zurück zu unserem eigentlichen Thema: den Standardsituationen oder auch Standardszenen. Im ersten Teil dieses Artikels habe ich den Begriff kurz vorgestellt und eine Liste mit 77 solcher Standardsituationen präsentiert. Auch diese Liste stammte nicht von mir, sondern war dem Handbuch Standardsituationen im Film, erschienen 2016 im Schüren-Verlag, entnommen. Was ist von dieser Liste zu halten? Ist sie vollständig? Nein, aber das haben die Autor*innen auch nie behauptet. Wie sind die Autor*innen auf diese Liste gekommen? Das bleibt ehrlich gesagt ihr Geheimnis. Wie sinnvoll ist diese Liste aus Dramaturgensicht? Mal mehr, mal weniger, würde ich sagen. Kann ich eine bessere Liste anbieten? Noch nicht hier und heute. Bleiben wir also erstmal bei der Liste der 77 und sehen uns ein paar Beispiele genauer an.

Beispiel Nr. 1: Die Standardsituation „Hochzeit“

Im „Handbuch“ heißt es darüber:

„Im Mittelpunkt einer Hochzeitssequenz findet das feierliche, meist religiös verankerte Zeremoniell statt, das je nach Kulturkreis andere Eigenschaften aufweist, aber auf jeden Fall zwei Personen für längere Dauer vor Gott und den Menschen verbinden soll, oft im Zeichen gegenseitiger Liebe, in Gegenwart der beteiligten Familien und ‚mitspielenden‘ Freunde.“

So kompliziert kann man einen so einfachen Sachverhalt also beschreiben. Im nächsten Satz wird es interessanter:

„Nicht selten kommt es zu Störungen oder gar der Zerstörung des Rituals – durch die Ansprüche dritter Personen verursacht oder durch Konflikte, die gerade dann aufbrechen, wenn man sie um des Freudenfestes willen vor der Welt verheimlichen will. Die traditionell höchst feierliche Veranstaltung fordert oft zur Parodie oder satirischen Verschiebung ins Profane heraus.“

Meine persönliche Meinung: Wer möchte, dass sein Buch gelesen wird, sollte es auch so schreiben, dass Menschen Lust bekommen, es zu lesen. Wozu sonst überhaupt ein Buch schreiben. Aber das nur so am Rande.

Aus meiner Sicht bemerkenswert ist, dass es sich bei der Hochzeit um einen sehr ritualisierten Vorgang handelt. Will sagen: Hochzeiten laufen im echten Leben normalerweise immer gleich ab. Zumindest in unserem Kulturkreis. Sicher, es gibt Spielraum: Ein Paar lässt sich in einer Kirche trauen, ein anderes am Ufer eines Sees. Bei der einen tritt vielleicht ein Kinderchor auf und bei der anderen eine Mariachi-Kapelle. Und eine standesamtliche Trauung ist noch einmal etwas ganz anderes.

Der zweite bemerkenswerte Punkt: die Kultur spielt eine Rolle. Eine Hochzeit in Ghana läuft anders ab, als eine Hochzeit in Indien. Und eine Hochzeit in Indien anders als eine Hochzeit in Deutschland.

Doch selbst wer noch nie auf einer Hochzeit war, verfügt über ein implizites Wissen darüber, wie ein solches Ritual abläuft. Jeder weiß, was eine Hochzeit ist. Deshalb klingt eine Definition wie die oben auch so ungelenkig.

Allein, Autor*innen wollen keine echte Hochzeit variieren, sondern eine Film-Hochzeit. Und hier kommt noch ein dritter Aspekt zum Tragen, nämlich unser Filmwissen. Nicht nur kennen wir Hochzeiten aus dem echten Leben, wir kennen sie auch aus unzähligen Filmen, die wir im Laufe dieses Lebens gesehen haben.

Ein wunderbares, nein: vier wunderbare Beispiele liefert die britische Romantic Comedy FOUR WEDDINGS AND A FUNERAL (deutsch: VIER HOCHZEITEN UND EIN TODEFALL) von Richard Curtis aus dem Jahr 1994. Wer den Film gesehen hat, dem wird die Eröffnungssequenz sicher noch in bester Erinnerung sein, in der Hugh Grant als völlig verpeilter Trauzeuge zuerst die Ringe zuhause vergisst und dann eine Tischrede hält, die sich so leicht nicht wiederholen lässt, wovon wir uns im weiteren Verlauf des Films noch mehrfach überzeugen können. Es handelt sich um ein wunderbares Beispiel dafür, was weiter oben als eine „Störung“ des altbekannten Rituals beschrieben wurde.

Eine Szene funktioniert, wenn das, was wir erwartet haben, nicht das ist, was wir bekommen.

Zu fragen: „Warum ist das lustig?“, ist nochmal ein anderes Thema, das den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde. Was wir aber sagen können, ist: Die Szene funktioniert, weil wir als Zuschauer etwas Bestimmtes erwarten. Und weil das, was wir erwartet haben, nicht das ist, was wir bekommen. Die Diskrepanz ist es, die uns zum Lachen bringt.

Das Interessante an FOUR WEDDINGS AND A FUNERAL ist, dass er sein einmal erzähltes Grundmuster noch vier weitere Male wiederholt und dadurch schier endloses Potenzial für immer neue „Störungen“ bietet. Fünf Jahre zuvor hielt sich Drehbuchautorin Nora Ephron an einen ganz ähnlichen Bauplan: Ihr Klassiker WHEN HARRY MET SALLY (deutsch: HARRY UND SALLY) variiert – unter stets unterschiedlichen Voraussetzungen – die erste Begegnung („meeting scene“) zwischen den titelgebenden Protagonisten.

Zu groß darf die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität allerdings nicht sein. Landet während der Trauung plötzlich ein Raumschiff auf dem Kirchendach oder bricht ein Feuer aus, erwartet niemand mehr, dass die Zeremonie auch weiterhin ihren gewohnten Gang nimmt. Blitzschnell ändern wir unsere Vorhersage darüber, was als nächstes passiert. Wir befinden uns jetzt vielleicht in einem Katastrophen-Szenario. Und lachen nicht mehr, wenn jemand gegen die „Regeln der Hochzeit“ verstößt.

Variation findet immer dort statt, wo durch Vorwissen eine Erwartungshaltung besteht.

Obwohl ich liebend gerne noch ein paar Worte über Rowan Atkinson in seiner Rolle als nervöser Erstlings-Priester verlieren würde, beende ich meine Ausführungen über die Standardsituation Hochzeit an dieser Stelle. Die Idee sollte ohnehin längst klar geworden sein: Wenn wir als Zuschauer*in nichts erwarten, können wir auch nicht überrascht werden. Variation findet also immer dort statt, wo durch Vorwissen eine Erwartungshaltung besteht. Das ist das dramatische Potenzial, wonach wir als Autorinnen suchen. Wir führen den Zuschauer absichtlich auf eine falsche Fährte, aber nicht zu sehr, nur ein bisschen.

Doch nicht nur Komik lässt sich auf diese Weise erzeugen. Betrachten wir eine weitere Standardsituation. Auch hierbei spielt die Tischrede eine wichtige Rolle.

Beispiel Nr. 2: Die Standardsituation „Fest“

In dem dänischen Familiendrama FESTEN (deutsch: DAS FEST) von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov aus dem Jahr 1998 laden ein alternder Patriach und seine Frau zu einer Familienfeier. Die Kinder und Enkel kommen von überall her. Es wird gegessen. Es wird getrunken. Es werden Tischreden gehalten. So weit, so erwartbar. Wenn Sohn Christian sich also erhebt und mit der Gabel gegen ein Sektglas schlägt, um die Blicke auf sich zu lenken, ist daran noch nichts ungewöhnlich. Außer vielleicht, dass er für diese Uhrzeit schon recht viel getrunken hat. Was er indes zu sagen hat, liegt weit außerhalb der Lobhudelei, wie sie in Tischreden normalerweise gepflegt wird. Stattdessen nutzt Christian seine Redezeit für eine Anklage: Der Vater habe ihn und seine Schwester mit Wissen der Mutter sexuell missbraucht und damit ihren Selbstmord verursacht.

Was passiert hier? Statt eine Tischrede zu halten, wird Christian zum Ankläger, der ein Pläydoyer hält. Und die Gäste werden, ob sie es wollen oder nicht, zu Geschworenen. Das „Runden-Prinzip“, die Variation der Variation, findet sich auch hier, denn mit einer Rede ist es nicht getan. Mehrfach muss Christian die Stimme gegen seinen Vater erheben, bis die Versammlung schließlich nicht länger ignorieren kann, dass es sich hier um keine gewöhnliche Geburtstagsfeier handelt, sondern um einen Exorzismus.

Wieder haben wir es mit der Variation eines bekannten Rituals zu tun. Natürlich, könnte man kritisch anmerken, ist Familienfest nicht gleich Familienfest. Aus dramaturgischer Sicht gibt es gute Gründe, sich – wie die Autoren es in diesem Fall auch getan haben – für eine sehr konservative Familie zu entscheiden, bei der Feste sehr traditionell ablaufen, sprich: einem stark ritualisierten Ablauf folgen. Das Handbuch Standardsituationen schreibt dazu:

„Für den Film ist es in den meisten Fällen wesentlich, dass […] das Festzeremoniell strikte Verhaltensregeln einfordert – nur dass im Verlauf des Festes diese Regeln Schritt für Schritt (oder auch sturzbachartig) überschritten werden…“

Im Falle von FESTEN scheint der Wechsel des Bezugsrahmens – von der Tischrede zur Anklage, vom Familienfest zum Gerichtssaal – den Ausschlag zu geben, dass die Szene so gut funktioniert. Doch auch das ist ein anderes Thema, auf das ich hier nicht näher eingehen möchte.

Kommen wir kurz zu einem allerletzten Beispiel und zu einer meiner Lieblingsszenen aus einem meiner Lieblingsfilme: TAXI DRIVER von Paul Schrader aus dem Jahr 1976. Die Standardsituation, die hier variiert wird ist das Rendezvous. Dieses Erzählmuster taucht zu meiner eigenen Überraschung nicht im Handbuch auf und warum das so ist, darauf habe ich im Augenblick noch keine Antwort. Möglicherweise haben die Herausgeber sie ja vergessen.

Beispiel Nr. 3: Die Standardsituation „Das Rendezvous“

Menschen, die die subtilen Signale des anderen (oder auch des eigenen) Geschlechts nicht richtig deuten können, haben es bei der Partnersuche schwer. Wenn wir nicht wissen, was es bedeutet, wenn ein Mann, den wir gerade kennengelernt haben, uns ins Kino einlädt, dann führt das möglicherweise zu Missverständnissen und infolgedessen zu verletzten Gefühlen. Was aber, wenn uns ein Mann ins Kino einlädt und wir unterwegs feststellen müssen, dass es sich bei dem Kino um ein Pornokino handelt. Eines von den schmierigen Häusern auf New Yorks 42. Straße, in das sich normalerweise nur Männer und Nutten verirren. Kein Ort für ein Rendezvous und eindeutig eine Verletzung der ungeschriebenen Gesetzte, die auch für diese Standardsituation gelten.

Doch genau das passiert Wahlkampfhelferin Betsy, als sie sich mit dem mysteriösen New Yorker Taxifahrer Travis Bickle verabredet. Travis scheint sich dabei sein Fauxpas keineswegs bewusst zu sein, als die beiden vor dem Eingang stehen und debattieren.

BETSY

But this is a porno movie.

TRAVIS

No, these are the kind that couples go to. They are not like the other movies. All kinds of couples go. Honest. I’ve seen them.

Bis dahin hatte Travis alles richtig gemacht, um diese höchst unwahrscheinliche Beziehung vielleicht ja doch möglich zu machen. Doch jetzt sind Betsy und er buchstäblich im falschen Film gelandet. Binnen Sekunden schlägt Betsys Faszination für das Fremde in ein Abgestoßensein um und sie verlässt fluchtartig die Szenerie. Für Travis kommt die Erkenntnis zu spät, dass man seine neue Freundin beim ersten Date nicht in ein Pornokino einlädt. Die Abweichung von der Norm, die wir hier erleben, ist gleichwohl stimmig und vervollständigt das Psychogramm dieses zutiefst einsamen Menschen. Das Rendezvous zwischen Travis und Betsy, es verläuft zugleich anders, als wir es erwarten durften und doch auch genauso.

Was können wir aus diesen Beispielen lernen? Ist letztlich jede Situation eine Standardsituation, wie ein Kommentator auf filmschreiben.de vorgeschlagen hat? Oder braucht es immer das Ritual, damit es eine Abweichung von der Norm geben kann? Es scheint, dass nicht jede der im Handbuch aufgeführten 77 Standardsituationen aus dramaturgischer Hinsicht gleich viel Sinn ergibt. Tanz- oder Telefonszenen etwa oder auch „Fensterblicke“ scheinen eher Herausforderungen für Regisseure und Kameraleute zu sein, als für Drehbuchautor*innen. Andererseits scheint es Standardsituationen wie das Rendezvous zu geben, die nicht in der Liste auftauchen.

Wie bereits erwähnt, kann ich hier und heute noch keine eigene Liste mit Standardsituationen anbieten. Was macht zwei Szenen zu Artgenossen? Könnte es der Umstand sein, dass sie dasselbe Ritual variieren? Handelt jede Szene von einem Ritual? Oder fast jede, wie es die Definition in Reclams Filmlexikon“ beim letzten Mal vorschlug? Was ist überhaupt ein Ritual? Ich selbst weiß darauf keine Antwort. Derzeit bemühe ich mich um ein Interview mit Thomas Koebner, dem Herausgeber des Handbuchs, um mehr darüber herauszufinden. Im dritten und letzten Teil meiner Artikel-Serie über Standardsituationen werde ich Euch dann hoffentlich davon berichten können.

Eine Frage, die ich bereits auf der Ebene der Geschichte bzw. des Plots gestellt habe, lässt sich vielleicht auch auf die Ebene der Szenen übertragen. Es ist die Frage nach dem zentralen oder dem Hauptereignis, also die Frage, was eine Geschichte zu einem berichtenswerten Ereignis macht. Genauso wie man fragen kann: „Was ist das Hauptereignis einer Geschichte?“, genauso kann man fragen: „Was ist das Hauptereignis einer Szene?“ Wenn wir die Antworten sammeln (gerne im Kommentarfeld), dann kommt am Ende vielleicht die ultimative Standardszenen-Liste dabei heraus.

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