„Story“ III: Was ist das überhaupt, eine Story?

McKee schreibt: „Also umarmt der Autor das Prinzip „erzähl eine Geschichte“… und erstarrt. Denn, was ist das, eine Geschichte? Der Begriff Story ist wie der Begriff Musik. Unser ganzes Leben haben wir Melodien gehört. Wir können dazu tanzen und mitsingen. Wir denken, wir verstehen sie, bis wir versuchen, selber zu komponieren. Und was dann aus dem Klavier kommt, verscheucht die Katze.

Eine Geschichte baut auf Dualität auf.

Wie vieles im Leben, baut eine gute Geschichte auf Dualität auf. Auf Gegensätzen, die sich auf wunderbare Weise aber auch gegenseitig befruchten und ergänzen. Zwei Seiten einer Medaille: Inhalt und Struktur; Begabung und Handwerk; rechte Gehirnhälfte und linke Gehirnhälfte. Ganz zu schweigen von Leben und Tod; Liebe und Hass; Freund und Feind; Zuversicht und Angst; Himmel und Hölle; …

Um diese Gegensätze zu vereinen, zu einem funktionierenden Ganzen zu ergänzen, braucht es vor allem eines: eine Menge Liebe. McKee zählt auf:
Um die Dualität zu vereinen braucht es: Liebe.

  • The love of story: der Glaube daran, dass deine Vision, eine Offenbarung nur durch eine Geschichte ausgedrückt werden kann, dass Charaktere irgendwie realer sind als Leute, dass die fiktionale Welt tiefgründiger ist als die greifbare.
  • The love of the dramatic: eine Faszination mit plötzlichen Überraschungen und Enthüllungen, die das Leben auf den Kopf stellen können
  • The love of truth: der Glaube daran, dass Lügen den Künstler lähmen, dass jede Wahrheit im Leben hinterfragt werden muss, bis hin zu den eigenen geheimen Antrieben
  • The love of humanity: eine Bereitschaft, mit leidenden Seelen zu fühlen, unter ihre Haut zu kriechen und die Welt mit ihren Augen zu sehen
  • The love of sensation: (sensation im Sinne von Empfindung): das Verlangen, nicht nur den organischen, sondern auch in den inneren Sinneswahrnehmungen zu schwelgen
  • The love of dreaming: das Vergnügen daran, die eigene Fantasie zweckfrei wandern zu lassen, nur um zu sehen, wohin das führt
  • The love of humor: Freude an dem einen Retter, der das Leben wieder ins Gleichgewicht bringt
  • The love of language: die Lust an Klang und Bedeutung, Syntax und Semantik
  • The love of duality: ein Gefühl für die versteckten Widersprüche des Lebens, einen gesunden Zweifel daran, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen
  • The love of perfection: die Leidenschaft zu schreiben und umzuschreiben, immer auf der Suche nach dem perfekten Moment.
  • The love of uniqueness: den Nervenkitzel des Wagemuts zu spüren und ruhig wie ein See zu bleiben, wenn man dafür belächelt wird
  • The love of beauty: ein innewohnendes Gefühl, das gutes Schreiben verehrt, schlechtes Schreiben hasst und beides auseinanderhalten kann
  • The love of self: eine Stärke, die nicht immer wieder bestätigt werden muss, die keine Zweifel daran aufkommen lässt, dass du wirklich ein Autor bist. Du musst es lieben zu schreiben und die Einsamkeit aushalten.

A lotta love, in der Tat. An dieser Aufzählung wird irgendwie auch schon deutlich, dass es bei einer Story immer um etwas Tiefes geht. Nämlich um Wahrheit, darum, zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammen hält“. Viele Geschichten erzählen einfach Geschehnisse, listen Fakten auf und machen den Fehler, Realitätsnähe und Plausibilität mit Erkenntnis zu verwechseln. Die eigentliche Wahrheit aber, sagt McKee liegt hinter, jenseits, im Inneren und unter der Oberfläche der Dinge. Sie hält die Wirklichkeit zusammen oder reißt sie in Stücke und kann nicht direkt beobachtet werden. Folglich ist eine gute Geschichte nichts weniger als eine Metapher für das Leben.
Eine gute Geschichte ist eine Metapher für das Leben.

Metaphern für das Leben? Ich frage mich, ob Geschichten nicht noch mehr als ein Symbol der menschlichen Existenz sind. Vielleicht ist eine gute Geschichte eher das pure Leben selbst? Die conditio humana so lange eingekocht, bis eine starke, schmackhafte Boullion entstanden ist. Lebenserfahrungen unter dem Brennglas. Realer als die Realität? Wahrer als die Wahrheit?

Jedenfalls wird klar, dass Story kein triviales Unterfangen ist. Es gilt, die Balance zwischen Fakten und Fantasie zu finden. Es genügt eben nicht, literarisches Talent zu haben und gut mit Worten umgehen zu können. Was es braucht, ist das was McKee story talent nennt: die Fähigkeit, das Leben zu beobachten, das Beobachtete mit Sinn zu versehen und diesen dann weiterzugeben.

Und trotzdem: auch wer diese Begabung hat, kommt ohne die andere Seite der Medaille nicht aus: dem Handwerkszeug. Weil, so sagt KcKee: „Begabung ohne Handwerk ist wie Benzin ohne einen Motor. Es brennt lichterloh, aber bewirkt nichts.“

Mehr zum Handwerk im nächsten Post.

 

We can cover that by a line of dialogue...

Hast du deinen Text vergessen?

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.