Theorie tl;dr: Über den Fakten

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute der Vortrag „Vom Absoluten, dem Erhabenen und ekstatischer Wahrheit“ von Werner Herzog.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Wahrheit liegt jenseits des Faktischen. Und Wirklichkeit ergibt sich nicht ausschließlich aus dem Faktischen. Fakten mögen eine Annäherung an die Wahrheit sein, verbergen sie jedoch stets. Erst durch die künstlerische Arbeit wird das Wahre freigelegt und erfahrbar gemacht. Diese Erfahrung ist die Erleuchtung, die Wahrheit nennt Herzog poetische, ekstatische Wahrheit.

Die Erkenntnis: Schon der Titel von Herzogs Vortrag weist auf den gemeinsamen Vorgang hin: Das Absolute ist das Losgelöste, das Enthobene; das Erhabene, nun, das Erhabene; die Ekstase das Aus-sich-herausgetreten-sein. So will Herzog Wahrheit jenseits des Faktischen erfahrbar machen, indem er den Betrachter über die Fakten erhebt. Um bei der vertikalen Bewegung zu bleiben: Ich stelle mir das wie in einem See vor. Wenn wir uns von unten der Wasseroberfläche nähern, den Fakten, nähern wir uns damit der Welt, der Wahrheit, die Wasseroberfläche wird aber immer unseren Blick auf die Welt verzerren, die Fakten den Blick auf die Wahrheit verstellen, solange wir sie nicht durchbrochen haben, solange wir uns nicht über die Fakten erhoben haben. bzw. erhoben worden sind. Das Erheben ist die künstlerische Arbeit, und damit Aufgabe des Künstlers.

Das Zitat: Werner Herog zitiert den Autor des Codex Parisinus Gr. 2036 –

»Das Großartige überzeugt die Hörer nicht, sondern verzückt sie; immer und überall wirkt ja das Erstaunliche mit seiner erschütternden Kraft mächtiger als das, was nur überredet und gefällt, hängt doch die Wirkung des Überzeugenden meist von uns ab, während das Großartige unwiderstehliche Gewalt und Macht ausübt …« Er benutzt hier den Begriff ekstasis, das Heraustreten aus der Person in einen Zustand der Überhöhung, wo wir uns also über unsere eigene Natur erheben, die »wie ein plötzlich zuckender Blitz« das Erhabene offenbart.

Von besonderem Interesse sind vielleicht die Vorstellungen von Wahrheit, von denen Herzog in seinem Vortrag berichtet. Von digitalen Effekten und virtuellen Realitäten, natürlich. Von der Karte eine kleinen Gebiets, die für den einen doch offensichtlich so zutraf, doch für den anderen die Erdkrümmung nicht berücksichtigte. Von einem Gericht, das entschied, Hörensagen von genug Zeugen spiegele auch Wahrheit. Von einem Glas Meerwasser, das gleich die Existenz eines ganzen Meeres wahr machen konnte.

Das letzte Wort:

In der bildenden Kunst, der Musik, der Literatur und dem Kino ist eine tiefere Schicht der Wahrheit möglich, eine poetische, ekstatische Wahrheit, die mysteriös und schwer nur fassbar ist und die man nur durch Imagination, Stilisierung und Fabrikation erreichen kann.

Werner Herzog: Vom Absoluten, dem Erhabenen und ekstatischer Wahrheit. Auf wernerherzog.com und als PDF.

Deine Meinung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.