Theorie tl;dr: Über die dunkle Seite

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute »Das böse Subjekt« von Philosoph, Kulturkritiker und Psychoanalyse-Theoretiker Slavoj Žižek.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Die Verwandlung von Anakin zu Darth Vader, seine Abwendung von der hellen zur „dunklen Seite der Macht“ ist der Schlüsselmoment der Star Wars-Saga – doch die Entwicklung funktioniert nicht, der Moment selbst entbehrt seiner eigentlichen Tragik. George Lucas fehlt Verständnis und Kraft, seine Figur und ihre Entwicklung glaubwürdig zu erzählen. Schade.

Die Erkenntnis: George Lucas hat bei den Star Wars-Prequels viel falsch gemacht, Žižek nennt Beispiele. Das soll kein Niedermachen der Filme oder ihres Schöpfers sein, anders als Lucas (der sich wenig einsichtig zeigt) können wir aber aus seinen Fehlern lernen. Lucas hatte verschiedene verkopfte Konzepte für die Prequels, aus denen er sie entwickelte, die aber nicht aus dem Stoff selbst entstanden sind und denen auch keine Kreativität innewohnt. Eines dieser Konzepte, und das, auf das Žižek eingeht, ist die Parallelisierung des Wandels der „guten“ Republik zum „bösen“ Imperium und der Verwandlung des „guten“ Anakin zum „bösen“ Darth Vader.

Das – behaupte ich – könnte sehr gut funktionieren, wenn denn beide Verwandlungen die richtigen Verwandlungen gewesen wäre. Žižek spricht dabei vor allem über die von Anakin: Statt willkürlich, leideschaftlich zwischen „Gut“ und „Böse“, der hellen und der dunklen Seite der Macht zu oszillieren hätte Anakins radikales Streben nach Gutem ihn ins Böse treiben müssen. Anakin dürfe nicht zwischen Liebe und Hass wechseln, er müsse hassen aus Liebe. Tragische Figuren sind tragische Figuren, weil sie zu weit gehen. Und das würde auch politisch funktionieren: Eine Gesellschaft, die sich langfristig selbst schadet um kurzfristig anderen Schaden abzuwenden.

Das Zitat:

Der Preis, den der Film dafür zahlt, dass er New-Age-Motiven verhaftet bleibt, ist nicht nur seine ideologische Konfusion, sondern, damit einhergehend, seine inferiore narrative Qualität. Diese Motive sind der Grund dafür, dass Anakins Verwandlung in Darth Vader – der Schlüsselmoment der ganzen Serie – der angemessenen tragischen Größe entbehrt.

Von besonderem Interesse (I) ist vielleicht, was Žižek über Anakins letzte Entscheidung schreibt. Im Duell bietet Obi-Wan Anakin an, den Konflikt friedlich und ohne den (vermeintlichen) Tod Anakins zu lösen; der aber schlägt das Angebot aus – absehbar zum eigenen Nachteil. Žižek vergleicht hier Anakin mit Mozarts Don Giovanni (Libretto: Lorenzo da Ponte) und hebt Anakins Charakterfestigkeit und seine ethische Haltung hervor: »Dennoch bleiben sie, in einem Akt des Trotzes, der einem als in einer unheimlichen Weise ethisch imponieren muss, aus Prinzip ihrer Entscheidung treu.«

Das ist ein klassisches, jedoch selten benanntes Element der Filmdramaturgie: Ein Moment, an dem der Protagonist die Möglichkeit bekommt, umzukehren. Eine letzte Chance, heil aus der Sache herauszukommen, was auch immer diese Sache ist. Ich kenne den Moment als „Window of Opportunity“ und in diesem Fall ist dieses Fenster nicht nur wie bei dieser Phrase als Zeitfenster zu begreifen, sondern auch wortwörtlich: Der Rettungsweg nach Draußen. Der Protagonist verweigert sich aber dieser Möglichkeit, bekräftigt seine vorangegangenen Entscheidungen und übernimmt bewusst die Verantwortung für sie und die Konsequenzen. Vielleicht sollten wir uns aber auch über die philosophische, ethische Bedeutung dieses Moments Gedanken machen.

Von besonderem Interesse (II) ist vielleicht außerdem, was Žižek über die Jedi schreibt: »Interessanter ist der Aspekt, dass der Jedi-Orden als geschlossene männliche Gemeinschaft betrachtet wird, die ihren Mitgliedern romantische Bindungen untersagt – eine neue Version der Gralsrunde aus Wagners Parsifal.« Dass das nicht funktionieren kann, darüber hat Dr. Niklas Gebele in diesem Blog geschrieben. Interessant wäre es vielleicht, dieses Bild vom ehrenvollen, enthaltsamen Männerbund mit dem Selbstbild des seit Jahren so aggressiven Teils der Nerdkultur zu vergleichen, aus der heraus dieser Film entstanden und in den sie derart begeistert aufgenommen wurde, wie wohl kein anderes künstlerisches Werk.

Das letzte Wort:

Ist nicht die Quelle unseres ethischen Engagements genau die exzessive Sorge und Bindung, unsere Bereitschaft, die Balance des gewöhnlichen Lebensstroms zu durchbrechen und alles aufs Spiel zu setzen für ein Ziel, das wir anstreben?

Slavoj Žižek: Das böse Subjekt. In: Philosphie Magazin, Sonderausgabe 05, November 2015. Die Zeitschrift kann zumindest teilweise hier bei philomag.de eingesehen werden. Der Artikel setzt sich aus zwei Texten zusammen, zum einen »Star Wars III« in Lettre International Nr. 69 (Übersetzung: Jens Hagestedt), der hier bei lettre.de teilweise eingesehen werden kann, und einem Abschnitt aus Žižeks The Parallax View, das man bei MIT Press kaufen und im Internet finden kann.

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