Theorie tl;dr: Über unsere Figuren (Geburtstagsedition)

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft – und das schon seit drei Jahren! Eine Geburtstagsedition mit den Schreibtechniken, einer Artikelserie, die unsere Autoren Michael Füting und Christine Pepersack diesen Sommer nach 36 Folgen abschlossen. Gegenstand dieser Theorie tl;dr sind die Artikel, die sich mit Figuren befassen, die acht „Kapitel“ Die ersten Schritte der Figurenentwicklung bis Kinder – heldentauglich?.

In 50 Worten (Was ist das?): Figuren bestimmen die Erzählung, die Erzählung bestimmt sie. Ihre Entscheidungen gestalten die Handlung, die Konsequenzen gestalten zurück. Figuren gestalten zusammen, gegeneinander und einander. Die erfolgreiche oder scheiternde Verhandlung ihrer inneren und äußeren Konflikte ist die Erzählung. Und der Autor muss seine Figuren nicht bloß kennen, er muss sie formulieren können.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

Die Erkenntnis: »Man meint immer, seine Figuren gut zu kennen.« Das schreibt Michael Füting gleich in seinem ersten Artikel über die Entwicklung von Erzählfiguren, und impliziert, dass sei oft nicht der Fall. Die Frage sei »ob man diese Kenntnis schon aus der zum Teil noch im Unbewussten liegenden Anmutung ins Bewusstsein hat holen können«, Bewusstheit zeige sich in der sprachlichen Formulierung.

Denn es gibt viel zu kennen, viel zu formulieren: Die Backstory der Figur mit Berücksichtigung des Settings, der Epoche, des Milieus. Die Entscheidungen, die unsere Figuren schon getroffen haben, und jene, die sie treffen werden müssen. Die Frage, unter welchen Bedingungen sich mögliche passive Figuren zu aktiven Figuren ermächtigen. Ihre Sensibilität und Empathie für andere Figuren. Ihre inneren Konflikte. Und schließlich, ihre Beantwortung der Frage »Wohin gehöre ich?«.

Das Zitat:

Die Frage, ob zuerst die Story da sein muss oder die Figuren, liest sich wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Da Story und Figuren einander so sehr bedingen, entstehen sie nach und nach, und zwar in enger logischer Verknüpfung.

Von besonderem Interesse ist vielleicht die Heroine‘s Journey von Keith Cunningham und Tom Schlesinger, die die beiden Autoren gleich zweimal thematisieren: Anders als bei der bekannten Hero‘s Journey gehe es hier um die Suche nach einem Platz in der Gesellschaft, nicht außerhalb. In der veralteten Hero‘s Journey spiegele sich der amerikanische Individualismus, der ja inzwischen auch außerhalb von Erzählungen zum Problem werde.

Das letzte Wort:

Man sollte als Autor keine Berührungsangst vor Peinlichkeit haben. Wenn es peinlich wird, dann kommt ein guter Schauspieler erst dazu, zu zeigen, was er kann. Und der Mut, der dazu gehört Peinliches zu zeigen, beginnt beim Mut des Autoren, Peinliches zu entdecken und zu schreiben.

Christine Pepersack: Die ersten Schritte der Figurenentwicklung. Michael Füting: Mit seinen Figuren in Kontakt kommen. Christine Pepersack: Die Entscheidung zu handeln: Aktive vs. passive Figuren. Michael Füting: Die Nebenfiguren – nicht so wichtig? Christine Pepersack: Figuren spannend gestalten: Innerer Konflikt und andere Hindernisse. Michael Füting: Held und Happy End – muss das sein? Christine Pepersack: Evolution des Helden: The Heroine’s Journey. Michael Füting: Kinder – heldentauglich?

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