Theorie tl;dr: Über Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute Kapitel 9 (Aufgabe des Dichters) bis 16 (Die Arten der Wiedererkennung) aus Aristoteles‘ Poetik, wie letzte Woche von William Froug angeregt.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit als Prinzipien des Erzählens: Sie bestimmen die Handlungen der Figuren, die Reihenfolge der Erzählung, erwirken Wendepunkte, Erkenntnis und Verzweiflung. Das Wahrscheinliche und Notwendige beschreibt das Allgemeine, hebt die Dichtung in der philosophischen Bedeutung über die Geschichtsschreibung, die sich nur mit dem Geschehenen, also dem Besonderen, befassen kann.

Die Erkenntnis: Dass mit Aristoteles wohl viel Blödsinn gemacht wird. Jeder wird in der Poetik eine Textstelle finden, die er im Sinne seiner eigenen Vorstellung von Dramaturgie verwenden kann, wohl in dem Versuch sie dadurch zu legitimieren (siehe hier). Deswegen sind auch meine Zusammenfassungen oben mit Vorsicht zu genießen. Dass ich mich bemüht habe, Aristoteles unvoreingenommen zu verstehen heißt nicht, dass es mir auch gelungen ist. Die Prinzipien der Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit in das Prinzip der Kausalität der Handlung zu übersetzen ist zum Beispiel genau das: Eine Übersetzung. Bei Aristoteles kommt der Begriff Kausalität nicht vor.

Es gibt noch viele andere Punkte, die unser heutiges Verständnis vom Erzählen zu untermauern scheinen (wie gesagt: Mit Vorsicht zu genießen!). So benennt Aristoteles zum Beispiel drei Ereignisse einer Erzählung, „Teile“ der „Fabel“: Peripetie, Wiedererkennung und das schwere Leid: Die Peripetie, „der Umschlag dessen, was erreicht werden soll“, ist wohl bei uns der Wendepunkt, die Wiedererkennung die Erkenntnis am Ende des zweiten Aktes und das schwere Leid der „Point of Despair“ (Haben wir das schwere Leid im deutschsprachigen Raum ignoriert? Mir ist kein deutscher Begriff bekannt.), der je nach Erzählung von der Erkenntnis ausgelöst wird, vielleicht aber von ihr auch mit neuer Hoffnung erfüllt wird.

Auch bei den Figuren entdecken wir vielleicht Bekanntes: Charaktere sollen tüchtig sein, angemessen, ähnlich und gleichmäßig. Gleichmäßigkeit ist leicht zu verstehen, dabei geht es um die Integrität der Charakterisierung: Verhält sich die Figur entsprechend ihres Charakters. Bei der Ähnlichkeit geht es wohl um die Ähnlichkeit zu uns, zum Betrachter. Die Angemessenheit ist interessant, was Aristoteles nämlich einfach mit dem Satz „Eine Frau kann nämlich tapfer von Charakter sein, aber es ist nicht angemessen, dass sie in derselben Weise tapfer oder energisch ist wie ein Mann“ rechtfertigt, heißt bei aller Irritation doch eigentlich nur (schätze ich), dass Charakterzüge ihre Ursache im Hintergrund der Figur haben sollten. Was aber soll bloß „tüchtig“ heißen? Eine Idee: Motiviert. Vielleicht heißt es nichts anderes, als dass jede Figur ein Ziel und eine Motivation haben sollte. Nocheinmal: Vorsicht!

Das Zitat: Nicht vergessen –

ταῦτα δὲ δεῖ γίνεσθαι ἐξ αὐτῆς τῆς συστάσεως τοῦ μύθου, ὥστε ἐκ τῶν προγεγενημένων συμβαίνειν, ἢ ἐξ ἀνάγκης ἢ κατὰ τὸ εἰκὸς γίγνεσθαι ταῦτα· διαφέρει γὰρ πολὺ τὸ γίγνεσθαι τάδε διὰ τάδε ἢ μετὰ τάδε.

Scherz.

Peripetie und Wiedererkennung müssen sich aus der Zusammensetzung der Fabel selbst ergeben, d. h. sie müssen mit Notwendigkeit oder nach der Wahrscheinlichkeit aus den früheren Ereignissen hervorgehen. Es macht nämlich einen großen Unterschied, ob ein Ereignis infolge eines anderen eintritt oder nur nach einem anderen.

Das Schlusswort: Für Phantasie und Leidenschaft!

Daher ist die Dichtkunst Sache von phantasiebegabten oder von leidenschaftlichen Naturen; die einen sind wandlungsfähig, die anderen stark erregbar.

Aristoteles: Poetik (hier deutsch von Manfred Fuhrmann, bei DigBib).

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