Theorie tl;dr: Übers Hin- und Wegschauen

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute das Kapitel »The Oppositional Gaze« von bell hooks aus ihrem Buch Black Looks: Race and Representation.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Der Blick afroamerikanischer Zuschauer auf das von weißen Amerikanern über weiße Amerikaner gemachte Kino war und ist selbstverständlich ein anderer, als der des weißen Publikums: Er stellt die eigene Identität in Frage, oder er entwickelt sich zu einem Instrument der Kritik. Für farbige Frauen galt und gilt das umso mehr.

Die Erkenntnis: Das große Thema, bei dem uns als Erzähler auch bell hooks‘ bürgerrechtlich-feministische Perspektive interessieren sollte, ist die Identifikation des Zuschauers mit dem Protagonisten. hooks lässt da Anne Friedberg zu Wort kommen: »Identification can only be made through recognition, and all recognition is itself an implicit confirmation of the ideology of the status quo.«, Identifikation verlange Gleichheit, benötige Gemeinsamkeit, gestatte keine Unterschiede. hooks schließt daraus, dass man sich nicht wundern brauche, dass die amerikanische feministische Filmkritik eine weiße amerikanische feministische Filmkritik ist, die Rassismus weitgehend ignoriert.

Ich frage mich natürlich wie wir Erzähler mit dieser Definition umgehen können. Und muss dabei Friedbergs Aussage anzweifeln: Ja, Identifikation bedingt Gemeinsamkeit, aber wird sie durch Unterschiede behindert? Zweifeln muss ich deshalb, weil es sonst keine Lösung für das Problem zu geben scheint, außer getrennte Filme für getrennte Zielgruppen zu machen. Doch: Unterscheidet sich der Protagonist einer Handlung nicht immer von mir? Brauch ich eigentlich einen Film nur für mich, mit mir als Hauptfigur und -darsteller?

Nehmen wir also an, dass es nicht so ist, was können wir tun? Die Lösung ist – vermutlich – Repräsentanz, das Kennenlernen und Identifizieren trotz möglicher Unterschiede übt (hoffentlich). Und: Ein anderes Verständnis von der Notwendigkeit von Identifikation. Ich muss die Figur nicht kennen wie mich selbst, um Verständnis für sie und ihre Handlungen zu entwickeln. Ich kenne auch meine Mitmenschen nicht derart und versuche doch täglich, sie zu verstehen. Und das gelingt ja auch, manchmal besser, manchmal schlechter, aber es gelingt.

Das Zitat:

To experience pleasure, Miss Pauline sitting in the dark must imagine herself transformed, turned into the white woman portrayed on the screen. After watching movies, feeling the pleasure, she says “But it made coming home hard.”
We come home to ourselves. Not all black women spectators submitted to that spectacle of regression through identification. Most of the women I talked with felt that they consciously resisted identification with films—that this tension made moviegoing less than pleasurable; at times it cause pain.

Von besonderem Interesse sind vielleicht hooks Ausführungen über den »afroamerikanischen Blick«. Dass Sklaven von Sklavenhaltern allein für ihre Blicke bestraft wurden, Emmett Till wurde noch 1955 für seinen Blick auf eine weiße Frau ermordet. Farbige Männer erst im Kino, den Blick auf weiße Frauen mit weißen Männern teilen konnten. hooks erinnert sich an ihre Kindheit, wenn ihr Erwachsene den Blick auf etwas verbieten wollten. Und führt aus, dass ein Blick eben auch Widerstand sein kann, ein »oppositional gaze«: »Not only will I stare. I want my look to change reality.«

hooks Text ist von 1996, aber man muss während man ihn liest auch an all die Videos der jüngeren Zeit denken, aufgenommen, um Polizeigewalt gegen Afroamerikaner zu dokumentieren. Diese durch die Aufnahme teil- und konservierbaren Blicke, stellvertretend für all die möglichen und tatsächlichen Blicke auf die Aufnahme selbst haben die große Macht des Blickes, der sagt „Das habe ich gesehen, ich bin Zeuge, du kannst nicht so tun, als sei es nicht geschehen“ noch einmal potenziert. Umgekehrt lehrt die Erkenntnis über diese Macht aber auch das Fürchten, wenn man an die zunehmende staatliche Überwachung denkt. (Und der Cineast in mir, wüsste gern was Hitchcock daraus gemacht hätte.)

Das letzte Wort:

Emphatically stating that in all relations of power „there is necessarily the possibility of resistance,“ he [Foucault] invites the critical thinker to search those margins, gaps, and locations on and through the body where agency can be found.

bell hooks: Black Looks. Race and Representation, »The Oppositional Gaze«. Zu lesen als PDF auf den Seiten der University of Massachusetts. Vielen Dank an den MIT-Kurs Screen Women: Body Narratives in Popular American Film für die Anregung. Andere Kurse habe ich vor wenigen Tagen hier verlinkt.

Ein Kommentar bisher - Was sagst du?

  1. Sylke Rene Meyer sagt:

    Interessantes neues Buch von Rebekka Habermas zur deutschen Kolonialgeschichte, das eine Linie von Togo und Deutsch-Südwest zu den deutschen Vernichtungslagern im europäischen Osten zieht, den Hitler anstelle der verlorenen Länder Afrikas zum Kolonialgebiet bestimmt hatte. Die deutsche Kolonialgeschichte liegt begraben unter der Last des Holocausts. Aber sie trägt doch weiter. Anders als in den anderen europäischen Kolonialmächten, gibt es dort zumindestens in Ansätzen eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rassismus und Kolonial Geschichte. In Deutschland aber nicht. Hier beschränkt sich die Vergangenheitsbewältigung sich auf das III.Reich. Vielleicht kann sich Steinmeier eben deshalb bei der Wiedereröffnung des ‘Deutschen Hauses’ in New York zu dieser Aussage versteigen: “Ich glaube, jeder, der im Augenblick in die USA schaut, weiß, dass es dringend notwendig ist, dass wir unsere Präsenz, unsere Anwesenheit dort erhöhen. Deshalb arbeiten wir auch daran, dass wir das lange leerstehende sogenannte Goethe-Haus in New York wieder mit Leben und mit kulturellen Angeboten aus Deutschland füllen.” Am deutschen Wesen soll die Welt …. unglaublich.

    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2016/160929-BM_BT_AKBP.html?nn=364432

    Rebekka Habermas: Skandal in Togo: Ein Kapitel deutscher Kolonialherrschaft, S.Fischer 2016.

    3. Oktober 2016
    Antworten

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