Theorie tl;dr: Überwunden

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute über Backstory und Backstorywound aus Dramaturgie des Films: Wie Hollywood erzählt von Michaela Krützen.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Die Backstorywound ist der Schlüssel zum Verständnis einer Figur: Ein erschütterndes, unverarbeitetes Ereignis in der Vergangenheit der Figur, das immer noch ihr gegenwärtiges Verhalten und ihre Motivation bestimmt. Die Backstory ist darin dem psychologischen Trauma ähnlich, muss vom Trauma aber unterschieden werden, weil sie eine erzählerische und dramaturgische Aufgabe hat.

Die Erkenntnis: Die Backstorywound ist elementarer Bestandteil der Motivation einer Figur. Sie als Trauma zu verstehen ist dabei hilfreich, aber genauso hilfreich ist auch ihre Unterscheidung vom Trauma.

Krützen zieht zwei psychologische Definitionen des Traumas heran, die für den Dramaturgen wie ein Werkzeugkasten klingen: Verletzung, Furcht, Hilflosigkeit, Entsetzen, Bedrohung, Bewältigung, Erschütterung, Selbstverständnis, Weltverständnis. Charakterentwicklung ist die Bewältigung eines mode, eines Verhaltensmusters, welches der Figur dazu dient, (Wieder-) Verletzungen zu vermeiden.

Anders als das Trauma hat aber die Backstorywound eine erzählerische Funktion. Sie dient als Schlüssel zum Verständnis des Verhaltens einer Figur und muss selbst als Erzählung funktionieren. Das heißt Bedrohung, Verletzung und Erschütterung müssen zu einem einzelnen Ereignis verdichtet werden, das innerhalb einer Szene audiovisuell erzählt werden kann.

Das Zitat:

Versteht man die Backstorywound als strukturelles Element der Narration, wird die Drehbucharbeit an der Backstorywound verständlich. Ein Trauma ist nicht austauschbar, und es kann auch kein retardierendes Moment sein, das gestrichen werden muss. Ein Trauma ist nicht Bestandteil einer Geschichte, sondern eines Lebens. Bei der Backstory hingegen geht es vorrangig darum, das Verhalten einer Figur im Rahmen eines Films so plausibel wie möglich zu motivieren.

Von besonderem Interesse ist vielleicht, dass das Motivieren von Figuren noch keine sehr lange Tradition hat, wie Krützen bemerkt. In Sagen, Legenden, Märchen und Mythen reagierten die Figuren auf eine Weise, die keiner tieferen, psychologischen Erklärung bedarf. Unsere heute übliche Psychologisierung von Figuren hat, so ergibt sich das aus Krützens Text, im Theater begonnen und sich im 20. Jahrhundert unter dem Eindruck Freuds dort und dann im Kino durchgesetzt.

Michaela Krützen: Dramaturgie des Films. Wie Hollywood erzählt. Lässt sich nicht im Internet lesen. Danke S. Fischer fürs Verlegen.

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