Und der Oscar geht an R2D2 – den ersten automatischen Drehbuchautor

Im Zuge ihrer kürzlich zu Ende gegangenen Themenwoche zur „Zukunft der Arbeit“ hat die ARD eine Internetseite eingerichtet, auf der die Zuschauerinnen und Zuschauer selbst prüfen können, ob und zu welchem Grad ihr Job in Gefahr ist. Die erwartbare Antwort sowohl für den Beruf „Dramaturg/in“ als auch für den Beruf „Drehbuchautor/in“: 0 %. Das Risiko, in Kürze von einem Roboter abgelöst zu werden: Zero.

Bevor Sie sich entspannt zurücklehnen, möchte ich ihnen Benjamin vorstellen. Benjamin ist Drehbuchautor. Sein Debüt „Sunspring“ wurde beim „48 Hour Film Challenge“ im Rahmen des „Sci-Fi-London“-Filmfestivals nur deshalb nicht auf Platz 1 gewählt, weil er zugab, zuvor das Online-Voting manipuliert zu haben. Benjamin ist kein Mensch, sondern eine sich selbst optimierende intelligente Maschine. Genauer gesagt: eine rekurrentes (auch: rückgekoppeltes) neuronales Netzwerk vom Typ LSTM (für Long short-term memory). Der Name Benjamin kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir es hier mit einem potenziell gefährlichen Organismus zu tun haben: dem weltweit ersten automatischen Drehbuchautor.

Kann eine Software Drehbücher schreiben?

Programmiert wurde Benjamin von Ross Goodwin, einem Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. Goodwin und Regisseur Oscar Sharp lernten sich an der Universität von New York kennen. Was sie verband, war die sonderbare Obsession, Maschinen das Schreiben beizubringen. Zu diesem Zweck fütterten sie Benjamin (oder „Jetson“, wie er damals noch hieß) mit unzähligen frei im Netz verfügbaren Science-Fiction-Drehbüchern. Für ein geplantes musikalisches Intermezzo konnte Benjamin außerdem auf ein Repertoire von etwa 30.000 Popsongs zurückgreifen. Untergebracht ist Benjamin in einem Gehäuse, das aussieht, wie ein mobiles Kreditkarten-Lesegerät. Seine Entwürfe spuckt er – nicht ganz industrie-konform – auf einer Art Kasenzettel aus. Den Namen Benjamin gab er sich übrigens selbst, als er im Rahmen der Preisverleihung nach seinen Zukunftsplänen gefragt wurde.

Skeptiker mag das Ergebnis belustigen. Einige interessante Erkenntnisse hält das Benjamin-Experiment dennoch bereit. Regisseur Sharp behauptete, von Benjamin viel über die gängigen Erzählmuster des Science-Fiction-Genres gelernt zu haben, die Letzterer mit stoischer Gelassenheit wiederkäute. Muster spielen bekanntlich bei der Ideenfindung eine große Rolle, nicht nur beim Schreiben und in der Kunst. Schachweltmeister Magnus Carlsen erklärte auf die Frage, ob er intelligenter sei, als andere Menschen, das Wichtigste beim Schach sei die Mustererkennung. Ich selbst sehe keinen Grund, warum Maschinen hier nicht in naher Zukunft einen erheblichen Fortschritt erzielen sollten. Auch Ross Goodwin habe ich zu diesem Thema befragt, bisher aber noch keine Antwort erhalten.

Ist es unser Exklusivrecht, etwas zu erschaffen?

Ob wir uns Sorgen machen müssen, dass auf der ARD-Gefahrenskala bald keine Null mehr steht, sondern eine 10, 50 oder gar 100, ist derzeit vielleicht noch nicht so sehr eine technische, als vielmehr eine weltanschauliche Frage. Was macht uns zu Menschen? Ist es unser Exklusivrecht, etwas zu erschaffen? Sind wir selbst bereits die Krone der Schöpfung oder bloß Work in Progress, unsere eigene Ablösung nicht nur erwartend, sondern aktiv vorantreibend? Können wir den Gedanken überhaupt zulassen, dass Maschinen uns bald in so ziemlich jedem Belang übertreffen? Oder brauchen wir vielleicht diesen Notgroschen eines Abwehrmechanismus, der unsere eigene Überlegenheit garantiert?

Zumindest im Kopf.

In der Bibel ist, soweit mir bekannt, der Schöpfungsakt stets ein göttlicher. Er ist das Werk eines Elite-Gymnasiasten, eines Schulklassenüberspringers, eines Wunderkinds, eines Genlotteriegewinners. Gut von Anfang an. Ohne Raum, schlimmer noch: ohne Notwendigkeit für Entwicklung. Alles, was wir heutzutage über Exzellenz wissen, widerspricht dem.

Das Rennen zwischen Mensch und Maschine, es ist nicht vorbei. Es hat gerade erst begonnen.

Ganz anders Darwin. Obwohl uns seine Evolutionstheorie jeglicher Illusionen bezüglich unserer Herkunft beraubt und uns zu Waisenkindern des Universums degradiert, birgt das Prinzip von Variation und Selektion doch auch eine enorme Hoffnung. Indem es unseren Blick nach vorn richtet, in die Zukunft, und uns fragen lässt: Wer wollen wir werden?

Das Rennen zwischen Mensch und Maschine, es ist nicht vorbei. Es hat gerade erst begonnen.

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