Urheberrecht: Warum Geoblocking? Warum nicht?

Es würde die Filmbranche zerstören, es wäre der Todesstoß. Millionen an Jobs wären bedroht, und Milliarden an Einnahmen. Und die Einnahmen, die es gäbe, gingen nicht an die Kreativen, sondern an Onlineplattformen. Ein nächster Der Untergang, ein nächstes Das Parfum – unmöglich. Was ist es, das uns da so sehr bedroht? Es sind die Menschen in ganz Europa, die unsere Filme kaufen wollen.

Es geht um das Ende des sogenannten Geoblockings (Wikipedia (en)) innerhalb der EU: Urheberrechtlich geschützte Werke können derzeit nur in den Ländern rezipiert werden, in denen sie zuvor lizenziert wurden. In anderen nicht. Die Mediatheken von ARD und ZDF zum Beispiel, sind für das Ausland gesperrt, sowohl für diejenigen, die für die Inhalte schon gezahlt haben (deutsche Rundfunkgebührenzahler im Ausland), als auch für diejenigen, die für die Inhalte zahlen würden, wenn es die Möglichkeit denn gäbe.
Constantin sagt, Geoblocking abzuschaffen sei absurd.
Es gibt gleich zwei aktuelle Anlässe für dieses Thema: Zum einen beginnt am Dienstag in Berlin die diesjährige re:publica-Konferenz (Wikipedia), das Europäische Parlament präsentiert dort am selben Tag noch MEP Julia Reda und den sueddeutsche.de-Autor Hakan Tanriverdi unter dem Titel Digitales Europa – analoges Urheberrecht: Wie schaffen wir die Wende? (Link). Zum anderen wird am Mittwoch die Europäische Kommission ihre Vorschläge für die Einführung eines einheitlichen europäischen digitalen Binnenmarkts enthüllen.

(Angestoßen wurde die ganze Diskussion von Eu-Digitalkommissar Günther Oettinger, dessen Stellungnahmen bei Twitter zur europäischen Urheberrechtsreform wir hier gesammelt haben, und dem Evaluationsbericht über die EU-Urheberrechtsrichtlinie von 2001 durch Julia Reda, den wir hier besprochen haben.)

Ich möchte mich zurückhalten, ich verstehe nichts von der Finanzierung eines Films. Wenn Martin Moszkowicz von Constantin Film dem Hollywood Reporter sagt, der Gedanke, das Geoblocking abzuschaffen sei absurd, dann muss ich das so glauben. Auch, dass es buchstäblich das Filmgeschäft zerstören würde, wie Moszkowiczs britischer Kollege David Garrett von Mister Smith Entertainment sagt (THR: What’s Behind a Europe Plan That Would „Destroy“ Independent Film), einem Unternehmen, das für DreamWorks Lizenzen in Europa verkauft.
Es sind die Großen, die vorab Lizenzen ins Ausland verkaufen.
Wobei mir dann nach kurzer Recherche noch auffällt: Constantin steckt wohl bei Mister Smith mit drin. Sie verdienen am Geoblocking, nicht nur durch das Lizensieren eigener Filme, ohne die nach eigener Aussage die Finanzierung der Filme gar nicht möglich wäre, sondern scheinbar auch durch den Verkauf von Lizenzen fremder Filme. Natürlich hat Constantin also eine Interesse daran, dass Geoblocking zu erhalten und den europäischen Independent Film zu schützen. Das ist das Interessante an der amerikanischen Sicht des Hollywood Reporter: Für die macht Constantin Independent-Filme.

Ich wage, die Wikipedia zu zitieren (Link):

Sechs Filme der Top 10 der deutschen Blockbuster der letzten zwanzig Jahre wurden von Constantin Film produziert; 20 der Top 50 der deutschen Kinofilme seit 1984 wurden von ihr in die deutschen Kinos gebracht. Unter den 25 erfolgreichsten Kinofilmen der letzten zehn Jahre waren 10 im Verleih von Constantin Film.
Wikipedia: Constantin Film

Mir leuchtet das Argument von Gegnern des Geoblockings ein, dass Geoblocking vor allem ohnehin schon „große“ (im europäischen, nicht im internationalen Vergleich mit der USA) Produktionen und Produktionsfirmen zu gute kommt, also denen die man wohl am wenigsten als „Independent“ bezeichnen kann. Deutschsprachigen Filmen zum Beispiel, weil die in gleich drei deutschsprachigen Ländern lizenziert werden können. Tschechische – wohl nicht so sehr. Und unter diesen deutschsprachigen Filmen sind es wohl auch nur die Großen, die schon vorab überhaupt Lizenzen ins Ausland verkaufen können, um sich so zu finanzieren. Welcher europäische Vertrieb würde ungesehen einen kleinen deutschen €1M-Film kaufen? Korrigiert mich, wenn es das tatsächlich gibt.
Solange der Film nicht lizenziert ist, verliert er Käufer.
So argumentiert auch der kanadisch-britische Schriftsteller Cory Doctorow auf seinem Blog Boing Boing (Link, deutsche Übersetzung auf netzpolitik.org) (Zu einem ganz anderen Thema, Überwachung, wird er übrigens am Mittwoch bei der re:publica sprechen.).

Die ökonomische Logik von Geoblocking führt unweigerlich dazu, dass Werke in weitverbreiteten Sprachen eher ausländischen Vertrieb finden als solche in weniger verbreiteten, und dass sprachlichen Minderheiten ein legaler Zugang zu Werken in ihrer eigenen Sprache verwehrt wird. Es fördert Urheberrechtsverstöße und unterminiert die Idee, für Kunst und Kultur zu zahlen.
netzpolitik.org, Cory Doctorow: Geoblocking in der EU schwächt Sprachvielfalt und Kulturschaffende

Tatsächlich wäre es vielleicht für kleine Produktionen eine Chance, durch den Verkauf an interessierte Zuschauer aus dem Ausland mehr Einnahmen zu erzielen. An Deutsche, die im europäischen Ausland leben. An deutschsprachige Minderheiten in Osteuropa. An Zuschauer, die vielleicht in der Schule deutsch gelernt haben. Solange der entsprechende Film in ihrem Land nicht lizenziert ist – und das ist nicht unwahrscheinlich, bei dieser pro Land doch sehr geringen, insgesamt jedoch vielleicht entscheidenden Zahl an möglichen Zuschauern –, solange können sie ihn nicht erwerben, und das Werk verliert einen potenziellen Käufer.

In fact the stated goal of the new legislation is to strengthen European companies so they can take on the Silicon Valley giants that increasingly dominate the digital space.
THR, Scott Roxborough: Europe Expected to Ban Geo-Blocking of Content, Keep Windowing.

Der Untergang, der mit 13,5 Millionen Dollar Budget über 85 Millionen Dollar einspielte (Wikipedia (en)), wäre ohne den Verkauf solcher regionalen Lizenzen nicht möglich gewesen? Das Parfum mit 60 Millionen Dollar Budget und einem 135 Millionen Dollar Einspielergebnis (Wikipedia (en)) auch nicht? Sagt Martin Moszkowicz. Ich versteh es nicht.
Kaufen nennt man das.
Das System der regionalen Lizenzen kommt mir insgesamt sehr merkwürdig und konstruiert vor: Warum regional? Warum nicht individuell? Kaufen nennt man das. Ist das naiv?

Update, 8.5.2015: A Digital Single Market Strategy for Europe – Analysis and Evidence, das Arbeitspapier der EU-Kommission, das am Mittwoch veröffentlicht wurde, gibt es hier als PDF.

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