Warum sind einige Serien international erfolgreich – und andere nicht?

Woran liegt es, dass us-amerikanische Serien wie DIE SOPRANOS, BREAKING BAD, THE WIRE, HOUSE OF CARDS, GAME OF THRONES, MAD MEN und skandinavische Serien wie BORGEN, KOMMISSARIN LUND (beide aus Dänemark) und DIE BRÜCKE (eine dänisch-schwedische Koproduktion) international so erfolgreich sind?

Endgültig kann natürlich niemand genau sagen, warum ein Film oder eine Serie erfolgreich ist und andere es nicht sind. Die Faktoren, die das beeinflussen, sind zu zahlreich, um die entscheidenden zuverlässig benennen zu können. Schrägerweise tun trotzdem die meisten so als ob sie es wüssten, in dem Wissen, dass ihr gegenüber weiß, dass sie es nicht wissen, aber selbst so tut als wüsste er es, obwohl er weiß, dass der andere weiß, dass er es nicht weiß. Das ist eine der Absurditäten der Branche. Aber das nur nebenbei…

Letztlich weiß kein Mensch, warum eine Serie oder ein Film erfolgreich ist.

Ein nahezu völlig unberechenbarer Faktor ist beispielsweise die Zeit: Jede Geschichte hat ihre Zeit. Fünf Jahre früher oder fünf Jahre später würde sich möglicherweise kein Mensch dafür interessieren. Wer vor einigen Jahren einen Vampirstoff angeboten hat, hat sich leicht lächerlich gemacht. Dank der „Biss“-Reihe waren Vampirstoffe plötzlich wieder heiß begehrt. Mittlerweile wurde die Vampirwelle von der Zombiewelle überrollt. Vielleicht verflacht diese aber auch schon wieder, weil die nächste Welle, mit der niemand gerechnet hat und niemand rechnen konnte, heran rollt: Werwölfe. Oder die wenig originelle Kombination aus Vampiren und Zombies oder Vampiren und Zombies und Werwölfen.

Der Einfluss der Regisseurinnen und Regisseure auf den Erfolg ist gering…

Welchen Einfluss haben die Regisseurinnen und Regisseure auf den internationalen Erfolg einer Serie? Keinen großen. Denn ihre Funktion ist eine andere als im Spielfilm. Sie bekommen ein Regiekonzept in die Hand gedrückt, an das sie sich peinlichst genau zu halten haben, sie setzen am Set mit den Schauspielerinnen und Schauspielern das Drehbuch um und fertig. Die Folge schneiden? Damit haben sie nichts zu tun. Der Final Cut gehört dem Showrunner (zumindest bei den großen amerikanischen Serien). Am Buch rumfummeln? Niemals. Die geradezu blinde Fixierung auf die Regisseurinnen und Regisseure, wie sie in Deutschland herrscht, gibt es bei den Qualitätsserien nicht. Sie sind Autorenformate, keine Regie- oder Redakteur-Formate.

Die Popularität der Schauspielerinnen und Schauspieler ist auch kein entscheidender Erfolgsfaktor. Viele von ihnen wurden überhaupt erst durch die Serien zu Stars. Wer außer einigen Expertinnen und Experten kannte schon Brian Cranston vor BREAKING BAD?

… der Starstatus von Schauspielerinnen und Schauspielern auch.

Mittlerweile sind natürlich auch Hollywood-Stars erpicht darauf, in einer Serie mitzuspielen, weil sie damit ihre Popularität weiter steigern können und weil eine komplexe Serienfigur zu spielen anspruchsvoller ist und sie damit also besser beweisen können, wie gut sie sind. Im Kino mögen Stars ein Hauptgrund für den Erfolg eines Films sein. Die Top-Serien brauchen das nicht (auch wenn Stars natürlich nicht schaden). Was sie aber brauchen, sind exzellente Schauspielerinnen und Schauspieler, und zwar aus dramaturgischen Gründen, die zugleich auch wesentliche Erfolgsfaktoren sind.

Genauso wenig liegt es an den Budgets – ein Grund, der von Verantwortlichen in Deutschland gerne angeführt wird: Wir haben nicht so viel Geld wie die Amerikaner, deshalb können wir nicht die gleiche Qualität abliefern.

Die Höhe der Budgets ist auch kein Erfolgsgrund…

Das stimmt nicht. Die Budgets der us-amerikanischen Serien sind zwar teilweise höher (teilweise aber auch nicht), das liegt jedoch größtenteils an den wesentlich höheren Honoraren und Gagen der Beteiligten, die mit zunehmender Beliebtheit der Serie zunehmend höher werden. Jennifer Aniston, Courteney Cox und andere Schauspieler in FRIENDS haben in der letzten Staffel jeweils eine Million Dollar bekommen – pro Folge. Dadurch ist FRIENDS mit 10 Millionen Dollar Produktionskosten pro Folge die bisher teuerste Serie. Bei DIE SOPRANOS das Gleiche: Am Anfang kostete eine Folge 2 Millionen, am Ende 6,5 Milllionen.

Auch die Honorare der Autorinnen und Autoren, vor allem der Showrunner, sind wesentlich höher: David Chase – der Schöpfer von DIE SOPRANOS – hat in den letzten drei Jahren der Serie angeblich jeweils 10 Millionen Dollar verdient und der Schöpfer und Showrunner von BREAKING BAD – Vince Gilligan – 20 Millionen im letzten Jahr der Show. Setzt man diese Gagen ins Verhältnis zu denen, die deutsche SchauspielerInnen und AutorInnen bekommen, dann relativiert sich das Argument, dass die Qualität der us-amerikanischen Serien dem Budget zu verdanken ist. Denn dann ist es plötzlich gar nicht mehr so viel höher – wenn überhaupt.

… zumal sie genau genommen gar nicht so viel höher sind.

Dass Qualität nicht automatisch mit Budget zusammenhängt, zeigt außerdem BORGEN: 800.000 Euro pro Folge. Zum Vergleich: IM ANGESICHT DES VERBRECHENS – 1 Million Euro pro Folge. DEUTSCHLAND´83 -1 Million Euro pro Folge. DAS TEAM – 2,5 Millionen Euro pro Folge. BABYLON BERLIN – voraussichtlich 2,5 Millionen Euro pro Folge. Damit spielen DAS TEAM und BABYLON BERLIN in einer Liga mit THE WIRE (1,5 Millionen Dollar pro Folge), MAD MEN (2,3 bis 3 Millionen Dollar pro Folge), TRUE DETECTIVE (1,6 bis 3,6 Millionen Dollar pro Folge) und BREAKING BAD (3 Millionen Dollar pro Folge).

Eine Folge der Serie LILLYHAMMER, in der Steven van Zandt einen im norwegischen Lillehammer untergetauchten Mafioso spielt, der verdächtig an seinen Silvio Dante in DIE SOPRANOS erinnert, soll angeblich sogar nur 100.000 Dollar pro Folge gekostet haben. Allerdings: LILLYHAMMER ist einigermaßen amüsant – als Top-Serie ist sie nicht zu bezeichnen.

Wenn die Regie, die Schauspielerinnen und Schauspieler und das Budget nicht die Gründe für den internationalen Erfolg von Qualitätsserien sind, was denn? Folgende zwei Faktoren haben aus meiner Sicht den größten Einfluss: die Dramaturgie dieser Serien und das Entwicklungs- und Produktionssystem, das die hohe dramaturgische Qualität dieser Serien ermöglicht, sprich: das Showrunner-Prinzip und der Writer´s Room (siehe „Ob das was wird mit der international erfolgreichen deutschen Serie?“).

Qualitätsserien sind aufgrund ihrer dramaturgischen und entwicklungssystemischen Innovationen erfolgreich.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Serien beim Publikum zurzeit beliebt und international erfolgreich sind: Es herrscht ein Hype, insbesondere um US-amerikanisch Serien, insbesondere um Serien des Pay-TV-Senders HBO. Von diesem Hype profitiert meiner Meinung nach TRUE DETECTIVE. Zumindest ist es nicht ihre dramaturgische Qualität, die ihren Erfolg begründen kann. Die fällt verglichen mit den anderen Serien nämlich ab. Und sie wurde nur von einem Autor geschrieben, hat also auf die kreative Dynamik eines Writer´s Rooms verzichtet.

Aus dramaturgischer Sicht sind Qualitätsserien so gut, weil sie mit allen drei Dimensionen einer guten Geschichte arbeiten: mit der charakterzentrierten, der werteorientierten und der konfliktbasierten Dimension. Bisherige Serien erzählen in der Regel plotorientiert von einer meist guten, sympathischen Figur, die sich nicht verändert.

Neu sind diese Innovationen im Grunde nicht: Sie sind spielfilmtypische Elemente.

Mit allen drei Dimensionen zu arbeiten – also die Charakterentwicklung einer gebrochenen, ambivalenten Figur und ein starkes emotionales Thema zu erzählen – ist im seriellen Erzählen eine Innovation. Neu ist das im Grunde nicht. Denn gute Spielfilme erzählen in der Regel immer so. Die Innovation des seriellen Erzählens besteht also darin, typische Elemente der Spielfilmdramaturgie zu verwenden. Da ihnen als Serie jedoch eine wesentlich längere Erzählzeit zur Verfügung steht, befreien sie die Figuren und ihre Geschichten von der Begrenzung der spielfilmüblichen Länge und eröffnen damit neue Erzählräume und bislang unbekannte Rezeptionsgenüsse. Deshalb werden die Bedeutung und die Beliebtheit von Serien in Zukunft noch weiter zunehmen.

2 Comments

  1. Flexo

    Echt ein super Beitrag! Nur der Titel ist etwas daneben, wie wäre es mit : „Was genau die Serien so erfolgreich macht, das verstehe ich nicht. Aber hier ist trotzdem mein Senf dazu.“

    12. Juli 2016

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