Was wir Autoren gegen die AfD tun können

„Eine […] Dramatik, die vor einer Definition zögert, die nur einen Zustand zeigt, ohne die Gründe seines Entstehens und die Notwendigkeit und Möglichkeit zu dessen Behebung deutlich zu machen, eine […] Dramatik, die in der Geste eines desperativen Angriffs verharrt, ohne den Gegner getroffen zu haben, entwertet sich selbst.“ Das steht so (ohne Anpassungen) in Peter Weiss‘ Notizen zum dokumentarischen Theater, die ich letzte Woche hier in meiner Theorie tl;dr-Reihe zusammengefasst habe.

Es ist genau diese „entwertete“ Art und Weise, in der wir Autoren im deutschen Fernsehen „politisch“ schreiben, wenn wir denn „politisch“ schreiben. So viele Tatorte zur Flüchtlingskrise, und doch jeder ohnmächtig vor der schier unbezwingbaren Größe des Themas. Keine Definition, keine Gründe, keine Notwendigkeiten und Möglichkeiten zur Behebung. Ohne Verständnis und unverständlich.

Denn wir können nicht anders. Peter Weiss schreibt in diesem Zusammenhang nämlich auch: „Das […] ist nur möglich, wenn es als feste, politisch und soziologisch geschulte Arbeitsgruppe besteht und, unterstützt von einem reichhaltigen Archiv, zur wissenschaftlichen Untersuchung fähig ist.“ Spielfilmautoren sind das nicht, wir können das nicht leisten. Aber es gibt solche Arbeitsgruppen, und vermutlich ist das das erste Mal, dass ich über feste Fernsehformate juble: Es gibt Redaktionen. Es gibt Fernsehshows und ihre Autoren. Und es wird – wenn wir uns ran halten – Fernsehserien und ihre Writers‘ Rooms geben.

Wenn wir nicht weiter ohnmächtig sein, in diesen desperativen Angriffen verharren wollen, dann müssen wir die Wissenschaft in die Fiktion holen, müssen wir Wissenschaftler in unsere kreative Arbeit miteinbeziehen. Das kostet Geld, und deshalb ist das hier nicht nur ein Appell an uns Autoren, sondern auch ein Appell an euch Redakteure. Wir brauchen euch und wir brauchen Geld, weil alle uns brauchen. Das alle uns brauchen, mögen alle oder manche anzweifeln. Doch nicht mit solchen Inhalten, nicht, wenn wir Definitionen haben, und Zusammenhänge und Lösungen. Nicht wenn wir es verstanden haben und dieses Verständnis vermitteln. Und wenn das nicht dem öffentlich-rechtlichen Programmauftrag entspricht, was dann.

Wir brauchen mehr Zusammenarbeit. Filmschreiben hat sich als Blog gegründet, damit Autoren und Erzähler ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Ideen teilen. Damit daran ihre Geschichten gewinnen, und daran wieder wir alle. Das reicht nicht. Jetzt müssen wir uns zur wissenschaftlichen Arbeit befähigen, und das können wir nicht allein. Das können wir hier gemeinsam, oder in den genannten Arbeitsgruppen, in Redaktionen und in Writers‘ Rooms. Desto mehr wir sind, desto kleiner und bezwingbarer wird das große unbezwingbare Thema Flüchtlingskrise und all seine verwandten Themen.

Wir sind depressiv, ausgerechnet dann, wenn man uns braucht. Aus dieser Depression hilft vor allem: Gemeinschaft, Zusammenhalt. Es gibt die Möglichkeit unsere Ohnmacht mit Wissen (bekanntlich Macht) zu bekämpfen, wir müssen sie einfordern und sie uns nehmen. Wie viele Mitarbeiter hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk? Tausende? Zehntausende? Arbeitet zusammen. Arbeitet mit uns zusammen. Und hört da nicht auf: Es gibt viele gute Gründe, das Privatfernsehen nicht auszuschließen.

Denn die öffentlich-rechtlichen Sender werden vermutlich die Menschen nicht mehr erreichen, die wir erreichen müssten. Gleichgeschaltete Lügenpresse, bezahlt von teuren Zwangsgebühren, das heißt vermutlich nicht nur, dass sie nicht mehr die Tagesschau sehen, sie sehen auch den Tatort nicht. Es gibt im Fernsehen kleine, geschmähte Geschwister des Filmschaffens, die auf eine viel subtilere Art in den Alltag der Menschen dringen: Nachmittagsfernsehen, Daily Soaps, Scripted Reality.

Wir ignorieren uns, so könnte man das sagen. Noch nie ist mir und scheinbar auch keinem anderen filmschreiben-Autor die Idee gekommen, Überlegungen zur Verbesserungen von Nachmittagsfernsehen anzustellen. Wer sollte sich da für Qualität interessieren, wie zynisch und ignorant. Es mag tatsächlich ein Interesse an Qualität fehlen, aber doch nur deshalb weil sie angesichts des notwendigen alltäglichen Arbeitspensums zweitrangig wird. Wieder nur deshalb, weil Qualität nicht allein zu schaffen ist. Und wieder heißt die Lösung Zusammenarbeit.

Was jeder konkret tun kann: Sprecht. Sprecht mit Produzenten, mit Redakteuren, mit anderen Autoren. Sagt: Wir verstehen das Thema nicht, wir müssen es verstehen, wir brauchen Hilfe, wir brauchen Geld. Der Redakteur wird mit dem Kopf schütteln, dann sagt ihr: Du verstehst es doch auch nicht. Schreibt. Geschichten entstehen aus Verständnis, das gilt nicht nur für ein emotionales Verständnis für unsere Figuren, sondern auch für ein intellektuelles Verständnis unserer Themen. Wenn ihr etwas verstanden habt, schreibt es auf, vermittelt es weiter. Wenn ihr nicht wisst für wen, schreibt es uns, wir freuen uns immer über Artikel und Beiträge. Verbündet euch. So abgedroschen, aber wahr: Gemeinsam, nur gemeinsam sind wir stark.

4 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. zykez sagt:

    Meine Sorge ist eher, das wir im Writers Room weniger verdienen, weil das Autoren-Budget eben nomiert ist und Dieses auf alle Köpfe verteilt wird (Alle bekommen dann wenig, statt Einer viel) oder man wird dazu übergeht Autoren wieder fest anzustellen (als Arbeitnehmer, wie einstmals).
    Ich bin aber gerne unabhängig und habe auch meine festen Mindestpreise

    Über die genaue Ausgestaltung des Writers Room müßte man also nochmal genauer sprechen, ansonsten bliebe mir (wie vermutlich Anderen) weiterhin nur das Auslandsgeschäft.

    16. März 2016
    Antworten
    • Das ist es ja (unter anderem). Für gute Arbeit braucht es gutes Geld. Und gute (relevante) Arbeit braucht es jetzt von uns.

      20. März 2016
  2. Ein sehr guter Appell genau zur richtigen Zeit, lieber Arno! So langsam wird auch die deutsche Branche empfänglich für das Prinzip Verbündung und das Thema Writers Room, doch natürlich mahlen deutsche Mühlen langsam. Klar geht es immer irgendwie ums liebe Geld, und dass das nicht da ist, ist einer der Gründe, warum es bisher keiner macht. Aber: Wollen wir gute Geschichten erzählen und dabei vielleicht ein bisschen weniger vom großen Kuchen abbekommen, oder wollen wir mit schlechten Geschichten das große Geld verdienen? Wer immer nur gegeneinander kämpft, wird nie gemeinsam erstarken. Deshalb: Ja, verbündet euch/uns!!!

    18. März 2016
    Antworten
    • Sehr schön! =)

      Es ist ja nicht einmal so, dass das Geld nicht da sei. Möchte ich vermuten. Es wird nur für andere Dinge ausgegeben. Und Zusammenarbeit kann ja auch Geld sparen (oder die Kosten neutral halten), wenn viele von der selben Arbeit profitieren könnten und sie nur effektiver verteilt werden müsste. Es macht wenig Sinn, wenn alle das selbe Problem an der selben Stelle bearbeiten. Das ist teuer und sie dringen nur sehr langsam unter die Oberfläche.

      20. März 2016

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