Grundlagen I: Was ist eine Geschichte und wie funktioniert sie? – Teil 2

Drei Antworten auf die Frage, was eine Geschichte ist und wie sie funktioniert:

Eine Geschichte ist ein dreidimensionales Abbild des Menschseins. Sie erzählt von Veränderungen in drei Welten: der äußeren Welt der Handlungen, der emotionalen Welt der Beziehungen und der inneren Welt der Identität. Und von den wechselseitigen Abhängigkeiten der Welten voneinander. Damit unterstützen sie uns darin, zu verstehen, wer wir sind. Geschichten stiften Identität.

Eine Geschichte ist ein Werte-Diskurs: Sie erzählt von Werten, die miteinander in Konflikt geraten. Damit stellt sie eine Möglichkeit dar, uns über unsere individuellen und sozialen Werte zu verständigen, und Antworten auf die Fragen zu finden, wie wir leben sollen und in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Geschichten konstituieren Gemeinschaften.

Geschichten spiegeln menschliche Entwicklungsprozesse. Sie erzählen von der Entstehung, der Austragung und der Auflösung von Konflikten, durch die sich Persönlichkeitsentwicklungen vollziehen, und helfen uns, unsere eigenen Konflikte zu verstehen und zu bearbeiten. Geschichten geben Hoffnung auf ein besseres Leben.

In diesem Text geht es um den zweiten Teil der dritten Antwort. Im ersten Teil ging es um die Themen Konflikt, Hauptfigur, dramatisches Ziel und dramatische Frage, Handlungsebene und inhaltliches Thema, Widerstände und antagonistische Kräfte. Über die beiden anderen Antworten werde ich später schreiben.

Motivation und Fallhöhe

Die Hauptfigur will ihr Ziel erreichen. Schön. Aber warum will sie das? Was ist ihre Motivation? Ist ihre Motivation nicht ausreichend hoch – wenn also der Grund, warum sie ihr Ziel erreichen will, von keinem hohen Wert für sie ist – werden ihr Handeln und damit die Geschichte unglaubwürdig. Eine mangelnde Motivation ist der Genickbruch einer Geschichte.

Warum will die Hauptfigur ihr Ziel erreichen?

Motivation drückt sich in Fallhöhe aus: Was steht für die Figur auf dem Spiel? Was verliert sie, wenn sie ihr Ziel nicht erreicht?

Motivierendes Bedürfnis und erhofftes Glück

Die Motivation bzw. Fallhöhe der Hauptfigur entsteht aus einem Bedürfnis: Liebe, Leben, Freiheit, Anerkennung, Sicherheit, Selbstbestimmung, Loyalität, Freundschaft, Reichtum, Ruhm, Gemeinschaft, Nähe, sozialer Status, Kontrolle, Gesundheit, Unversehrtheit und so weiter. Dieses Bedürfnis motiviert die Hauptfigur, es ist das motivierende Bedürfnis. Sie hofft, glücklich zu werden, wenn sie es befriedigt. Ein solches Bedürfnis steht für sie auf dem Spiel. Was verliert sie, wenn sie ihr Ziel nicht erreicht? Ihre Liebe, ihr Leben, ihre Selbstbestimmung, ihren sozialen Status… Deshalb will sie ihr Ziel erreichen.

Das Bedürfnis ist ihr „inneres Brauchen“: Sie braucht Liebe, Freiheit, Nähe etc., um glücklich zu sein. Hauptfiguren geht es hier nicht anders als uns Menschen. Genau wie wir wollen sie mit allem, was sie tun, glücklich werden. Das Streben nach Glück ist ihre innere Triebfeder. Wenn wir wissen, was einen Menschen glücklich macht, dann kennen und verstehen wir ihn.

Wichtig für die Entwicklung der Hauptfigur und einer soliden Basis der Geschichte ist folgende Kausalkette:

Die Hauptfigur will ihr dramatisches Ziel erreichen, um ein Bedürfnis zu befriedigen, um glücklich zu sein.

In Little Miss Sunshine will die Familie den Wettbewerb gewinnen, um Anerkennung und Selbstbestätigung zu erlangen.

Größte Angst und Tiefpunkt

Die Frage nach dem größten Glück, nach dem, was die Figur braucht, um glücklich zu sein, ist wichtig, aber nur ein Aspekt, den man kennen muss, um eine Figur zu verstehen. Der andere ist der Gegenpol zum Glück, die Frage nach der größten Angst, aus der heraus sich das Bedürfnis erst ergibt: Dem Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft liegt die Angst vor Einsamkeit zugrunde. Die Figur gerät dann im Laufe der Geschichte in eine Situation der Einsamkeit, wird also mit ihrer größten Angst konfrontiert, um am Ende wahre Gemeinschaft und Nähe erfahren zu können.

Was ist das Schlimmste, das der Hauptfigur passieren kann? Was ist ihre größte Angst?

Wenn wir wissen, was die größte Angst eines Menschen ist, dann kennen und verstehen wir ihn.

Symbolischer Tod und symbolische Wiedergeburt

In guten Geschichten tritt das Schlimmste irgendwann ein, bewahrheitet sich die größte Angst. Die Hauptfigur gelangt in ihren Tiefpunkt und erlebt ihren symbolischen Tod und ihre symbolische Wiedergeburt. Symbolischer Tod bedeutet: Alles scheint verloren. Die Hauptfigur ist so weit von ihrem Ziel entfernt, wie sie es nur sein kann. Mit einer Pistole am Kopf sitzt sie gefesselt auf einem Stuhl. Sie will aufgeben oder gibt sogar auf. Eines ihrer Leben – physisch, emotional, mental, seelisch – steht auf dem Spiel. Übersteht sie diese Situation nicht, ist die Geschichte zu Ende. Der symbolische Tod ist dann der – für die Hauptfigur negative – Höhepunkt der Geschichte.

Symbolischer Tod bedeutet: Alles scheint verloren.

Übersteht er sie, geht sie weiter: symbolischer Wiedergeburt. Entscheidend für die symbolische Wiedergeburt ist ihre Ursache: Warum wird die Hauptfigur „wiedergeboren“? Warum gibt sie doch nicht auf, sondern setzt ihren Weg fort? Was rettet sie? Wer oder was hilft ihr?

Der Tiefpunkt ist für das Publikum ein Moment höchster Emotionalität. Nicht nur deshalb ist er ein zentrales dramaturgisches Element in einer Geschichte, sondern auch im Hinblick auf die Charakterentwicklung der Hauptfigur: Im Tiefpunkt muss sie ihre größte Angst durchstehen, damit ihre alte Persönlichkeitsstruktur gewissermaßen aufgebrochen wird und sie ihren Charakter entwickeln kann.

In Little Miss Sunshine stirbt der Opa im Tiefpunkt. Das führt zum symbolischen Tod: Die Mutter sagt Olive, dass sie nächstes Jahr zur Little Miss Sunshine-Wahl fahren werden. Doch der Vater denkt nicht ans Aufgeben: „Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt. Gewinner und Verlierer. Und wisst Ihr, was der Unterschied ist? Gewinner geben niemals auf. Also was wollen wir sein, Leute? Gewinner oder Verlierer?“ Das ist die symbolische Widergeburt: Die Hauptfigur gibt doch nicht auf, sondern macht weiter.

Tatsächliches Bedürfnis und wahres Glück

Was, wenn die Figur ihr Bedürfnis befriedigen, damit aber nicht glücklich werden würde? Dann muss sie ein anderes Bedürfnis befriedigen, eins, das sie tatsächlich glücklich macht – ein tatsächliches Bedürfnis: Die Figuren des Pluralprotagonisten in Little Miss Sunshine beispielsweise wollen den Schönheitswettbewerb gewinnen, um ihr (motivierendes) Bedürfnis nach Selbstbestätigung und Anerkennung zu befriedigen. Das ist ihre Motivation, deshalb machen sie sich auf den Weg.

Tatsächlich müssen sie aber wieder eine funktionierende Familie werden, ihr (tatsächliches) Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit befriedigen, um glücklich zu werden. Am Ende erreichen sie zwar ihr Ziel nicht und können deshalb ihr motivierendes Bedürfnis nicht befriedigen, stattdessen befriedigen sie ihr tatsächliches Bedürfnis und sind glücklich.

Beziehungsebene und emotionales Thema

Aus den Bedürfnissen der Figur ergibt sich die Beziehungsebene. Auf ihr geht es „über“ etwas: Worüber erzählt die Geschichte?

Emotionale Themen sind universell, archetypisch, transhistorisch, transkulturell.

Auf der Beziehungsebene wird das emotionale Thema erzählt und die emotionale Beteiligung der RezipientInnen erzeugt. Emotionale Themen sind universell, archetypisch, transhistorisch, transkulturell, siehe die Bedürfnisse der Figur weiter oben: Liebe, Leben, Freiheit, Sicherheit, Ordnung, Selbstbestimmung, Nähe, Gemeinschaft, Loyalität, Vertrauen, Gesundheit, Unversehrtheit, Heimat, Identität, Zugehörigkeit, Anerkennung, etc. und ihre Gegenteile: Hass, Sklaverei, Unsicherheit, Chaos, Fremdbestimmung, Distanz, Einsamkeit, Verrat, Krankheit, Orientierungslosigkeit, Identitätsverlust, Ausgeschlossensein, Ablehnung usw.

In Little Miss Sunshine erzählt die Beziehungsebene über das emotionale Thema Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Zusammenwachsen der Familie. Auch hier sind die Figuren dem Thema entsprechend entwickelt und stehen für bestimmte Haltungen: die Mutter, die für das positive Bild einer funktionierenden Familie steht – „Wir sind eine Familie, und was immer auch geschieht, wir lieben uns, und das ist das allerwichtigste“ – und der Sohn, der für die Negation von Familie steht und mit seinem Schweigegelübde den Hauptkanal der zwischenmenschlichen Kommunikation verschließt. Bis er doch wieder spricht: „Ihr seid nicht meine Familie, ich will überhaupt nicht zu eurer Familie gehören, ich hasse euch: Geschieden, Selbstmord, Bankrott. Ihr seid Verlierer, beschissene Verlierer.“ Womit nicht nur das emotionale, sondern zugleich das inhaltliche Thema bedient wird.

Dass sie als Familie wieder zusammenwachsen müssen, um glücklich zu werden, ist nicht der Grund, warum sie aufbrechen, warum sie anfangen zu handeln. Aber es ist das, was sie am Ende bekommen: Sie gewinnen sich als Familie wieder, nachdem jede einzelne zuvor alles verloren hat. Auf diese Weise sind inhaltliches Thema und emotionales Thema, Handlungsebene und Beziehungsebene miteinander verknüpft.

Krise und Charakterentwicklung

Im Laufe der Geschichte geraten die Handlungsebene und die Beziehungsebene, das inhaltliche und das emotionale Thema und die Werte, die sie verkörpern, in Konflikt miteinander. In der äußersten Zuspitzung des Konfliktes befindet sich die Hauptfigur in ihrer Krise.

In der Krise wird eindeutig klar, was auf dem Spiel steht. Sie ist eine Entscheidungssituation in Form eines Dilemmas: Die Figur muss sich zwischen zwei Werten entscheiden, die von gleich hoher Bedeutung für sie sind. Einen muss sie jedoch opfern. Erfolg oder Familie. Liebe oder Selbstbestimmung. Sicherheit oder Freiheit.

In der Krise muss die Hauptfigur entscheiden, nach welchem Wert sie leben will.

Die Krise ist ein Moment der höchsten Emotionalität, nicht nur für die Figur, sondern auch für Publikum und Lesende. Mit der Entscheidung, die die Figur in der Krise trifft, geht sie in den Höhepunkt der Geschichte und löst den Konflikt. In der Entwicklung einer Geschichte sollte man deshalb früh über die Möglichkeit einer Krisensituation für die Hauptfigur nachdenken: von hinten nach vorne entwickeln.

Über diese Entscheidung, die die Hauptfigur in der Krise trifft, wird ihre Charakterentwicklung erzählt und zum Abschluss gebracht. Am Ende der Geschichte ist sie ein anderer Mensch geworden. Sie hat etwas dazu gelernt, ihr Werte- oder Moralsystem verändert, neue Überzeugungen und Glaubenssätze, eine neue Sicht auf sich selbst und auf die Welt gewonnen.

Aussage

Über diese Entscheidung wird auch die Aussage einer Geschichte getroffen. Jede Geschichte, sofern sie vom Publikum und den Lesenden als sinnvolles Ganzes verstanden wird, hat eine Aussage – ob die Autorinnen und Autoren wollen oder nicht. Sie mag nicht klar herausgearbeitet oder ein Allgemeinplatz sein – Liebe überwindet alle Hindernisse, Verbrechen lohnt sich nicht -, aber sie ist da. Auch über die Aussage sollte man sich früh Gedanken machen: Was will ich mitteilen? Was sollen Publikum oder Leserschaft mitnehmen?

Jede Geschichte hat eine Aussage – ob man will oder nicht.

Nur wenn die Mitglieder einer Familie zusammenhalten, füreinander einstehen und auf Erfolg und Anerkennung verzichten, können sie glücklich werden. – Little Miss Sunshine

Kurzanalyse Little Miss Sunshine

Hauptfigur: die gesamte Familie (Pluralprotagonist)

dramatisches Ziel: Die Familie will nach Kalifornien, damit Olive den Schönheitswettbewerb gewinnt.

dramatische Frage: Wird es der Familie gelingen, rechtzeitig in Kalifornien anzukommen? Wird Olive den Schönheitswettbewerb gewinnen?

Motivation / Bedürfnis: Anerkennung und Selbstbestätigung

Größte Angst (Was ist das Schlimmste, was der Hauptfigur passieren kann?): nicht rechtzeitig in Kalifornien ankommen; den Wettbewerb verlieren

Tiefpunkt: der Opa stirbt, die Mutter sagt zu Olive, dass sie nächstes Jahr zur Little-Miss-Sunshine-Wahl fahren werden (symbolischer Tod: Die Figur gibt auf.), der Vater sagt jedoch, dass sie Opa einen schlechten Gefallen erweisen, wenn sie jetzt aufgeben und schlägt vor, seine Leiche zu klauen (symbolische Wiedergeburt: Die Figur gibt nicht auf, sondern setzt ihren Weg fort.)

antagonistische Kräfte: die Familienmitglieder untereinander (als beispielsweise der Sohn erfährt, dass er kein Pilot werden kann und sich weigert, weiter mitzufahren, gerät die Familie in Zeitnot), das Getriebe ihres Busses geht kaputt, ein Polizist stoppt sie und entdeckt beinahe die Leiche des Großvaters (situative Konflikte), die Konkurrentinnen von Olive (soziale Konflikte), die Veranstalterin, die Olive die Anmeldung verweigern will (zwischenmenschlicher Konflikt)

Krise (Wertekonflikt): Die Mutter muss sich entscheiden: Will sie eine gute Mutter sein, dann muss sie Olive schützen und darf sie nicht auf die Bühne lassen. Lässt sie sie jedoch nicht auf die Bühne, nimmt sie Olive die Möglichkeit, ihren Traum, Schönheitskönigin zu werden, zu verwirklichen. Familie versus Erfolg.

Charakterentwicklung: von einer zerstörten, dysfunktionalen Familie zu einer guten, funktionierenden Familie

Aussagen: Familie ist wichtiger als Erfolg. Eine Familie funktioniert, wenn ihre Mitglieder zusammenhalten. Ein Verlierer ist jemand, der so viel Angst vorm Verlieren hat, dass er es noch nicht einmal versucht.

Deine Meinung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.