Zwei Arten von Filmen: anspruchsvolle und Genrefilme?

Noch bis zum 21. Dezember können sich Autorinnen mit ihren Stoffen im Rahmen der Genrenale für den Arri Genre Pitch 2017 bewerben. Höchste Zeit, sich einmal zu fragen, was es überhaupt mit diesem Begriff auf sich hat.

Ich habe vier Jahre lang als Betreiber eines kleinen Arthousekinos in Berlin-Friedrichshain gearbeitet. Täglich liefen dort über 20 verschiedene Filme, viele davon deutsche Produktionen. Innerhalb des Teams machte dabei ein Witz die Runde: „Wenn ein Film von einer psychisch kranken Frau oder von Nazis handelt, ist es vermutlich ein deutscher Film. Wenn er von einer psychisch kranken Frau und von Nazis handelt, ist es mit Sicherheit ein deutscher Film!“

Deutsche Filmemacher lieben es anspruchsvoll. Eine Geschichte, die sich in einem Satz pitchen lässt, hat nichts Neues zu verhandeln, hörte ich gerade Johannes Naber, den Regisseur von ZEIT DER KANNIBALEN, bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen des FSE argumentieren. In Deutschland herrscht die Meinung vor, es gäbe zwei Arten von Filmen: anspruchsvolle und Genrefilme. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Immerhin, derselbe Johannes Naber war es auch, der von einem Auftritt in Südkorea zu berichten wusste, wo er mit dieser Unterscheidung auf völliges Unverständnis stieß. Ein Nicht-Genre-Film? Was um Himmels Willen soll das sein!

Als Erfinder der Genre-Idee gilt gemeinhin Aristoteles. Er unterschied Komödien und Tragödien. Nichts sonst. Sehr südkoreanisch.

Huan Vu, Mitbegründer der Plattform Neuer Deutscher Genrefilm und Autor eines lesenswerten Blogbeitrag zum Thema, will drei Säulen ausgemacht haben, auf denen er seine Definition des Genrebegriffs gründet: Fantastik, Eskapismus und Performanz.

Perforwas??? Filmwissenschaftler benutzen solche Wörter. Gemeint ist ein Kino, das direkt auf die Magengrube zielt, anstatt liebevoll die grauen Zellen zu massieren. Na schön, das kann man wohl gelten lassen. Unbehagen bereitet hingegen die Gleichsetzung von Genre und Fantastik. Da fühle mich als Autor doch gleich wie in der Raucherzone am Hauptbahnhof. Eingesperrt im unsichtbaren Bannkreis der Theorie. Eine der interessantesten Genrefilme der jüngeren Vergangenheit (und ein beneidenswert simpler obendrein), GREEN ROOM des Amerikaners Jeremy Saulnier, würde sich gemäß dieser Definition nur eingeschränkt als Clubmitglied qualifizieren. Kann ja wohl nicht wahr sein!

Sagen wir es klar: Genre ist nicht optional. Ein Bäcker muss entscheiden, ob er ein Brot bäckt oder einen Kuchen. Ein Architekt muss wissen, ob er eine Fabrikhalle entwirft oder ein Einfamilienhaus. Selbst Mozart war sich stets dessen bewusst, ob die Muse ihm gerade eine Sinfonie diktiert oder ein Klavierkonzert.

Vor einigen Jahren hatte ich einmal Gelegenheit, im Rahmen eines Mini-Seminars einem „echten“ Hollywood-Produzenten einen meiner Stoffe zu präsentieren: Steven Bratter, Executive Producer des Sylvester Stallone-Vehikels DEMOLITION MAN aus dem Jahr 1993. Nicht die ganz große Filmkunst, zugegeben. Aber doch immerhin ein veritabler Publikumserfolg, der im kollektiven Gedächtnis ein paar Spuren hinterlassen hat. Bratter hatte an jeden Teilnehmer genau drei Fragen: „Welchem Film ähnelt der deine?“ und „Wie lautet deine Geschichte in einem Satz?“ waren die ersten beiden. Seine letzte Frage freilich war die nach dem Genre.

Ich werde nie den Ausdruck auf Stevens Gesicht vergessen, als einer der Befragten antwortete: „Ich weiß es noch nicht!“

5 Comments

  1. Wall-E said:

    Period Drama, dazu zähle ich mal Filme über das dritte Reich, ist ja ebenfalls ein Genre. Dieser ist nicht per Definition anspruchsvoller als ein Fantasyfilm oder Science-Fiction-Film, es kommt auf den Einzelfall an. In allen Genres kann man anspruchsvolles Kino machen. Wo ist der Gegensatz?

    16. Dezember 2016
  2. Alex said:

    Genau das ist die Falle, in die deutsche Filmemacher so gerne tappen. Natürlich KANN man. Aber MUSS man deswegen? Anspruch kann schließlich auch eine Krankheit sein. Und genau hier bildet der Neue Deutsche Genrefilm ein so willkommenes Gegengewicht.

    16. Dezember 2016
  3. franz haubentaucher said:

    das ist kein sonderlich neuer gedanke, aber doch korrekt. danke für den artikel

    16. Dezember 2016
  4. Wall-E said:

    Es kommt darauf an, was man unter Anspruch versteht. Wenn man unter Anspruch versteht, dass man hinterher total deprimiert ist, muss ich das auch nicht täglich haben. Wenn man unter Anspruch etwas versteht, was neue künstlerische Wege wagt oder neue Themen anspricht, warum nicht. Oder wenn man unter Anspruch versteht, dass man nicht billige Klischees und Vorurteile bedient, wäre ich auch dabei. Ich widerspreche, dass man sich als Filmmacher zwischen Gefühle und Gehirn entscheiden müsse.
    Und wollen wir mal ehrlich sein, wenn die Handlung im dritten Reich spielt, muss der Film ja nicht unbedingt anspruchsvoller als seine Konkurrenten sein.

    17. Dezember 2016
  5. Wall-E said:

    Nachtrag: Das deutsche Problem ist ja zumeist das Zurückziehen in das jeweils eigene Schneckenhaus. Der Unterhaltungsfilmer sagt: „Ich mach ja nur Unterhaltung, also ich hege keinen Anspruch, dann verwende ich die abgedroschensten Klischee.“ Der ernsthafte Filmemacher sagt: „Unterhaltung ist mir zu billig.“
    Die guten amerikanischen Filme bedienen im besten Fall beides und die Macher wollen es auch tun.

    17. Dezember 2016

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