Das Rückgrat jeder guten Serie: Der Showrunner. „The Art of Making a TV Show.“

Früher nannte man einen Showrunner „Executive Producer“ – zu deutsch ausführender Produzent. Das Tätigkeitsfeld war im Grunde dasselbe wie heute – nur fand die Arbeit der Showrunner bis vor wenigen Jahren wenig Beachtung. Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen in erster Linie die Darsteller, gefolgt von den Regisseuren. An die Autoren und die Producer dachte in der Konsumentengemeinde erst mal keiner. Doch dann kam Lost.

Wie Lost die Serienproduktion veränderte

Dass Lost (2004-2010) die Sichtweise auf die TV Serie an sich in ihren Grundfesten erschütterte, ist aus heutiger Sicht kein Geheimnis mehr. Selbstverständlich war Lost nicht die erste horizontal erzählte Serie. Und trotzdem war sie neuartig auf vielen verschiedenen Ebenen. Neu war vor allem, dass die Executives, JJ Abrams und Damon Lindeloff, offen mit den Fans über Fragen zur Serie, die Geheimnisse der einzelnen Staffeln, die Bildung von Theorien über die Mysterien der Insel sprachen und durch Social Media Kanäle für jeden direkt erreichbar wurden.

Lost found itself riding this wave where suddenly they realized people wanted more information. ~ Jeff Melvoin, Gründer des WGA Showrunners Training Program

Sind es denn nur die neuen Medien, die den Beruf des Showrunners so verändert haben, dass er sogar einen neuen Namen bekam? Fangemeinden sind schließlich so alt wie das Fernsehmedium selbst. Traditionsserien wie Dr. Who (seit 1963), Friends (1994-2004) oder Emergency Room (1994-2009) hatten auch ihre ganz eigene Fanbase – und keine kleinen. Doch wohnte den Serien nicht so viel Mystery, so viele immer wieder neu entdeckbare Figuren, so viel Entwicklungspotenzial inne. Vielleicht war deshalb die Neugier auf die kreativen Köpfe hinter der Serie nicht so groß. Und erst seit der Erfindung von Facebook, Twitter und Co. ist es so unfassbar einfach, mit den Menschen hinter den Serien ins Gespräch zu kommen.

Das Phänomen Showrunner

I think the Internet had to exist in order to create the story of the showrunner, the rise of the showrunner as you call it. ~ Damon Lindeloff, Showrunner Lost, The Leftovers

Aber was verbirgt sich denn nun hinter dem doch sehr amerikanischen Phänomen „Showrunner“? Was kann er, das wir in Deutschland und Europa lange nur eingeschränkt schafften, nämlich außergewöhnliche und wirtschaftlich langlebige Serienprodukte erschaffen und am Laufen halten? Woraus besteht seine Arbeit, welche Funktion hat er für die Serie? Und wie sieht er selbst seinen Job?

Diesen Fragen ist der irische Filmemacher und Serienjunkie Des Doyle in seiner Dokumentation Showrunners. The Art of Making a TV Show nachgegangen. Von der grünen Insel aus ließ er nicht locker, bis er für sein Liebhaberprojekt sämtliche amerikanischen Showrunner/Executive Producers vor die Linse bekam. Herausgekommen sind ein Film und ein Buch des ehemaligen Kamerassistenten, das so manchem noch die Augen öffnen könnte. Showrunners verrät uns, dass Serien genau das sind: eine Kunst, und zwar, und das ist wichtig, sowohl auf der konzeptionellen als auch auf der wirtschaftlichen Ebene. Da Gesamtkunstwerk, das Format als solches in seiner spezifischen Herstellungsweise (man könnten auch sagen Herstellungs-Marathon) macht amerikanische Top-Serien aus. In zahlreichen Interviews verraten uns die Showrunner von Erfolgsformaten wie The Walking Dead, Lost oder Fringe, was die Welt der Serienproduktion im Innersten zusammenhält.

Von der Liebe zur forterzählten Handlung

Doyle ist Serienfan, und zwar seit frühester Kindheit. Wie er hat jeder Serienfan sein ganz persönliches Erweckungserlebnis in Sachen Serie erlebt, die einen früher, die anderen später. Star Trek, erzählte er im Interview nach dem Screening seines Dokumentarstücks Showrunners auf dem Seriencamp in München im Oktober 2015, und noch genauer, die Episode Spock’s Brain habe die Liebe zur forterzählten Handlung in ihm ausgelöst. Bei mir war es nach langem Konsum mittelmäßiger deutscher Serien in den 90ern (die mich trotz mangelnder Qualität offenbar nicht abschrecken konnten) wohl die erste Staffel von Dark Angel (2000-2002), die meine Leidenschaft für das Phänomen Serie vollends entfachte.

Auch heute bestehen 90% der Zeit, die ich vor dem Bildschirm verbringe, aus Serien. Wer Serien liebt, ist hungrig nach dem next best thing, und gibt sich mit dem last best thing wohl nie zufrieden. In den letzten Jahren hat die Serie, insbesondere die horizontal erzählte, ihre Sternstunde erlebt. Ob sie schon wieder auf dem absteigenden Ast ist, oder ob es weitergeht, werden die kommenden Jahre zeigen. Aus Großbritannien drängen vermehrt gut gemachte Miniserien auf den Markt, Italien hat sich mit Gomorrha und 1992 einen Platz unter den Topformaten Europas gesichert. Veranstaltungen wie die Berlinale 2015, die erstmals Serienscreenings zeigte und das 2015 aus der Taufe gehobene Seriencamp halten der Serie die Stange.

Blick ins eigene Land

Und was passiert in Deutschland? Was haben wir von unseren näheren und ferneren Vorbildern gelernt? Wie macht man eine gute Serie? Wie man keine gute Serie macht, hat Stefan Stuckmann mit seinem Beitrag zum Thema schon unter Beweis gestellt. Aber wie macht man es denn nun, und warum kommt die deutsche Serie auf keinen grünen Zweig?

Es ist Zeit für neue Wege. Vox und RTLII, Neulinge auf dem Gebiet eigenproduzierter Serien, wagen einen Vorstoß mit redaktionsunabhängig entwickelten Serienmodellen, doch damit ist es nicht getan. Das RTL-Modell Deutschland 83 wurde erst als die Entdeckung des Jahres auf die Berlinale getragen, dann wurde lange nach einem Sendeplatz für das vielleicht doch sperrige Thema gesucht. Man ahnte schon, dass es vielleicht auf ewig in der Schämschublade verschwinden könnte, jetzt ist es auf einmal wieder deutsche Vorzeigeserie in der Prime Time.

Die Frage nach den Gründen ist müßig – es ist ja nicht so, als würden sich deutsche Autoren, Produktionsfirmen und Sender nicht den großen Wurf wünschen. Fluppen tut es aber auch nicht so richtig. Ist denn etwa doch der Showrunner das ganze Geheimnis?

Doyles Interviews zeigen uns zwei Dinge: Ja, eine gute Serie braucht einen guten Producer, der gleichzeitig Entwicklung, Preproduction, Dreh, Postproduction und die Sendeabfertigung in der Hand hat. Die Masse der Aufgaben, der Entscheidungen, die täglich gefällt werden wollen, sind Grund genug, dass viele amerikanische Serienmacher nur in Zweierteams arbeiten, die aber wiederum eine Herausforderung für sich darstellen. Wer mit dem Kopf gleichzeitig in der vergangenen, aktuellen und folgenden Staffel steckt, lebt nur noch für die Serie. Kein Wunder, dass selbst die erfolgreichsten Showrunner ihren Job gleichzeitig als den besten Job der Welt und den schlimmsten Job der Welt bezeichnen.

2 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Nils Terborg sagt:

    Hi Christine,

    schöner Artikel, die Infos zum Thema Showrunner finde ich spannend – auch, da die Serienlandschaft sich ja gerade in atemberaubenden Tempo weiterentwickelt. Ich frage mich wirklich, was da in Deutschland schief läuft…vielleicht ist man da einfach zu konservativ und hat einfach Angst, zu polarsieren. Formate wie Sons of Anarchy, Dexter, Masters of Sex oder Hannibal kann ich mir aus deutscher Produktion einfach nie vorstellen.

    Aber klar, das Traumschiff ist natürlich massenkompatibler. Aber: willst du allen gefallen, gefällst du keinem :-)

    LG, Nils

    24. November 2015
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