Mutet uns mehr zu! – erklärende und erzählende Dialoge in BLOCHIN

Oliver Jungen hat in der FAZ bereits auf einige dramaturgische Schwächen der ZDF-Serie BLOCHIN von Matthias Glasner verwiesen. Ich will in diesem Text einen Blick auf die Dialoge in der ersten Folge von BLOCHIN werfen.

Die Qualität der Dialogarbeit hängt unter anderem von zwei Faktoren ab: Vertrauen Autorinnen und Autoren ihren Figuren und der Kraft ihrer Erzählungen? Und vor allem: Trauen sie ihrem Publikum etwas zu? In der Antwort auf die zweite Frage zeigt sich das Bild, das sie vom Publikum haben. Trauen sie dem Publikum etwas zu – wenn sie es also für intelligent halten –, dann werden die Dialoge erzählenden Charakter haben: Dem Publikum werden Informationen mitgeteilt, ohne dass sie von den Figuren direkt ausgesprochen werden. Sie sind nicht im Text des Dialogs, sondern im Subtext der Handlung verortet.
Vertrauen AutorInnen ihren Figuren und der Kraft ihrer Erzählung? Und trauen sie dem Publikum etwas zu?
Misstrauen sie dem Publikum, dann haben die Dialoge eine erklärende Funktion: Informationen über die Figuren, ihre Beziehungen zueinander, ihre Biografie etc. werden direkt ausgesprochen und damit erklärt. Erklärenden Dialogen liegt das Bild eines wenig intelligenten Publikums zugrunde. Die Autorinnen und Autoren trauen ihm nichts zu und trauen sich deshalb selbst nichts. Die Dialoge sind für Dumme geschrieben und dadurch selbst dumm.

Ein konkretes Beispiel für den Unterschied und die unterschiedliche dramatische Wirkung der beiden Dialogarten auf das Publikum findet sich in der ersten Folge von BLOCHIN.

In Minute 07:30 sehen wir Blochin und Dominik zum ersten Mal zusammen in einem Bild. Sie sind an einem Tatort. Dominik wird als der ermittlungsleitende Beamte erzählt, ist also der Vorgesetzte von Blochin. Blochin gerät kurz mit einem Kollegen in Konflikt und verschwindet. Der Kollege sagt zu Dominik: „Dein Schwager nervt.“

Mit diesem Satz wird die Beziehung zwischen Dominik und Blochin erklärt: Ich weiß jetzt, dass die beiden Schwager sind. Das Problem ist: Diese Information ist zu diesem Zeitpunkt vollkommen irrelevant. Ich kann mit ihr nichts anfangen, weil ich sie nicht brauche, um die Geschichte und die Figuren zu verstehen. Aber sie verändert meine Rezeption: Denn ab jetzt weiß ich in jedem Bild, in dem die Beiden gemeinsam auftreten, dass sie Schwager sind. Und das bringt erzählerisch, also im Hinblick auf die Wirkung beim Publikum, keine Vorteile, sondern hat Nachteile: Wenn Dominik später Blochin vor den anderen Kolleginnen und Kollegen schützt, dann weiß ich, dass er das macht, weil Blochin sein Schwager ist. Ich frage mich nicht, warum er das wohl macht, welche besondere Beziehung er zu Blochin haben muss. Ich achte nicht auf Anzeichen, die auf diese Beziehung hinweisen könnten, darauf, dass die beiden vielleicht ein Liebespaar sind oder dass Blochin etwas gegen Dominik in der Hand hat und ihn erpresst und so weiter. Das wäre jedoch viel interessanter, es würde mich kognitiv stärker an der Geschichte beteiligen. Durch das Erklären der Figurenbeziehung wird diese Möglichkeit der kognitiven Beteiligung zerstört. Und das ist schlicht schlechtes Erzählen.

Erklärende Dialoge zerstören die Möglichkeit der kognitiven Beteiligung des Publikums.

Aber damit nicht genug: In Minute 11:07 telefoniert Blochin mit seiner Frau Inka. Am Ende des Gesprächs lässt sie Grüße bestellen. Blochin fragt, wem. Sie antwortet: „Meinem Bruder.“ Damit wird nicht nur ein zweites Mal erklärt, dass Blochin und Dominik Schwager sind, sondern auch, dass die Schwagerbeziehung zwischen Blochin und Dominik sich aus der Ehe zwischen Blochin und Dominiks Schwester ergibt, und nicht etwa darauf gründet, dass Dominik mit Blochins Schwester verheiratet ist. Eine Schwester von Blochin wird aber nicht erzählt, weshalb diese Erklärung unnötig ist und für die ganz Dummen unter uns Zuschauerinnen und Zuschauern sein muss.

In Minute 11:48 wird dann für alle, die immer noch nicht verstanden haben, dass Blochin und Dominik Schwager sind, oder die es aus irgendeinem anderen Grund verpasst haben, die Schwagerbeziehung von einem anderen Kollegen noch einmal im Dialog ausgesprochen, also erklärt.

Mein Gefühl, als Zuschauer für dumm gehalten zu werden, das sich nach Minute 11:07 eingeschlichen hat, wurde in diesem Bild bestätigt. Wer innerhalb so kurzer Zeit eine Information, die es zu dieser Zeit noch gar nicht braucht, dreimal vermittelt, der scheint seinem Publikum überhaupt nichts zuzutrauen. Und der darf sich nicht wundern, wenn die Serie nicht gut besprochen wird, geschweige denn keinen internationalen Erfolg hat.

Das Ärgerliche ist: Es hätte keine einzige dieser Erklärungen gebraucht, weil die Erzählung im weiteren Verlauf diese Informationen durch die Handlungen der Figuren ohnehin vermittelt: In Minute 40:40 kommt Dominik zu Blochin nach Hause, wird von Blochins Tochter freudig begrüßt und geht auf den Balkon zu Inka, die an diesem Tag erfahren hat, dass sich ihre MS-Erkrankung verschlechtert hat und die in entsprechend trauriger Stimmung ist. Sie berichtet ihm offen davon und zeigt ihre Gefühle, wodurch wir sehen, dass die beiden eine sehr nahe und vertrauensvolle Beziehung haben. Am Ende nimmt Dominik sie lange in den Arm.

Angenommen, es wäre vorher nicht erklärt worden, dass Blochin und Dominik Schwager sind, welche Wirkung hätte die Szene dann auf mich gehabt? Wie hätte ich sie rezipiert? Ich hätte mich an ihre beteiligen können. Zuerst hätte ich mich gefragt, warum Dominik bei Blochin zu Hause auftaucht. Durch die freudige Begrüßung der Tochter wäre mir klar geworden, dass es sich nicht um einen beruflichen, sondern um einen privaten Besuch handelt, der nicht zum ersten Mal stattfindet. Durch das Gespräch zwischen Dominik und Inka hätte ich erkannt, dass die beiden ein sehr inniges Verhältnis haben, so wie beispielsweise Geschwister es haben können. Aber auch zu anderen Personen kann man ein solches Verhältnis haben. Der heimliche Liebhaber dürfte es zwar kaum sein und für ein Vater-Tochter-Verhältnis passt das Alter nicht. Aber der Sandkastenfreund wäre beispielsweise möglich, wenn auch eher unwahrscheinlich. Der Cousin statt Bruder wäre auch denkbar, würde aber nichts ändern.

Denn letztlich ist für die Beziehung zwischen Dominik zu Blochin nicht das formale Verwandtschaftsverhältnis zwischen Dominik und Inka entscheidend, sondern das Vertrauen, die Nähe, kurz: die emotionale Qualität der Beziehung zwischen Dominik und Inka. Nicht weil er Inkas Bruder ist schützt Dominik Blochin, sondern weil seine Beziehung zu ihr eine bestimmte emotionale Qualität hat. Ob er diese als Bruder, als Cousin oder als Sandkastenfreund hat, ist zweitrangig, war es in BLOCHIN aber offensichtlich nicht, sonst wäre das Verwandtschaftsverhältnis nicht innerhalb der ersten Minuten dreimal erklärt worden.

Nicht die soziologische Dimension ist für die Qualität einer Beziehung entscheidend, sondern ein emotionales Thema der psychologischen Dimension.

Die Beziehung zwischen zwei Figuren über einen formalen Aspekt der soziologischen Dimension zu definieren (Geschwister), um die Handlungsmotivation einer Figur zu begründen(Dominik schützt Blochin, weil er will, dass es Inka gut geht), und nicht über ein emotionales Thema der psychologischen Dimension (Vertrauen, Nähe), weist darauf hin, dass bei der Entwicklung der Figuren von außen nach innen gedacht wurde, von der Handlung zur Figur bzw. zur Beziehung. Die prinzipielle Gefahr dieser Vorgehensweise ist, bei der oberflächlichen Charakterisierung einer Figur und ihrer Beziehungen stehen zu bleiben und nicht bis in das Innere ihres Charakters und damit ihrer Fähigkeit, bestimmte Beziehungsqualitäten zu leben, vorzudringen.

Eine größere Tiefe und Substanz einer Figur erzielt man hingegen, wenn man zuerst ihre innere Welt der Identität definiert und von ihr aus die emotionale Welt der Beziehungen und die äußere Welt ihrer Handlungen ableitet, also von innen nach außen entwickelt, vom Charakter zu den Beziehungen und Handlungen.

Geht man nicht vom Charakter einer Figur aus, sondern von ihrer Charakterisierung, dann kann man sie nicht ausreichend gut kennen und verstehen. Wenn man sie nicht ausreichend gut kennt und versteht, kann man ihr und der Kraft ihrer Erzählung nicht vertrauen und greift also auf erklärende Dialoge zurück.

Erzählende Dialoge liefern Autorinnen und Autoren nicht die Gewissheit wie erklärende Dialoge, dass das Publikum alles versteht, dass alle Informationen, die sie vermitteln wollen, auch ankommen. Na und? Wäre das so schlimm? Was wäre denn, wenn ich nicht wüsste, dass Dominik und Inka Geschwister sind? Was würde sich ändern? Ich müsste mich stärker an der Erzählung der Geschichte beteiligen, um die Zusammenhänge zu verstehen. Und das wäre gut. Denn je mehr ich mich beteiligen muss, desto lustvoller ist die Rezeption. Stattdessen scheint aber die Ansicht zu herrschen, dass selbst (vermeintlich) anspruchsvolle Geschichte leicht zu rezipieren sein sollte und jedes Mit- und Nachdenken, also alles, was ich dem Publikum zutraue, eine Zumutung ist und das Publikum abschreckt.

Erfolgreiche Serien trauen dem Publikum etwas zu und trauen sich deshalb, intelligent zu erzählen.

Das Problem ist aber, dass man es nicht allen recht machen kann, und wenn man es trotzdem versucht, man im besten Fall in der Mittelmäßigkeit landet. Erkläre ich die Geschichte für die Dummen, verliere ich die Intelligenten. Erzähle ich sie für die Intelligenten, verliere ich die Dummen. Da auch die Serien der Öffentlich-Rechtlichen eine hohe Quote erzielen sollen, geht man dort offensichtlich davon aus, dass die Mehrheit des Publikums dumm ist, also sie adressieren muss, um eine hohe Quote zu erzielen. Und das ist arrogant und überheblich.

BLOCHIN traut seinem Publikum offensichtlich nichts zu und traut sich deshalb nichts. Die Serie ist für Dumme gemacht und erzählt deshalb plump. Dass Glasner auch anders kann, hat er hinlänglich bewiesen. Deshalb frage ich mich, was ihn dazu verleitet hat, in BLOCHIN so schlechte Dialoge zu schreiben. Vor allem, wenn man mit den us-amerikanischen und skandinavischen Top-Serien konkurrieren will.

Diese sind nämlich nicht so erfolgreich, weil ihre Rezeption unanstrengend ist, sondern im Gegenteil: weil sie intelligent sind und dem Publikum etwas zutrauen. Sie trauen dem Publikum etwas zu und trauen sich deshalb, intelligent zu erzählen.

3 Comments

  1. Michael Füting Michael Füting

    Der große Wolfgang Staudte sagte:
    Im Film muss alles Wichtige gezeigt, weniger gesagt werden.
    Im TV muss man alles Wichtige zeigen UND sagen!
    Wegen des kleinen Schirms und der reduzierten Aufmerksamkeit?
    Anyway, Info-Dialoge sind immer zweitklassig bis peinlich!
    Gründe u.a. dafür: faule Autoren und Redakteure, die das so haben
    wollen. Sorry!

    21. Dezember 2015
  2. Avatar Martin Krönert

    Eine sehr gute Dialoganalyse, die wunderbar aufzeigt, wie man mit geschicktem „Mut zur Lücke“ die Offenbarung einer Charakterbeziehung wesentlich spannender hätte gestalten können. Vielen Dank dafür.

    Ich möchte gern noch hinzufügen, dass es in meinem Fall bei dieser Situation sogar zum Gegenteil gekommen ist. Die Art von Glasners Info-Dialogen hat mich durch dessen extreme Redundanz sehr verwirrt und zunächst lange nachdenken lassen, ob mir gerade irgendetwas Entscheidendes entgangen ist (Ich habe sogar einmal deswegen zurückgespult). Wahrscheinlich bin ich es durch den massiven Konsum von anspruchsvolleren Serien gar nicht mehr gewohnt gewesen, dass man ein Detail mehrmals mitteilen könnte ohne irgendetwas für den weiteren Handlungsverlauf bezwecken zu wollen. Erst bei der Balkonszene habe ich dann wirklich begriffen, dass Glasner jedes Mal nur dieselbe Information geliefert hat. Ab dem Moment war ich dann aberebenfalls vorübergehend ziemlich enttäuscht von seiner Erzählweise.

    Nur habe ich jedoch bei Folgenende diese Dialoge nicht mehr als ganz so minderwertig abgetan, wie Sie es anscheinend tun, wenn Sie sagen, die Serie in ihrer Gesamtheit sei für „Dumme“ produziert worden. Die Stärke von Blochin lag doch vor allem darin, dass Vogels Charakter Stück für Stück (aber zugegeben wenig subtil) seine dunkle, korrupte und sogar skrupellose Seite für den Zuschauer entblättert und dadurch die Beziehung zum augenscheinlich lupenreinen Schwager sehr viel Spannungspotenzial erhält. Dahingehend machte es dann nämlich auch Sinn, dass Glasner diese Beziehung so idiotensicher in das Gehirn des Zuschauers nagelt, oder? Da heiligt dann der Zweck vielleicht doch die Mittel?

    24. Dezember 2015
  3. Hallo Herr Kröhnert,

    vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihr Lob. Dass die Serie in ihrer Gesamtheit für Dumme produziert wurde, wollte ich so nicht ausdrücken. Das ist einfach missverständlich formuliert von mir. Ich habe die Serie nicht in ihrer Gesamtheit gemeint, alleine schon weil ich nach der dritten Folge nicht mehr weiter geschaut habe. Die erklärenden Dialoge, die ich beschreibe, habe ich tatsächlich nur in der ersten Folge gefunden, danach wurden sie besser. Entschuldigen Sie also bitte meine zu stark zugespitzte Formulierung und das Missverständnis.

    Viele Grüße

    Ron Kellermann

    8. Januar 2016

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