Über TV-Serien-Prokrastination und –Promiskuität: ein Erfahrungsbericht

Wie sehr hat das gekribbelt vor Aufregung, als bekannt wurde, dass auch Netflix und Amazon Prime bald in Deutschland verfügbar sein werden. Endlich können wir auch hier Streaming-Dienste nutzen – die neuen Heilsbringer, die dem alten linearen Fernsehen endlich den Gar aus machen und das Serienschauen revolutionieren. Mir ging es schon seit langem auf die Nerven, dass ich mir vorschreiben lassen muss, wann ich einschalten soll und wie viel ich schauen darf. Ich will selbst entscheiden, wann und wie viel ich schaue. Das lineare Fernsehen mit seinen festen Programmstrukturen kann das nicht bieten. Und DVDs werden mir meistens zu spät veröffentlicht und sind zudem noch zu teuer. Schöne neue Welt der Streaming-Dienste: qualitativ hochwertige Serien bis zum Abwinken, jederzeit verfügbar, zu einem guten Preis. Ein Schlaraffenland für Liebhaber von Qualitätsserien.

Das lineare Fernsehen und die DVD sind tot.

Und jetzt muss ich feststellen, dass das Schlaraffenland gar nicht so toll ist. Gerade denke ich sogar darüber nach, mein Abo wieder zu kündigen. Warum? Weil ich keine Lust mehr habe, Serien auf diese Weise zu schauen. Schauen zu müssen. Ständig selbst entscheiden zu müssen, was und wie viel ich schaue.

Durch dieses Müssen habe ich zwei seltsame Eigenschaften entwickelt: Serien-Prokrastination und Serien-Promiskuität.

Serien-Prokrastination

heißt: Ich will eine bestimmte Serie schauen. Aber heute Abend bekomme ich Besuch. Macht nichts. Ich kann ja morgen schauen. Morgen Abend will ich aber einen alten Freund anrufen, bei dem ich mich schon viel zu lange nicht mehr gemeldet habe. Kein Problem. Fange ich eben übermorgen an. Übermorgen Abend kommt aber Fußball. Und überübermorgen Abend bin ich verabredet. Und überüberübermorgen Abend will ich mal wieder Zeit mit meiner Freundin verbringen, das kommt ohnehin viel zu kurz. Alles kein Problem. Denn ich habe ja Netflix: Ich kann die Serie ja jederzeit anfangen zu schauen. Kein Problem? Für mich schon. Für mich ist genau das das Problem. Denn dadurch, dass alles jederzeit verfügbar ist, kann ich auch zu jeder Zeit schauen. Und das führt dazu, dass ich die Serie immer weiter vor mir her schiebe mit dem Ergebnis, dass ich sie gar nicht schaue.

Da bekommt das gute alte Fernsehen doch plötzlich einen ganz neuen Stellenwert: Wenn ich eine Serie sehen will, dann muss ich heute Abend einschalten oder sie mir in den nächsten sieben Tagen in der Mediathek anschauen. Sonst habe ich sie verpasst. Also räume ich mir den Abend frei und verschiebe den Besuch, die Verabredung, das Telefonat (jetzt habe ich mich so lange nicht bei meinem alten Freund gemeldet, da kommt es auf einen Tag mehr auch nicht an), verzichte auf das Fußballspiel (wenn auch nur sehr ungern) und schaue mit meiner Freundin zusammen die Serie. Das lineare Fernsehen gibt meinem Leben Struktur und hilft mir dabei, Entscheidungen zu treffen. Irgendwie macht das mein Leben einfacher.

Das lineare Fernsehen lebt.

Serien-Promiskuität

bedeutet: An einem Abend schaue ich mir drei Folgen von ORANGE IS THE NEW BLACK an. Ich finde sie gut und will sie weiter schauen. Ich will aber auch NARCOS sehen. Also schaue ich am nächsten Abend erstmal in NARCOS rein, drei Folgen, drei Folgen müssen sein, um entscheiden zu können, ob mir eine Serie gefällt. So viel Zeit sollte man ihr geben. NARCOS ist zwar schwach erzählt mit einem amerikanischen Drogenpolizisten als Pseudo-Hauptfigur, aber ich finde es trotzdem interessant, wie Pablo Escobar sein Imperium aufgebaut hat und will mehr darüber wissen. BLACKLIST hört sich aber auch gut an. Also schaue ich erstmal in BLACKLIST rein. Ist nicht schlecht, aber die stark episodische Erzählweise ist nicht ganz meins, wobei die horizontal erzählte Beziehungsebene in der dritten Folge ordentlich Fahrt aufnimmt. Könnte ich also doch weiter schauen. Aber irgendjemand hat mir FARGO wärmstens empfohlen. Und auf sein Urteil konnte ich mich bisher immer verlassen. Also schaue ich beim nächsten Mal FARGO. Und genau so geht das weiter. Ich bleibe keiner Serie treu, sondern steige mit jeder ins Bett. Und werde immer verwirrter, weil ich anfange, die Figuren und Handlungsstränge der einzelnen Serien miteinander zu vermischen.

Bei der guten alten DVD war das nicht so. Ich musste zwar auch selbst entscheiden, wann und wie viel ich schaue. Aber in der Regel hatte ich immer nur eine Serie zur Verfügung. Also habe ich sie immer weiter und bis zum Ende geschaut, wenn sie mir gefallen hat.

Die DVD lebt.

So habe ich mir das Serien-Schlaraffenland ehrlich gesagt nicht vorgestellt. Aber immerhin hält es mich davon ab, mich zu überfressen und kotzen zu müssen. Es hat sogar dazu geführt, dass ich momentan eine Serien-Nulldiät halte. Mittlerweile hat sich die Serien-Verwirrtheit auch wieder gelegt und mein Kopf wird freier. Ich frage mich bloß, warum ich dafür bezahlen soll, mir keine Serien mehr anzuschauen.

Jedenfalls werde ich gleich mal das TV-Programm lesen und schauen, was am Donnerstag auf ARTE läuft. Und vielleicht hat die Stadtbücherei ja mittlerweile ein paar neue Serien auf DVD. Mein Hunger wird nämlich wieder größer. Nichts essen war noch nie meine Stärke.

Was lerne ich daraus? Dass es gar nicht so einfach ist, einen Streaming-Dienst zu nutzen. Ich muss es erst lernen. Aber vielleicht bin ich auch einfach zu alt und analog geprägt.

Wie sind eure Erfahrungen mit Streaming-Diensten?

2 Comments

  1. Avatar Aktion Morgenluft

    Ich habe eher den Eindruck, dass man bereits seriengesättigt ist. Endloswiederholungen größtenteils gleicher Schemata, nur auf andere Art und Weise erzählt. Dies ist beim Film auch nicht von der Hand zu weisen, aber wenigstens verschwendet man damit nicht die durchschnittlichen 5 Staffeln Lebenszeit. Denn, wenn es tatsächlich um die innewohnende Qualität ginge, warum ist dann binge watching noch nicht beim Film angekommen? Weil ein Film meistens ein befreidigendes Ergebnis hat, während eine Serie den Zuschauer lediglich hinhält., um auf das gleiche Ergebnis zu kommen. Zumindest ist dieser Gesamteindruck bei mir in der letzten Zeit entstanden. Vom Prinzip her folgt es aber deiner Kritik. Die Begrenzung macht es höherwertig.

    19. Februar 2016
  2. Das hat vermutlich auch was mit der Absicht zu tun, mit der Zuschauer eine Serie schauen. Es gibt genug Serien, bei denen der Zuschauer vermutlich gewollt hätte, dass sie für immer laufen. Scrubs zum Beispiel, wenn ich mir die Fans so anschaue. Vielleicht kommen deswegen Serien wie Full House zurück, obwohl die qualitativ niemals an Neues heranreichen werden. Vielleicht befriedigen solche Serien eskapistische Bedürfnisse, und dann ist ein Ende natürlich höchst unbefriedigend.

    Ich kenne das aber auch aus der Literatur. Freunde, die nur noch Reihen lesen und es sehr bedauern, wenn die Geschichte dann wirklich zu Ende ist. Während andere sich über Dürrenmatt freuen, der mit 200 Seiten alles erzählt hatte.

    5. März 2016

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