Erster Eindruck: The Revenant

Aktuelle Kinofilme dramaturgisch zu untersuchen ist schwierig, weil wir sie dafür eigentlich mehrfach sehen müssten. Dafür fehlen die Ressourcen und manchmal die Geduld. Deshalb ein kurzer erster dramaturgischer Eindruck, der weder umfassende Vollständigkeit, noch analytische Detailtiefe verspricht – dafür spontane Ehrlichkeit und die Konzentration aufs Wesentliche. Heute: The Revenant, Buch Mark L. Smith und Alejandro G. Iñárritu.

Der Trapper Hugh Glass wird von einem Bären angegriffen, überlebt schwer verletzt. Seine Kollegen müssen weiterziehen, sind auf der Flucht vor Indianern, und lassen ihn mit seinem indianischen Sohn, einem weiteren Jungen und dem erfahrenen Trapper John Fitzgerald zurück. Die sollen Glass bewachen bis er stirbt. Fitzgerald verliert die Geduld, versucht vergeblich Glass umzubringen, ermordet dann dessen Sohn und überredet den Jungen, Glass zurückzulassen, die Indianer seien nah. Glass versorgt seine Wunden, kriecht durch die Wildnis, treibt durch den Fluss, flieht vor Indianern und Franzosen, überlebt. Erreicht das rettende Fort und macht sich auf die Jagd nach Fitzgerald, stellt ihn und überlässt ihn den Indianern, stirbt.

The Revenant lässt den Zuschauer mit einer Frage zurück, leider mit einer wenig sinnvollen: »Worum ging es hier?« bzw. »Was will er mir damit erzählen?« Das ist Symptom eines dramaturgischen Problems, welches ungewöhnlich schwer zu fassen ist. Die Fallhöhe ist so groß, wie sie nur sein kann: Es geht um Leben und Tod. Die Anstrengung, das Leben zu erhalten: Übermenschlich. Zuschauer und Protagonist haben alle Informationen, die es braucht um die emotionale Bedeutung dessen, was auf dem Spiel steht zu erfassen: Niemand will sterben. Wo ist also das Problem?

Ron nennt es das emotionale Thema. Der Film fängt mit einer verwirrenden Motivation der Hauptfigur an und endet mit der falschen emotionalen Bezugsfigur. Die Motivation: Glass will leben, doch warum? Denn wie schon beschrieben: Nicht sterben zu wollen, diesen Wunsch verstehen wir schon. Anders als zum Beispiel das Verlangen, ein anspruchvolles Theaterstück auf die Bühne zu bringen, ein Ziel, das nicht unbedingt ein jeder teilt. Um es nachvollziehen zu können braucht es mehr Informationen über die Hintergründe, braucht es erst eine Etablierung des entsprechenden Charakters.

Doch Smith und Iñárritu wollen mehr: Glass soll nicht nur überleben wollen; er soll überleben wollen, um Rache zu nehmen. Schaut man sich das Ergebnis an, sind diese beiden Motivationen überraschend verschieden. Und wir Zuschauer haben wenig Grund Glass’ unbezwingbaren Überlebenswillen auf die fremde Rachlust zurückzuführen: Schon den Bärenangriff und die ersten Tage danach überlebt er gegen jede Wahrscheinlichkeit und nur dank seines starken Willen (wie wir annehmen müssen) – noch bevor er auch nur irgend einen Grund zur Rache hat.

So bleibt die Rache als emotionales Thema lange Zeit ein Fremdkörper im Film. Es geht nicht um Rache, Rache ist ein Luxus. Es geht im wahrsten Sinne des Wortes ums nackte Überleben. Und wenn die Rache schließlich zum alles bestimmenden Thema wird, nämlich nachdem Glass das Fort erreicht und sich gut ausgerüstet auf die Jagd nach Fitzgerald macht, da wird das emotionale Thema in eine Zwiespältigkeit, in eine Art kognitive Dissonanz gezwungen, wie sie mir noch nie in einem Film untergekommen ist: Fitzgerald ist plötzlich der, der ums nackte Überleben kämpft.

Glass ist nach allem was er bewältigt hat ein Übermensch, ein von den Toten auferstandener Superheld, und Fitzgerald zu jagen und zu töten scheinbar sein einziges Ziel. Fitzgeralds Chancen, diese Konfrontation zu überleben sind, so sehr der Film versucht das Gegenteil zu behaupten, quasi nicht vorhanden. Plötzlich ist er in Glass’ ursprünglicher Lage: So gut wie tot. Und das emotionale Thema Überleben kann nur einen zur Bezugsperson machen: Den Gejagten, nicht den Jäger. Er hat Angst, er muss Angst haben, doch die Kamera zeigt uns Bäume.

Iñárritu hat schon früher Filme gemacht, mit verwirrenden emotionalen Themen. Es ist lange her, dass ich Babel gesehen habe, doch meine Gedanken damals waren ähnlich: Ein beeidruckender Film, der einen seltsam unberührt lässt und bei dem man sich am Ende fragt: »Worum ging es hier?«

We can cover that by a line of dialogue...

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