Wie Journalisten das Storytelling des Islamischen Staates und der AfD betreiben

Welche Verantwortung haben Journalistinnen und Journalisten? Sind sie verantwortlich für die Wirkungen und Folgen ihrer Nachrichten oder können sie sich auf die Position des neutralen Berichterstatters zurückziehen?

Da es keine objektive Berichterstattung geben kann und sie die Vierte Gewalt neben der Exekutive, Legislative und Judikative sind, haben sie natürlich Verantwortung: Sie sind verantwortlich dafür, dass demokratische Diskurse und politische Willensbildungsprozesse stattfinden und in die Öffentlichkeit getragen werden. Und sie tragen eine Mitverantwortung für die Verteidigung unserer Demokratie und gesellschaftlichen Werte gegen anti-demokratische, autoritäre Kräfte. Diese sind gewissermaßen der natürliche Feind des Journalismus in einer Demokratie. Alleine schon aus purem Eigennutz sollten Journalistinnen und Journalisten deshalb diese Verantwortung tragen. Denn ohne unsere freiheitlichen demokratischen Werte geht es ihnen selbst an den Kragen. Dann sind sie nicht mehr Teil des „Lügenpresse“-Systems, sondern Teil der „Wahrheitspresse“ von AfD und Co. – siehe Russland, Polen, Ungarn, Türkei. Und das kann keine Journalistin und kein Journalist wollen.

JournalistInnen sind verantwortlich für die Folgen und Wirkungen ihres Tuns.

Journalistinnen und Journalisten haben also Verantwortung. Allerdings werden sie dieser Verantwortung nicht immer gerecht. Im Gegenteil: So schüren sie beispielsweise immer wieder unnötig bestimmte Ängste und machen sich damit zu Verbündeten des Storytellings des Islamischen Staats und der AfD (über die wechselseitige Abhängigkeit des Storytelling des IS und der AfD siehe meinen Artikel „Das Storytelling des Islamischen Staates“.)

Das zeigt beispielsweise ein Nachrichtenbeitrag in den Tagesthemen währen der Fußball-Europameisterschaft.

Caren Miosga moderiert folgendermaßen an:

„Ein Meer aus Schwarz gelb rot. Wenn die Belgier noch etwas zusammenhält in diesem vom Terror gezeichneten Land, dann ist es der Fußball. Doch genau diese Begeisterung sollte nun möglicherweise [Hervorhebungen von mir] auch noch zerstört werden. Denn die belgische Polizei hat Terrorverdächtige festgenommen, die einen Anschlag geplant haben sollen, nicht in Frankreich, sondern in Belgien. Die Fans sollte es nach Medienberichten treffen, heute Nachmittag während des Spiels Belgien gegen Irland.“

In dem Bericht von Bettina Scharkus heißt es dann zu Bildern einer gut besuchten Einkaufsstraße und von Fußballfans eines Public Viewings, das von schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten bewacht wird:

„Fußball und Shopping, Lieblingsbeschäftigung vieler Brüsseler an einem Samstagnachmittag. Belgischen Medien berichten, Terroristen hätten es gezielt auf Einkaufscentren und Fanmeilen abgesehen, um Angst und Schrecken während der Europameisterschaft zu verbreiten. Dies bestätigen die Behörden nicht. Vieles ist noch unklar, doch von den zwölf in der Nacht Festgenommenen sitzen jetzt drei in Haft, andere wurden freigelassen, es fehlten offenbar handfeste Beweise. Doch die Bedrohung – so die Regierung – die war unmittelbar.“

Der belgische Premierminister auf einer Pressekonferenz: „Die Sicherheitsdienste sind weiterhin aufgerufen extrem wachsam zu sein. Wir bewerten die Situation jede Stunde neu und wir werden sehr entschieden ankämpfen gegen Extremismus und Terrorismus.“

Kein Wort also über ein mögliches konkretes Attentat.

Zu Archivbilder der Attentäter im Brüsseler Flughafen und von Spezialeinheiten, die mit gezückten Waffen auf das Haus zielen, in dem einer der Attentäter festgenommen wurde, heißt es weiter:

„Selbstmordattentäter hatten vor knapp drei Monaten in Brüssel 32 Menschen in den Tod gerissen. Seitdem gibt es immer wieder Antiterroreinsätze in dem kleinen Land. Von Normalität ist Belgien weit entfernt. Nicht erst seit der Europameisterschaft sind die Sicherheitskräfte in erhöhter Alarmbereitschaft. Die belgische Nationalmannschaft hat gut gespielt und gewonnen. Das ist immerhin eine gute Nachricht für die Brüsseler Bürger heute.“

Ende des Berichts.

Welche Nachricht wird hier vermeldet? Was sind die gesicherten Fakten? Fakt ist, dass es eine Bedrohungssituation gibt. Die ist jedoch Alltag in Brüssel. Fakt ist auch, dass Selbstmordattentäter vor drei Monaten 32 Menschen in Brüssel getötet haben und es immer wieder Antiterroreinsätze gibt. Das liegt jedoch in der Vergangenheit und hat mit dem Ereignis, über das in dieser Nachri
cht berichtet wird, nicht unmittelbar etwas zu tun. Fakt ist außerdem, dass die Polizei zwölf Männer festgenommen und neun davon wieder frei gelassen hat. Der Bericht spricht übrigens von drei Männern in Haft. Die Zahl Neun wird nicht genannt. Sie wäre dem Bedrohungsszenario, das der Bericht erzeugt, zuwider gelaufen. „Drei Männer in Haft“ unterstützt hingegen dieses Szenario besser. Und Fakt ist auch, dass die Behörden keine Gründe für die Verhaftungen nennen.

Das Problem ist, dass Medien sich gegenseitig zitieren.

Die Quelle dieses Berichts sind andere Medienberichte, die genauso wenig Konkretes wissen. Und genau das ist ein Problem: Medien zitieren sich gegenseitig und agieren damit zirkulär. Problematisch wird das, wenn es wie in diesem Fall keinerlei Anhaltspunkte gibt, dass ein Attentat auf eine Einkaufsstraße oder ein Public Viewing tatsächlich kurz bevorstand. Hätte es sie gegeben, hätte der Bericht sie sicher genannt.

Obwohl es keine Anhaltspunkte gibt, erzeugen die Anmoderation und der Bericht das Horrorszenario eines Attentats auf Shoppende und Fußballfans. Warum? Wichtiger als die Frage nach dem Warum sind die Fragen, was der Bericht eigentlich aussagt – was ein Subtext ist – und welche Wirkung er hat.

Sein Subtext ist: „Es kann jederzeit und überall passieren.“ Seine Aussage und damit Wirkung ist: „Habt Angst.“ Damit betreibt er sowohl das Storytelling des Islamischen Staates als auch das der AfD. Denn aus Sicht des themen- und werteorientierten Storytellings sind sein inhaltliches Thema „terroristische Attentate“, sein emotionales Thema „Sicherheit und Unversehrtheit“, seine zentrale Frage „Wie sicher sind wir? Müssen wir Angst haben?“ und seine Aussage „Wir können uns zu keiner Zeit und nirgends sicher sein. Wir müssen also Angst haben.“. Und genau das ist die Basis einer der zentralen Storys des IS. Sein Ziel ist, dass die Menschen in den westlichen Gesellschaften Angst haben und sich deshalb in ihrer Freiheit einschränken, also beispielsweise gut besuchte Einkaufsstraßen, Public Viewings, Weihnachtsmärkte und so weiter meiden.

Was ist der Subtext einer Nachricht?

Um diese Story zu verbreiten und ihre Wirkung zu erzielen, muss der IS noch nicht einmal mehr ein Attentat begehen. Die Medien übernehmen das für ihn, indem sie solche Berichte wie den oben beschriebenen senden. Und das ist unverantwortlich.

Doch damit nicht genug: Mit jeder Story des IS, die die Medien verbreiten, betreiben sie zugleich das Storytelling der AfD. Denn auch der AfD geht es darum, Ängste zu schüren. Ängste vor dem Islam und vor Attentaten, die in seinem Namen begangen werden. Darauf bauen ihre Anti-Islam-Storys auf: „Der Islam ist gewalttätig und will uns vernichten.“ Die Lösungen, die sie für den Konflikt dieser Storys vorschlägt, führen dazu, dass Muslime und Muslimas unter Generalverdacht gestellt und ausgegrenzt werden: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“

Damit betreibt die AfD – und mit ihr die Medien – wiederum das Storytelling des IS und unterstützt ihn bei der Verwirklichung seiner Ziele. Denn der IS will, dass Moslems und Muslimas in den westlichen Gesellschaften ausgegrenzt und diskriminiert werden, um sie auf seine Seite zu ziehen. Das ist eine weitere seiner zentralen Storys im Kampf gegen den Westen: „Seht Ihr, Ihr werdet andauernd ausgegrenzt, diskriminiert und gedemütigt. Damit wird nicht nur eure Ehre, sondern auch der Islam beschmutzt. Wehrt euch endlich. Wenn Ihr zu uns kommt und mit uns gegen eure Unterdrücker kämpft, seid Ihr auf der Seite der Sieger, euer Leben bekommt wieder Sinn, eure Ehre wird wieder hergestellt und Ihr befreit euch.“

Was ist wichtig? Und was wird durch die Berichterstattung erst wichtig gemacht?

Ein grundsätzliches Problem scheint zu sein, dass viele Journalistinnen und Journalisten nicht mehr unterscheiden können zwischen dem, was wichtig ist, dem, was sie für wichtig halten, und dem, was sie durch ihre Berichterstattung erst wichtig machen. Das wurde beispielsweise deutlich in der Beschwerde der ARD und dem ZDF über die von der UEFA „zensierten“ Bilder während der EM. Grund der Beschwerde war, dass die UEFA keine Bilder einer Schlägerei im Stadion zur Verfügung gestellt hat und ein UEFA-Regisseur von den jubelnden Spielern der kroatischen Nationalmannschaft weggeschnitten hat kurz nachdem ein Flitzer zu ihnen gerannt kam.

Jörg Schönenborn – ARD-Teamchef EM 2016 – begründete die Beschwerde folgendermaßen (nachdem der Bericht kurz zuvor Bilder der Schlägerei gezeigt hat): „Wir müssen alles Wichtige berichten, was im Stadion passiert, nicht nur das auf dem Spielfeld. Das ist einfach eine Frage der Glaubwürdigkeit.“ Sind Schlägereien nach einem Fußballspiel wichtig? So wichtig, dass sie live übertragen werden müssen? Ist es unglaubwürdig, über sie zu berichten, ohne Bilder von ihnen zu zeigen? Wenn live oder später mit einer Aufzeichnung über sie berichtet wird, werden sie dann in ihrer Wichtigkeit nicht auf eine Stufe mit dem Fußballspiel gestellt? Was ist wichtig? Was ist wichtiger? Und was ist unwichtig? Ist ein Flitzer wichtig? Oder wird er erst dadurch wichtig, dass über ihn berichtet wird?

Was ist wichtig? Was ist wichtiger? Und was ist unwichtig?

Warum rennt ein Zuschauer während eines Fußballspiels über das Spielfeld? Weil er ins Fernsehen will. Weil er gesehen werden will. Tut das Fernsehen ihm diesen Gefallen, motiviert es andere, die auch das Bedürfnis haben, gesehen zu werden. Durch ihre „Zensur“ will die UEFA Nachahmer verhindern. Dazu hat sie das Recht. Und handelt verantwortlich.

Ein Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Kellermann,
    ich habe Interesse an Ihren Themen in Richtung Drehbuchentwicklung.
    Mit besten Grüßen
    Dr.Christian Riml

    15. Juli 2016

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