Weltverstehen und Radikalisierung: das Storytelling des Islamischen Staates

Warum sind extremistische religiöse Kräfte wie der Islamische Staat und nationalistische anti-demokratische Kräfte wie die AfD so erfolgreich? Warum finden sie Zustimmung und Anhänger? Weil sie ein erfolgreiches Storytelling betreiben.

In diesem Artikel betrachte ich das Storytelling des Islamischen Staates und mache eine Storytelling-Analyse des Phänomens IS: Was ist seine Core Story, sein Gründungsmythos? Welche Werte und Botschaften vermittelt er? Warum verfangen diese Botschaften bei Menschen in den westlichen Gesellschaften? Was ist ihre Motivation, sich ihm anzuschließen? Wie sieht der zentrale Konflikt zwischen „dem Westen“ und dem IS auf der strukturellen Ebene aus? Wie ist er entstanden, wie wird er ausgetragen und wie könnten die Storys eines möglichen militärischen Sieges des Westens, eines Sieges des IS und eines zivilen Sieges über den IS aussehen? Welche Rolle spielt die deutsche TV-Berichterstattung als Verbündete des IS-Storytelling? Im nächsten Artikel beleuchte ich das Storytelling der AfD. Wie sich zeigen wird, sind die Storys, die beide Gruppierungen erzählen, und ihre „Zielgruppen“, an die sie sich richten, gar nicht so unterschiedlich.

Geschichten haben die Kraft, Gemeinschaften zu bilden und damit Identität zu stiften: Wer bin ich? Zu wem gehöre ich? Und wer gehört nicht zu mir? Identifizierung und Abgrenzung. Freund und Feind. Das Eigene und das Andere. Das Vertraute und das Fremde. Insbesondere das politische und das religiöse Storytelling sind wesentlich für die Konstitution von Gemeinschaften und die Konstruktion von Identität. Denn politische und religiöse Ideengebäude und Wertesysteme sowie die Begründungen ihres Daseinszwecks werden entwickelt, um Antworten auf die existenziellen Fragen „Wie soll ich leben?“ und „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ zu geben. Ihr Identifikationspotenzial schöpfen sie dadurch, dass ihre Antworten Hoffnung auf ein besseres Leben versprechen, auf Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Sicherheit, Anerkennung, Respekt, Loyalität. Je glaubwürdiger diese Versprechen, desto größer das Identifikationspotenzial der Storys. Je größer das Identifikationspotenzial, umso stärker ihre Anziehungskraft. Je stärker ihre Anziehungskraft, umso mehr Zustimmung und Anhänger finden sie.

Geschichten haben die Kraft, Gemeinschaften zu bilden und damit Identität zu stiften.

Die Schwäche der einen Story ist die Stärke einer anderen

Verliert eine Story jedoch ihre Glaubwürdigkeit, so verliert sie auch ihr Identifikationspotenzial und damit ihre Anziehungskraft. So ergeht es derzeit beziehungsweise ist es bereits den großen Storys ergangen, die bislang den Lauf (nicht nur) der westlichen Welt bestimmt haben: das Christentum, die Demokratie, der Kapitalismus, die Globalisierung, die Europäische Union. Sie alle versprechen ein besseres Leben und lange Zeit haben die Menschen ihnen geglaubt. Die gegenwärtige Krise der westlichen Welt ist darauf zurückzuführen, dass ihre Storys – ihre „Narrative“, wie es auch oft heißt – mit den Botschaften von Gleichheit und Gerechtigkeit, Wachstum und Wohlstand für alle, Sicherheit und Frieden ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Es ist ihnen nicht gelungen, diese Werte einzulösen. Stattdessen machen die Menschen Erfahrungen, die diesen Versprechen zuwiderlaufen. Als Folge davon identifizieren sie sich nicht mehr mit ihnen, sondern wenden sich anderen Storys zu, die ihnen ein glaubwürdigeres Versprechen auf ein besseres Leben geben, beispielsweise den Storys des IS und den Storys der AfD.

Die gegenwärtige Krise der westlichen Welt ist darauf zurückzuführen, dass ihre Storys an Glaubwürdigkeit verloren haben.

Das Ziel westlicher Politik, den Machtzuwachs diese Storys einzudämmen, wird deshalb nicht funktionieren, solange sie die Geschichtenerzähler lediglich mit Gewalt oder Argumenten bekämpft. Aus der Perspektive des Modells der vier Funktionen des Menschen, das Joachim Hammann in seinem Buch „Die Heldenreise im Film“ beschreibt, agiert die Politik damit nämlich nur auf der Ebene des Körpers und auf der Ebene des Geistes. Gewalt schweißt die Anhänger jedoch noch stärker zusammen, für rationale Argumente sind sie nicht empfänglich. Denn die Anziehungskraft der IS- und AfD-Storys wirkt auf der Ebene des Herzens und auf der Ebene der Seele, in den Begrifflichkeiten des Story Molecules ausgedrückt in der emotionalen Welt der Beziehungen und der inneren Welt der Identität. Diese beiden Welten nicht ausreichend zu adressieren, ist eine der Schwächen der westlichen Politik und ihres Storytellings.

Für die westliche Politik gibt es also zwei Lösungsmöglichkeiten: Sie erzählt neue Storys, die das Herz und die Seele der Menschen erreichen und glaubwürdiger sind als die des IS und der AfD. Oder sie verändert ihr Handeln und damit die Erfahrungen der Menschen so, dass die Versprechungen ihrer alten Storys eingelöst werden – dass alle Menschen ein besseres Leben haben und nicht nur ein paar wenige ein immer besseres. Neue Storys fallen ihr offensichtlich nicht ein, und ihr Handeln so zu verändern, dass die alten Versprechen eingelöst werden, würde grundlegende systemische Veränderungen notwendig machen, wofür ihr die Vision und die Kraft zu fehlen scheinen. Also wird sie wohl leider weiter mit Gewalt und Argumenten kämpfen und damit nichts erreichen außer den IS und die AfD stärker zu machen.

Die Storys des IS und der AfD wirken auf der Ebene des Herzens und der Ebene der Seele.

Das Storytelling des IS

Das Erstarken radikaler und extremistischer Storys ist also zum Teil einem Glaubwürdigkeitsverlust der bislang dominanten Storys geschuldet. Aber selbst wenn die demokratischen, kapitalistischen, europäischen Storys ihre Versprechen nicht halten können und die Menschen für andere Storys empfänglich sind – wie kann es sein, dass die Storys einer derartig brutalen und menschenverachtenden Ideologie wie die des Islamischen Staates ein so großes Identifikationspotenzial haben, dass sogar Menschen aus den westlichen Gesellschaften für sie in den Krieg ziehen und bereit sind, ihr Leben zu opfern?

Aus der Perspektive des Storytelling lässt sich das komplexe Phänomen „Islamischer Staat“ in vielfältiger Hinsicht betrachten: seine Geschichte, seine Entstehung, sein Aufstieg und sein Fall oder sein Sieg, das Sykes-Picot-Abkommen 1916 und die Geiselnahme von Mekka 1979 und als Folge davon die Hinwendung des Königshauses Al-Saud zum Wahhabismus als Backstory, die Storys einzelner Akteure wie Abu Musab al-Zarqawi, Abu Bakr al-Baghdadi, Denis Cuspert etc., die Storys von IS-Rückkehrern und so weiter.

In diesem Text will ich zum einen das Storytelling des IS und zum anderen das Phänomen IS aus der Perspektive des Storytelling – also mit den Werkzeugen der fiktionalen Dramaturgie – betrachten. Die fiktionale Dramaturgie ist mehr als lediglich eine große Werkzeugkiste, aus der sich fiktional arbeitende Autorinnen und Autoren bedienen können, um ihre Drehbücher, Romane, Theaterstücke und Hörspiele zu entwickeln. Sie ist eine Methode, mit der man die Realität wahrnehmen, analysieren, erkennen, verstehen, darstellen und gestalten kann. Als solche nenne ich sie Storytelling – die Anwendung der Werkzeuge der fiktionalen Dramaturgie in non-fiktionalen Kontexten.

Ausgangspunkt für die Analyse des Storytellings des IS ist die thema- und werteorientierte Dimension einer Story mit ihren Werkzeugen zentrale Frage, inhaltliches Thema, emotionales Thema, Aussage / Bedeutung. Eine interessante zentrale Frage ist die eben schon genannte: Warum hat der Islamische Staat eine so große Anziehungskraft auf bestimmte Menschen in westlichen Demokratien? Das inhaltliche Thema, dem diese zentrale Frage zugrunde liegt, ist Radikalisierung, denn genau dieser Prozess geschieht mit diesen Menschen. Wie sich zeigen wird, sind die emotionalen Themen, auf die das Storytelling des IS abzielt, Gemeinschaft, Identität, Zugehörigkeit, Sicherheit, Anerkennung, Respekt, (Lebens)Orientierung, Sinn – also genau jene zentralen Werte, die alle religiösen und politischen Storys versprechen und die die westlichen liberalen Demokratien, die Europäische Union und der Kapitalismus nicht einlösen. Der IS mag also zwar mit terroristischen Mitteln kämpfen, ist im Grunde jedoch ein gesellschaftliches Angebot, in dem Religion die beherrschende Rolle spielt.

Die Storytellinganalyse des Phänomens Islamischer Staat blickt aus der Perspektive des handlungs- und konfliktbasierten Storytellings auf die strukturelle Ebene und hier auf die Entstehung, die Austragung und auf mögliche Auflösungen des zentralen Konflikts zwischen den freiheitlichen Demokratien und dem antiliberalen Islamischen Staat: Wie könnte der Konflikt aufgelöst werden? Ein friedliches Neben- oder gar Miteinander scheint ausgeschlossen. Also bleibt: der Westen siegt über den IS oder der IS siegt über den Westen. Wie könnte der weitere Verlauf einer Story aussehen, in deren Höhepunkt der Konflikt zugunsten des Westens entschieden wird? Und wie der, der im Höhepunkt den IS als Sieger ausweist?

Da sich eine Story und ihr Weltbild nur dann verbreiten kann, wenn sie erzählt wird, untersuche ich zum Schluss noch die Rolle der TV-Nachrichtenberichterstattung über den IS.

Die Core Story des IS

Welche Storys erzählt der Islamische Staat? Was ist seine Core Story? Core Story ist ein Begriff aus dem Storytelling im Content Marketing. Eine Core Story gibt nicht die Antwort auf die Fragen nach dem Was und dem Wie – was macht der IS und wie macht er es? – , sondern eine Antwort auf die Frage nach dem Warum, nach dem Daseinszweck und der Existenzberechtigung.

Der Sieg Mohammeds in der Schlacht bei Badr ist die Core Story des IS.

Für das Storytelling des IS sind die Kriege des Propheten Mohammed von zentraler Bedeutung, insbesondere die Schlacht bei Badr im Jahr 624 (siehe hierzu auch das lesenswerte Buch „Die unbekannte Mitte der Welt – Globalgeschichte aus islamischer Sicht“ von Tamim Ansary). In dieser Schlacht waren Mohammed und seine Gefolgsleute deutlich in der Unterzahl und zudem schlechter bewaffnet als ihre Gegner. Trotzdem brachten die 300 Muslime den 1000 Gegnern eine schmerzhafte Niederlage bei. Denn sie hatten „als Anführer den einzigen Menschen auf Erden, der direkt von Gott angeleitet wurde. Unter seiner Führung setzte sich die kleine Gemeinde erfolgreich zur Wehr und trug den Kampf in das gegnerische Lager. Sie errang Sieg um Sieg, bis sie die Welt beherrschte (zumindest den wichtigen Teil).“ (Tamim Ansary: „Wem gehört Mohammed?“, DIE ZEIT, 50/2015).

Die Schlacht bei Badr ist eine der wenigen, die im Koran erwähnt werden. In Sure 3:123-125 heißt es: „Gott hat euch bereits bei Badr zum Sieg verholfen, als ihr unterlegen und verachtet wart. Fürchtet Gott und seid dankbar Gott gegenüber! Den Gläubigen sagtest du damals: „Genügt es euch nicht, dass euch euer Herr mit dreitausend herabgesandten Engeln unterstützt?“ Fürwahr, wenn ihr Geduld übt und gottesfürchtig seid und der Feind euch plötzlich angreift, wird euer Herr euch mit fünftausend heranstürmenden Engeln unterstützen.“ In Sure 8:17 heißt es: „Nicht ihr habt sie erschlagen, sondern Allāh erschlug sie. Und nicht du hast geschossen, sondern Allāh gab den Schuss ab; und prüfen wollte Er die Gläubigen mit einer schönen Prüfung von Ihm. Wahrlich, Allāh ist Allhörend, Allwissend.“

Die Schlacht bei Badr wird als Beweis für die Wahrheit des Islam gewertet.

Mohammeds Sieg bei Badr wird im Koran also durch den Eingriff Allahs begründet. Damit war das Prinzip des Heiligen Krieges geboren: Allah selbst kämpft durch die Hand seiner Moslems. Die Schlacht bei Badr wird als Beweis für die Wahrheit des Islam und die Gegenwart Allahs gewertet.

Das ist der Mythos, auf den sich der IS beruft und aus dem er das Gebot ableitet, so gottgefällig zu leben wie Mohammed im 7. Jahrhundert und sich genauso exakt an die Vorgaben zu halten, die Gott ihm auferlegt hatte. Denn nur dann ist dem Islam in der großen apokalyptischen Auseinandersetzung der Gegenwart – dem Krieg zwischen dem Islam und dem Westen – der Sieg gewiss. Dieser Krieg ist der „Anfang vom Ende, denn bald wird Gott wieder Geschichte schreiben, und seine Lieblinge sind als Sieger vorherbestimmt. Sie werden die satanischen anderen auslöschen und die Erde unter dem Dach des Islams vereinen. Wer sich jetzt anschließt, wird zu den Gesegneten gehören. Wer im Kampf umkommt, gelangt direkt ins Paradies, wer überlebt, wird geehrtes Mitglied einer Gesellschaf, die exakt nach den Regeln lebt, die Gott der Menschheit durch seinen Boten Mohammed übermittelt hat“ (Tamim Ansary: Wem gehört Mohammed?).

Die Schlacht von Badr ist eine David-gegen-Goliath-Story und in genau einer solchen wähnt sich der IS auch heute. Ihr Identifikationspotenzial bezieht sie aus dem Versprechen, einer von Gott gewollten Gemeinschaft anzugehören und ein sinnvolles Leben zu führen, dem eigenen Leben Bedeutung zu geben.

Die Anziehungskraft der Core Story auf junge Menschen in westlichen Gesellschaften

Auf wen übt diese Story ihre Anziehungskraft aus? Auf jene meist jungen, meist muslimischen Menschen, die in den westlichen Gesellschaften ausgegrenzt, diskriminiert und marginalisiert werden, die chancenlos sind, gedemütigt werden und permanente Opfererfahrungen machen. Die Folge von Demütigung ist Frust, Frust führt zu Wut, Wut verwandelt sich in Hass, wenn die Demütigung fortgesetzt wird. Das ist die Spirale der Radikalisierung. „Kommt zu uns und ihr werdet von eurem Schicksal erlöst“, ruft der IS ihnen zu, „wenn ihr mit uns kämpft, bekommt euer Leben Bedeutung, werdet ihr respektiert und anerkannt, werdet ihr es euren Unterdrückern heimzahlen und zu unsterblichen Helden, denn der Sieg ist uns gewiss, weil wir die Wahrheit des Islam und Allah auf unserer Seite haben.“

Nicht nur, aber in erster Linie spricht diese Story Muslime an, deren Leben keinen Sinn mehr ergibt, deren Identität als Kinder von ausgewanderten Muslimen seit ihrer Geburt in einer Krise steckt. Sie finden sich zwischen zwei Weltbildern wieder. Das eine lässt sie die Erfahrung machen, nicht dazuzugehören, nicht würdig und nicht gewollt zu sein. Es vermittelt ihnen, dass sie „nichts als verabscheuungswürdiges Geschmeiß sind, das zwar leben, es aber nicht zu etwas bringen darf“ (Ansary). Das andere heißt sie Willkommen in der Gemeinschaft der Aufrechten, sagt ihnen, dass sie wichtig sind, und vermittelt ihnen, dass ein Kampf epischen Ausmaßes begonnen hat, auf dessen einer Seite jenes Weltbild steht, das sie demütigt, auf der anderen Seite ein Weltbild, das vom Schicksal als Sieger vorherbestimmt ist. Für welches Weltbild sie sich entscheiden, dürfte offensichtlich sein. Lieber im Krieg sterben.

Der zentrale Konflikt zwischen dem Westen und dem Islamischen Staat

Die syrische Journalistin, Autorin und Frauenrechtlerin Rosa Yassin Hassan nennt vier Konflikte, in denen sich der Islamische Staat befindet. Er führt Krieg gegen das „weiße Zentrum“ verstanden als (Klassen-)Kampf der Marginalisierten, einen sozialethischen Kampf gegen die „Unmoralischen“, einen Religionskrieg gegen die „Ungläubigen“ und einen religiös-historischen Krieg gegen die „Kreuzfahrer“. Zusammen genommen machen sie den zentralen Konflikt zwischen den westlichen Demokratien und dem islamistischen Terrorismus des IS aus. Wie ist dieser Konflikt entstanden, wie hat er sich entwickelt und wie kann er gelöst werden?

Um die drei Phasen eines jeden Konfliktes – Entstehung, Austragung und Auflösung – abzubilden, verwendet die fiktionale Dramaturgie das Drei-Akt-Modell mit den obligatorischen Ereignissen „auslösendes Ereignis“, „1. Wendepunkt“, „zentraler Punkt“, „2. Wendepunkt“ und „Höhepunkt“:

Das auslösende Ereignis dieses zentralen Konfliktes ist der zweite Irak-Krieg 2003: Die USA und ihre Verbündeten stürzten Saddam Hussein und lösten die irakische Armee und die Baathpartei auf. Hunderttausende Iraker – Soldaten, ehemalige Führungskader und Beamte – standen plötzlich vor dem Nichts. Als einziges neues Betätigungsfeld blieb ihnen der Widerstand gegen die Besatzer.

Islamistische Terrorgruppen haben sich zwar bereits während des ersten Irak-Kriegs gebildet, so auch die Gruppierung, aus der später der Islamische Staat hervorgeht. Sie war aber zunächst nicht eigenständig, sondern Teil von Al-Kaida (die bereits in den 1980iger Jahren vom US-amerikanischen und saudischen Geheimdienst aufgebaut wurde, um gegen die Rote Armee in Afghanistan zu kämpfen). Für den aktuellen Konflikt zwischen dem Westen und dem IS ist jedoch der zweite Irak-Krieg das wichtigere Ereignis. Auch und insbesondere weil er auf Lügen beruht und völkerrechtswidrig war und dadurch das Hasspotenzial unter den Besetzten potenziert hat.

Diese Lügen und die neuen Methoden der Terrorismusbekämpfung – Geheimgefängnisse, „erweiterte Verhörmethoden“ wie Waterboarding – haben übrigens der Glaubwürdigkeit des Storytellings des Westens, das zentral auf den emotionalen Themen Gerechtigkeit, Gleichheit, Rechtstaatlichkeit etc. aufbaut, nicht nur in der islamischen Welt, sondern weltweit schweren Schaden zugefügt. Jegliche Möglichkeit einer Werteargumentation wurde dadurch zunichte gemacht. „Warum soll ich mich an bestimmte vom Westen postulierte Werte halten, wenn der Westen sich selbst nicht daran hält“, ist ein plausibles Argumentationsmuster von Diktatoren und Autokraten geworden. Um die Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, müssten wohl Bush, Rumsfeld, Rice, Cheney, Powell, Blair und andere Verantwortliche des zweiten Irak-Kriegs und der erweiterten Verhörmethoden als Kriegsverbrecher angeklagt und verurteilt werden. Erst dann kann der Westen die diskreditierten Werte international wieder glaubhaft vertreten.

Bislang wurde in dem Zusammenhang mit den Foltermethoden allerdings erst eine Person verurteilt und zwar der Ex-CIA-Agent und Whistleblower John Kiriakou, der die Foltermethoden öffentlich machte (siehe hierzu auch Kerstin Kohlenbergs ZEIT-Artikel „Was darf man beim Verhörmit einem Terroristen tun?“). Nach seiner Verhaftung wurde auch seine Frau, ebenfalls CIA-Mitarbeiterin, entlassen. Job weg, Geld weg, Haus weg, Auto weg, Pensionsansprüche weg, Wahlrecht weg, stattdessen staatliche Hilfe und Essensmarken. Kiriakou wurde nach dem Espionage Act von 1917 verurteilt, ein Gesetz, das während des Ersten Weltkriegs erlassen wurde, um Saboteure zu bestrafen, aber auch um Kritiker und Kriegsgegner zu verfolgen. Seit 1945 wurden elf Amerikaner unter diesem Spionagegesetz angeklagt – acht davon während der Obama-Präsidentschaft, neben John Kiriakou beispielsweise auch Edward Snowden und Chelsea Manning. Soviel zu Obamas wichtigstem Vorhaben, durch Offenheit und Transparenz den moralischen Schaden zu beheben, den das amerikanische Vorgehen im Kampf gegen den Terror angerichtet hat.

Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 ist ebenfalls ein wichtiges Ereignis für das Verständnis von islamistischem Terrorismus. Es ist jedoch umfassender und eher als das auslösende Ereignis des gesamten Dauerkonflikts im Nahen Osten zu betrachten bzw. als Backstory Wound des Nahen Ostens zu werten. Und solange diese Verletzung nicht geheilt ist, wird es zu keiner friedlichen Lösung dieses Konflikts kommen können. Dennoch ist das spezifische Ereignis, das diesen spezifischen Konflikt zwischen dem Westen und dem Islamischen Staat ausgelöst hat, der zweite Irakkrieg.

Nach Ansicht von Matthew Olsen, Direktor der US-Anti-Terror-Zentrale (NCTC), fand die Gründung des Islamischen Staates – der sich damals noch ISIS nannte – im Jahr 2004 statt als der sunnitische Terrorist Abu Musab al-Zarqawi die Organisation „Al-Qaida im Irak“ gründete und Osama Bin Laden seine Gefolgschaft gelobte. Al-Zarqawis Ziel war, die amerikanischen Besatzungstruppen und deren Verbündete aus dem Irak herauszudrängen. Auf der strukturellen Ebene stellt die Gründung den ersten Wendepunkt dar. Denn ab jetzt überzog al-Zarqawi den Irak mit Selbstmordattentaten und Autobomben, die sich gegen die Besatzer, aber auch gegen Zivilisten richteten.

Durch gezielte Militärschläge der Amerikaner wurde al-Zarqawi 2006 getötet und der „Islamische Staat im Irak“, wie die Organisation sich jetzt nannte, nahezu ausgerottet. Aus der Perspektive der emotionalen Reise der Hauptfigur betrachtet, befindet sich der IS in der ersten Hälfte des zweiten Aktes demnach in der Katastrophe: Es läuft schlecht für die Hauptfigur, sie entfernt sich von ihrem Ziel.

Der zentrale Punkt auf der strukturellen Konfliktebene ist der Abzug der US-Truppen aus dem Irak unter Obama im Jahr 2011. Dadurch erlebte die mittlerweile von Abu Bakr al-Baghdadi angeführte Terrortruppe ihre „symbolische Wiedergeburt“ im Tiefpunkt und kommt auf ihrer emotionalen Reise in die Phase der Hoffnung: Es läuft gut für die Hauptfigur, sie nähert sich ihrem Ziel an. Nach dem Abzug der der Amerikaner bringt der IS immer mehr Gebiete unter seine Herrschaft, erobert in der ersten Jahreshälfte 2014 beispielsweise Falludscha, Mossul und Rutba und dehnt sich nach Syrien aus.

Am 29. Juni 2014 änderte ISIS seinen Namen zu Islamischer Staat. Abu Bakr al-Baghdadi ruft ein Kalifat im Irak und in Syrien aus und ernennt sich selbst zum Kalifen. Jetzt hat der IS einen eigenen Staat, zumindest ein staatsähnliches Gebilde. Als politische Begründung wurde angeführt, dass die Sunniten noch immer über kein eigenes Staatswesen verfügen. Die wichtigsten politischen Ziele sind die Vertreibung aller Invasoren und Aggressoren aus dem Irak, die Schaffung von Frieden und Sicherheit und die gerechte Verteilung der Ressourcen des Landes an alle Gläubigen. Der IS stellt Regionalregierungen mit Bürgermeistern und Gouverneuren, er bezahlt Gehälter, liefert Strom, Wasser und Gas, regelt den Verkehr, unterhält Schulen, Universitäten, Moschen, Banken und Bäckereien. Diese Strukturen unterscheiden den IS von anderen terroristischen Gruppierungen und erhöhen die Anziehungskraft auf Dschihadisten aus aller Welt.

Die Reaktion der Amerikaner auf die Gründung des Kalifats waren erste Luftangriffe gegen den IS mit der Begründung, einen Völkermord an Christen und Jesiden zu verhindern. Die Antworten des IS sind die im August und Anfang September 2014 veröffentlichten Enthauptungsvideos der us-amerikanischen Journalisten James Foley und Steven Sotloff.

Diese Enthauptungen waren möglicherweise nicht nur eine Reaktion des IS auf die Luftangriffe der USA, sondern wie Jürgen Todenhöfer in mehreren Interviews behauptet auch eine gezielte Provokation, um die USA wieder in den Krieg zu ziehen. IS-Kämpfer haben ihm während seiner zehn Tage, die er beim IS verbracht hat, angeblich gesagt, dass es für sie ein Traum wäre, gegen Amerikaner, Franzosen und Engländer zu kämpfen.

Falls es sich tatsächlich um eine Provokation handelt, dann ist sie jedenfalls gelungen:

Am 5. September 2014 riefen die USA eine internationale Allianz gegen den IS ins Leben. Zu den Gründungsmitgliedern zählen neben den USA Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Polen, Dänemark, Australien, Kanada und die Türkei.

Auf der strukturellen Konfliktebene könnte man die Gründung der Allianz als zweiten Wendepunkt werten, denn der IS wird daraufhin geografisch immer weiter aus von ihm besetzten Gebieten zurück gedrängt, die Phase der Hoffnung scheint also vorbei zu sein, die Auflösung des Konfliktes sich anzubahnen. Ein zweiter Wendpunkt wäre es, wenn der IS durch den militärischen Einsatz im Höhepunkt des dritten Aktes tatsächlich besiegt werden würde. Das ist die Perspektive der Befürworter eines Militäreinsatzes, die jedoch etwas zu naiv gedacht scheint (dazu gleich noch mehr). Denn der IS mag zwar aus einigen seiner besetzten Gebiete vertrieben werden, zugleich hat das militärische Eingreifen aber die Rotation der Gewaltspirale, die mit dem Wiedererstarken des IS in Gang gesetzt wurde, beschleunigt und dazu geführt, dass der IS seine Anschlagsziele nach Europa ausweitet. Die Gründung der Allianz ist also nicht der zweite Wendepunkt, der die Auflösung des Konfliktes einleitet, sondern ein Element der Konfliktsteigerung im zweiten Akt.

In einer Audiobotschaft im September 2014 rief der IS seine Anhänger zu Angriffen gegen westliche Ziele auf: „[…] wählt einen ungläubigen Amerikaner, Franzosen oder irgendeinen ihrer Verbündeten aus. Zertrümmert seinen Schädel mit einem Stein oder schlachtet ihn mit einem Messer, werft ihn hinunter von einer hohen Stelle, erdrosselt oder vergiftet ihn.“ In einem Video aus dem November 2014 forderten französischsprachige Dschihadisten: „Operiert in Frankreich. Terrorisiert sie, lasst sie vor Angst und Schrecken nicht schlafen.“ Die Aufforderungen fanden Gehör:

Zuerst trafen es im Januar 2015 einen jüdischen Supermarkt in Paris. Der Attentäter bekannte sich zum Islamischen Staat (dieses Attentat hängt zwar mit dem Attentat auf Charlie Hebdo zusammen, die Charlie-Hebdo-Attentäter bekannten sich später allerdings zu Al-Kaida im Jemen).

Dann folgte im November 2015 ein erneutes Attentat in Paris. In einer im Internet veröffentlichten Botschaft im Namen des IS heißt es: „Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung. Frankreich und jene, die seinem Pfad folgen, wissen, dass sie ganz oben auf der Liste der Ziele des Islamischen Staates stehen und dass der Geruch des Todes ihre Nasen nicht verlassen wird, solange sie ihren Kreuzzug fortführen, es wagen, unseren Propheten zu beleidigen (…), stolz darauf sind, gegen den Islam Krieg zu führen und die Muslime im Land des Kalifats mit ihren Flugzeugen anzugreifen.“ Ob das Bekennerschreiben echt ist, konnte zwar nicht unabhängig geprüft werden. Die Wortwahl gleicht jedoch der von früheren Bekennerschreiben des IS.

Im März 2016 erfolgte ein Attentat in Brüssel und es steht zu befürchten, dass weitere Attentate in Europa folgen werden, solange der Westen seine Strategie und Vorgehensweise in der Bekämpfung des IS nicht ändert.

Der zentrale Konflikt zwischen dem Westen und dem Islamischen Staat befindet sich also noch im zweiten Akt, in der Phase der Konfliktaustragung und –steigerung. Wie könnte er aufgelöst werden? Was könnte ein zweiter Wendepunkt sein, der die Konfliktauflösung einleitet, und wie könnte der Höhepunkt aussehen, also die endgültige Auflösung des Konfliktes im dritten Akt? Eine gemeinschaftliche, friedliche Lösung scheint es nicht zu geben. Die eine Seite wird gewinnen, die andere verlieren.

Die Geschichtenerzähler zu ermorden, tötet die Geschichte nicht.

Wie kann der Westen den Sieg erringen? Die aktuelle Antwort der westlichen Politik: indem der IS mit Waffengewalt vernichtet, aus den von ihm beherrschten Gebieten vertrieben und seine Führung ausgeschaltet wird. Denn wenn es ihn nicht mehr gibt, kann auch niemand mehr für ihn kämpfen, dann haben die jungen Menschen im Westen quasi keine Anlaufstelle mehr. Was dabei nicht bedacht wird: Ihre Demütigungserfahrungen und ihre daraus entstehende Sehnsucht nach Gemeinschaft, Anerkennung, Orientierung, Sicherheit und Lebenssinn bleibt bestehen. Und wenn nicht der IS sie in dieser Sehnsucht abholt, dann eben eine andere extremistische Kraft, die ihnen Storys erzählt, die Hoffnung auf Befriedigung dieser Sehnsucht versprechen. Ein militärischer Sieg zerstört lediglich den Körper, nicht aber den Geist, das Herz und die Seele einer Ideologie. Die Geschichtenerzähler zu ermorden, tötet die Story nicht.

Die Story des militärischen Siegs des Westens

Dennoch lohnt sich ein Blick auf die Frage, wie die Geschichte eines militärischen Sieges aussehen könnte, um sich klar zu machen, dass eine militärische Intervention den Konflikt nicht zugunsten des Westens lösen wird. In der naiven Logik der Militaristen wird der IS so lange aus der Luft bombardiert und zurückgedrängt und seine Führung durch Drohnenangriffe getötet, bis es den IS nicht mehr gibt. Dass das nicht gelingen wird, dürften mittlerweile auch die Naivsten unter ihnen eingesehen haben. Also werden über kurz oder lang Bodentruppen eingesetzt werden müssen (was mit kleinen us-amerikanischen Spezialeinheiten in Syrien bereits geschieht). Was die Militaristen dabei falsch einschätzen, ist, dass der IS genau das will, dass das eines seiner Ziele ist. Deshalb hat er die Enthauptungen der amerikanischen und britischen Bürger so groß inszeniert, um Amerika und Großbritannien zu provozieren. Denn gegen seine erfahrenen Guerilla-Kämpfer haben die für konventionellen Krieg ausgebildeten Truppen im Häuserkampf um Rakka und andere wichtige IS-Städte keine Chance.

Der militärische Einsatz des Westens ist keine antagonistische Kraft des IS, sondern dessen Verbündeter.

Das Entsenden von Bodentruppen könnte auf der strukturellen Ebene der zweite Wendepunkt der Story des militärischen Sieges über den IS sein, wenn dadurch der Konflikt seiner endgütigen Auflösung entgegen getrieben würde. Im Höhepunkt wären alle vom IS beherrschten Gebiete befreit, seine Führung wäre ausgeschaltet, alle Kämpfer würden die Waffen niederlegen und sich ergeben. Wie absurd, das zu glauben. Vermutlich wäre sogar das schwarz-weißeste Hollywood-Helden-Epos mit einem solchen Ende total unglaubwürdig.

Viel wahrscheinlicher ist ein anderer Verlauf dieser Story, ein Verlauf, der sogar dem gegenteiligen Ende zustrebt: Der militärische Einsatz des Westens macht den IS stärker. Denn die Luftangriffe töten in erster Linie Zivilisten und treiben deren Angehörige in die offenen Arme des IS. Bodentruppen würden diesen Effekt noch verstärken. Und auch die „anfälligen“ jungen Menschen der westlichen Gesellschaften dürften sie nicht zu der plötzlich über sie hereinbrechenden Erkenntnis führen, dass ihr marginalisiertes Leben eigentlich doch ziemlich geil ist. Um es sinngemäß mit Jürgen Todenhöfer zu sagen: Den IS militärisch zu bekämpfen ist so, als wenn man von einer Wespe gestochen wird und danach mit einem Knüppel auf das Wespennest einschlägt.

Dramaturgisch gesehen ist der militärische Einsatz des Westens also kein Hindernis, das die antagonistische Kraft dem Protagonisten IS in den Weg wirft, um ihn am Erreichen seines Ziels zu hindern. Vielmehr wird er zum Verbündeten des Protagonisten, der ihn dabei unterstützt, sein Ziel zu erreichen. Das Problem der Militaristen ist, dass sie ausschließlich auf der Handlungsebende denken und die Beziehungsebene vollkommen außer Acht lassen. Aber weder die Realität noch eine Story bestehen lediglich aus einer Handlungsebene. Deshalb planen die Militaristen und wundern sich dann, dass die Menschen sie nicht fähnchenschwingend, sondern bombenlegend empfangen.

Die Story des Siegs des IS

Wie könnte die Story verlaufen, in deren Auflösung im Höhepunkt der IS erfolgreich ist? Das heißt: die Weltherrschaft errungen hat. Denn das ist sein übergeordnetes Ziel: Die Welt unter dem Dach des Islam und nach dem Recht der Scharia zu vereinen. Aus seiner Sicht kann die Scharia sich nicht an die Zeiten anpassen, die Zeiten müssen sich der Scharia anpassen. Und wer sich nicht freiwillig unter dieses Dach begibt, wird getötet.

Die AfD braucht den IS für ihr Storytelling genauso wie der IS sie für seins braucht.

Ich muss zugeben, dass mir die Fantasie fehlt, um diese Story plausibel zu Ende zu entwickeln. Vermutlich würde es dem IS zunächst gelingen, Libyen unter seine Kontrolle zu bringen, und damit Europa ein großes Stück näher zu rücken. In Europa dürften Attentate an der Tagesordnung sein, so wie jetzt im Irak. Das wäre eine Konfliktsteigerung auf der Handlungsebene der Story.

Auf der Beziehungsebene dürfte die Reaktion in eine immer größere Spaltung der Gesellschaft münden. Hier kommen die AfD und die anderen nationalistischen Kräfte Europas ins Spiel. Sie brauchen den IS für ihr Storytelling genauso wie der IS sie für seins braucht. Die Brutalität und die Attentate des IS sowie die Nachrichtenberichterstattung darüber (dazu weiter unten mehr) schüren Angst, die viele Menschen in die Arme der Rechten treibt, deren Storys geschickt diese Ängste adressieren: „Seht Ihr, der Islam ist eine gewalttätige Religion, die unsere Gesellschaft bedroht. Wenn wir uns nicht gegen ihn wehren, überrollt er uns und wir verlieren unsere Identität. Also müssen wir ihn bekämpfen und das Recht auf freie Religionsausübung für ihn abschaffen.“ Und damit faktisch eine der tragenden Säulen der liberalen Demokratie: die Religionsfreiheit.

Die Folge davon wäre, dass Muslime ausgegrenzt, flächendeckend unter Generalverdacht gestellt, in ihren Rechten beschnitten und noch stärker gedemütigt würden – das ist genau das, was der IS will, weil es seine Story von der Diskriminierung der Muslime im Westen und vom apokalyptischen Kampf zwischen dem Islam und dem Westen bestätigt: „Seht Ihr, der Westen respektiert euch nicht, Ihr seid keine vollwertigen Mitglieder seiner Gesellschaften, sondern werdet diskriminiert und ausgegrenzt. Wenn Ihr ein aufrechtes Leben führen wollt, dann kommt zu uns und wehrt euch, zerstört eure Unterdrücker. Der Sieg ist uns gewiss, denn Allah ist auf unserer Seite.“ Dem IS würden auch in Europa scharenweise Anhänger zulaufen, der Krieg im Nahen Osten wäre also endgültig in Europa angekommen. Das wiederum würde die Ängste in den europäischen Gesellschaften vergrößern und damit die Anhängerschaft der AfD et al mehren.

Das ist die Spirale der sowohl politischen als auch gesellschaftlichen Radikalisierung. Dazu müssen die nationalistischen Kräfte noch nicht einmal in Regierungsverantwortung stehen. Es reicht, wenn sie politische Denkräume besetzen und Politiker vor sich hertreiben, was beispielsweise der AfD bei Horst Seehofer, dem Front Nationale bei Francois Hollande und der FPÖ bei Werner Faymann bereits nahezu perfekt gelingt.

Am Ende der Radikalisierungsspirale steht das Ende der liberalen Demokratie.

Die Konsequenz dieser Radikalisierungsspirale wäre das Ende der liberalen Demokratien, Europa würde zerbrechen, die einzelnen Staaten sich renationalisieren und autoritär regiert werden. Das könnte strukturell gesehen der zweite Wendepunkt der Story sein. Vielleicht würde es dann im dritten Akt einen islamistischen Putsch geben, der die nationalistischen Regierungen außer Kraft setzt und im Höhepunkt die Macht an sich reißt. Ende der Geschichte. Vielleicht würde sie aber auch anders verlaufen, Europa würde zusammenstehen, Integration gelingen und der IS würde den gesamten Nahen und Mittleren Osten unter seine Gewalt gebracht haben. Dann käme es vielleicht zu einer letzten großen Schlacht, deren Beginn den zweiten Wendepunkt markieren würde, vielleicht vor Wien, vielleicht vor Berlin.

Totaler Quatsch? Hoffentlich. Aber die Story eines militärischen Sieges ist leider nicht realistischer.

Die Story der politischen, religiösen und gesellschaftlichen Niederlage des IS

Wie könnte eine Geschichte verlaufen, in deren Ende der IS ohne militärische Gewalt zerstört wird? Mehrere Handlungsstränge müssten hierfür zusammenlaufen: Nach Jürgen Todenhöfer müssten die Sunniten in das politische Leben des Irak eingebunden werden, es mitgestalten dürfen. Zurzeit werden sie nach wie vor von der schiitischen Regierung ausgegrenzt und diskriminiert, so dass der IS für sie das kleinere Übel ist, das sie wenn nicht unterstützen so doch gewähren lassen. Wären sie integriert, verlöre der IS eine wichtige Basis. Dann wäre er kein Verbündeter der Sunniten mehr, sondern ein Gegner. Eine Regierung zu bilden, in der Sunniten und Schiiten gleichberechtigt sind, wäre dann der zweite Wendepunkt der Story.

Und in Syrien? Die westliche Politik wird wohl nicht darum herumkommen, eine Anti-Terror-Partnerschaft mit Assad einzugehen. Natürlich ist er ein Kriegsverbrecher und gehört eingesperrt. Aber „Es geht nur ohne Assad“ lässt sich leicht skandieren, bringt nur nichts, solange er von Russland und dem Iran unterstützt wird. Und warum sollten sie aufhören, ihn zu unterstützen? Sie haben keine Motivation, damit aufzuhören, zumindest keine größere als damit weiterzumachen. Hinzu kommt, dass im Hinblick auf das Leid der Flüchtlinge der Krieg in Syrien so schnell wie möglich beendet werden muss. Hier muss also dringend ein zweiter Wendepunkt her. Denn wenn der Westen so weiter macht wie bisher und sich nicht auf den Massenmörder Assad einlässt, dann wird sich der Konflikt nur noch weiter zuspitzen, und das heißt: Es werden noch mehr Menschen aus Syrien fliehen müssen, Syrien wird weiter in Schutt und Asche gelegt und also noch unbewohnbarer, was immer mehr Flüchtlingen die Hoffnung nimmt, wieder zurückkehren zu können und das Land aufzubauen. Oder kann es einen zweiten Wendpunkt geben – einen „Plan“ -, der dazu führt, dass im dritten Akt sowohl der IS in Syrien besiegt als auch Assad von der Macht verdrängt wird? Wohl eher nicht. Also bleibt nur die Möglichkeit, mit Assad – und Russland und dem Iran – den IS zu bekämpfen.

Diese Maßnahme alleine würde aber vermutlich nicht ausreichen. Parallel dazu müsste das Storytelling des IS entkräftet, nicht die Storyteller ermordet werden. Die Story des IS kann nur durch eine andere Story ausgelöscht werden, die die gleiche Ursprungsgeschichte wie der IS nutzt, aber zu anderen Schlussfolgerungen kommt. Eine Story der säkularen westlichen Kultur, „mit Ideen wie Freiheit, Demokratie, Kapitalismus und Gleichstellung der Frau als vorbestimmten Endpunkt“ (Tamim Ansary) kann das nicht leisten. Es muss eine Story sein, die „aus der islamischen Welt geboren wird, von muslimischen Theologen entworfen, die wegen ihrer Gelehrsamkeit Ansehen genießen“ (Tamim Ansary).

Zu glauben, den IS zerstören, aber ansonsten einfach so weitermachen zu können wie bisher, ist absurd.

Und drittens müssen wir im Westen aufhören, Menschen in unserer Gesellschaft permanent zu diskriminieren und zu demütigen. Das wird nur gelingen, wenn wir die Regeln unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens umgestalten, unsere Werte neu sortieren und priorisieren. Die unbedingte und auf ihre Weise ebenso extremistische Leistungsorientierung und Profitmaximierung, das Streben nach sozialem Status, der sich nach unsozialen Kriterien wie Einkommen, Automarke, Anzahl der Fernreisen und so weiter bemisst, zerstückeln unsere Gemeinschaft und produzieren unablässig und immer mehr Verlierer. Ganz oben ist nur Luft für einen. Erst wenn wir hier etwas verändert haben, werden junge Menschen nicht mehr dem Glauben verfallen, ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft und Anerkennung in einer extremistischen Ideologie zu stillen, die sich gegen die Gesellschaft richtet, die sie diskriminiert. Den IS von der Landkarte und aus den Köpfen der Menschen zu bomben, aber ansonsten einfach so weiter zu machen wie bisher, wird nicht funktionieren.

Die Rolle der westlichen Nachrichtenberichterstattung

Eine Story kann nur erfolgreich sein, wenn sie verbreitet wird. Über die selbstproduzierte Propaganda des IS vor allem in den Sozialen Medien wurde bereits viel geschrieben. Ein wichtiger Verbündeter des Storytelling und der Ziele des IS wird aus meiner Sicht jedoch zu wenig beachtet: die Nachrichtenberichterstattung über den IS im deutschen Fernsehen.

Zum ersten Mal aufgefallen ist es mir nach den Attentaten in Paris im November 2015, dann noch einmal nach den Attentaten in Brüssel im März 2016: Auf mehreren Nachrichten-Websites gab es einen Live-Ticker und unkommentierte Videoaufnahmen von Menschen direkt vor Ort. Live-Ticker finde ich bei Fußballspielen prima und passend. Aber ich frage mich, ob man nicht irgendwie pervers oder zumindest äußerst gedankenlos sein muss, einen Live-Ticker zu einem Attentat einzurichten. Gibt es Menschen, die das geil macht? Näher dran an das Grauen kann man nicht rücken. Vielleicht brauchen einige Menschen diese voyeuristische Nähe, um sich zu vergewissern, dass es sie nicht erwischt hat, vielleicht erfüllt sie eine wichtige Funktion im Ausgleich ihres aufgewühlten emotionalen Haushaltes direkt nach einem solchen Attentat.

Eine Story kann nur erfolgreich sein, wenn sie auch verbreitet wird.

Der IS jedenfalls dürfte die Wasserkorken knallen lassen ob dieser Nähe und der Präsenz in zig Sondersendungen. Denn einen besseren Verbündeten bei der Erreichung seiner Ziele kann er sich nicht wünschen: Er will Angst verbreiten, demoralisieren, die westlichen Gesellschaften spalten, er will, dass die Menschen im Westen Angst vor dem Islam haben und ihn als Feindbild sehen, Muslime unter Generalverdacht stellen und weiter ausgrenzen, um Kämpfer in diesen Gesellschaften zu rekrutieren. Und das gelingt ihm umso besser, je größer die Nachrichten ein Attentat aufblasen. Das Fernsehen ist hier im wörtlichen Sinne eine „Bewusstseinsindustrie“. Die Nachrichten erzeugen ein Bewusstsein vom Islam als gefährlich.

Was wäre denn, wenn über Attentate des IS in Europa wie über Attentate im Irak berichtet werden würde: „Was heute sonst noch geschah im Überblick…“? Bei einer zunehmenden Anzahl von Attentaten in Europa wird das früher oder später ohnehin der Fall sein, wird der Nachrichtenwertfaktor Nähe keine Rolle mehr spielen. Warum also nicht jetzt schon so damit verfahren? Denn welchen informatorischen Mehrwert und Erkenntniszuwachs haben wir Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn im Anschluss eines Attentats permanent darüber berichtet wird. In wie vielen Sondersendungen und Nachrichten wird darüber berichtet, dass es noch nichts Neues zu berichten gibt? Uns wird ständig etwas mitgeteilt, was wir schon längst wissen, und ob die Attentäter nun französische oder belgische Staatsangehörige waren, ist letztlich nicht relevant. Das gleiche gilt für die ewige Wiederkehr der immer gleichen Terrorismusexperten. Mittlerweile wissen wir, was sie uns sagen werden. Aber offensichtlich glauben sie, es uns immer wieder sagen zu müssen, und offensichtlich wollen viele Menschen es immer wieder hören.

Noch unverantwortlicher ist die Präsentation der Attentäter in Nachrichtensendungen. Warum sollen wir wissen müssen, wie die Attentäter heißen und wie sie aussehen? Und wo haben die Nachrichtensendungen eigentlich diese schlechten schwarz weißen Verbrecherfotos her? Die Attentäter werden damit auf ein Schild gehoben. Die Nachrichten erzählen permanent ihre Story und damit die des IS. Besonders unverantwortlich war die Darstellung der Attentäter in einer Tagesschau oder einer Tagesthemensendung nach den Brüsseler Attentaten: Die Attentäter und ihre Verbindung zueinander wurde mit einem typischen Element eines Krimis visualisiert. An eine Tafel sind ihre Fotos gepinnt, darunter stehen ihr Namen, die Beziehungen zwischen ihnen wurden mit einem roten Faden, der an den Pinnadeln der Fotos befestigt war, gezogen. Eine typische fiktionale Darstellung von Verdächtigen findet also Einzug in die Berichterstattung über ein reales Attentat. Das ist ein nahezu perfektes IS-Storytelling.

Nachrichtensendungen betreiben das Storytelling des IS.

Offensichtlich sind sich die Verantwortlichen der Nachrichtensendungen nicht bewusst, dass sie das Storytelling des IS betreiben und damit unverantwortlich handeln. Jedes Zeigen der Fotos der Attentäter, jedes mantrahafte Wiederholen ihrer Namen erzählt ihre Story, die Story einer ausgegrenzten, marginalisierten Hauptfigur, die sich wehrt und dadurch Anerkennung findet und zum Helden wird. Eine klassische Underdog-Story, wie sie Hollywood in allen möglichen Varianten erfolgreich rauf und runter dekliniert hat.

Und diese Story wirkt. Nämlich auf genau jene marginalisierten jungen Menschen, von denen weiter oben mehrfach die Rede war. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn ich permanent ausgegrenzt und diskriminiert würde, wenn ich das Gefühl hätte, keine Chancen zu bekommen und deshalb wenig bis kein Sinn in meinem Leben sehen würde, wenn mich die Sehnsucht nach Anerkennung, Respekt und Zugehörigkeit quälen würde und wenn ich bereits erste Schritte weg von der herrschenden „Leitkultur“ und Gesellschaft hin zu einer Religion gemacht hätte, deren extremistische Ausprägung mir die Erfüllung meiner Sehnsucht verspricht. Und dann erfahre ich von einem Attentat, sehe ständig das Foto des Attentäters und höre andauernd seinen Namen. Er ist präsent, er wird gesehen, er erfährt also das, woran es mir am meisten mangelt. Er wird von den einen gefürchtet und verdammt, von den anderen bejubelt und verehrt. Was würde ich dann wohl denken? Geil, würde ich denken, der hat es geschafft, da, wo er ist, will ich auch hin.

Die aktuelle Nachrichtenberichterstattung ist ein Motivationsbooster für potenzielle Terrorristen und ein Propagandatreiber der IS-Ideologie. Die Journalistinnen und Journalisten handeln damit unverantwortlich und dumm.

Welche Verantwortung hat der Journalismus?

Das ist eine der wichtigsten Fragen zurzeit: Welche Verantwortung hat der Journalismus? Hat er überhaupt eine? Meiner Meinung nach hat er eine und zwar eine große: Er trägt zum einen Verantwortung dafür, dass demokratische Diskurse und politische Willensbildungsprozesse stattfinden können und in die Öffentlichkeit getragen werden. Und er trägt zum anderen eine Mitverantwortung für die Verteidigung unserer Demokratie und gesellschaftlichen Werte gegen anti-demokratische, autoritäre Kräfte. Sie sind gewissermaßen sein natürlicher Feind. Alleine schon aus purem Eigennutz sollte er diese Verantwortung tragen. Denn ohne unsere freiheitlichen demokratischen Werte geht es ihm selbst an den Kragen. Dann ist er nicht mehr Teil des „Lügenpresse“-Systems, sondern Teil der „Wahrheitspresse“ der AfD und Co. – siehe Russland, Polen, Ungarn, Türkei. Und das macht sicher keinen Spaß.

Aber stopp, da ist ja noch die Sache mit dieser Objektivität und Neutralität, der der Journalismus sich verpflichtet fühlt. Ohne den Objektivitätsanspruch vor sich her zu tragen, würde der Lügenpresse-Vorwurf übrigens nicht greifen. Objektivität ist ein Märchen, also selbst wieder eine Story. Es ist an der Zeit, diesen alten Hut abzusetzen und eine neue Story zu erzählen, keine über Neutralität, sondern eine kämpferische. Wir könnten sie gerade gut brauchen. Denn wir befinden uns in einem Kampf um unsere freiheitlichen Werte, um Gleichheit, Gleichberechtigung und Gerechtigkeit und werden von zwei Seiten attackiert: vom IS und von der AfD und Konsorten. Für diese Auseinandersetzung brauchen wir einen kämpferischen Journalismus, keinen feigen Protokollanten unserer Niederlage.

3 Comments

  1. Der kausale Effekt von emotional aufgeladenen Berichterstattung auf Nachahmungstäter ist für Suizide nachgewiesen („Werther-Effekt“). Es liegt also nahe, dass auch die im Artikel beschriebenen Zusammenhänge zwischen Berichterstattung über den IS und Motivation zum heiligen Krieg auftreten können.
    In der Suizidologie gibt es jedoch auch den gegenteiligen „Papageno-Effekt“: Sachliche Berichte über konstruktive Lösungen und soziale Unterstützungsmöglichkeiten wirken protektiv.
    Wo sind die Berichte und Geschichten über gelungene Integration und die Chancen kultureller Vielfalt?

    31. Mai 2016
  2. Avatar Ondoron

    AfD anti-demokratisch???
    Ihr habt NICHTS verstanden! Gar nichts!

    5. Juni 2016
  3. »Typische Merkmale einer Demokratie sind freie Wahlen, das Mehrheitsprinzip, die Akzeptanz einer politischen Opposition, Verfassungsmäßigkeit, Schutz der Grundrechte, Schutz der Bürgerrechte und Achtung der Menschenrechte. Da die Herrschaft durch die Allgemeinheit ausgeübt wird, sind Meinungs- und Pressefreiheit zur politischen Willensbildung unerlässlich.« https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratie

    9. Juni 2016

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