Die Heldenreise – Teil 1

Was ist die Heldenreise?

Die Heldenreise ist ein Erzählmuster. Sie findet sich bereits in der ältesten schriftlich überlieferten Geschichte der Menschheit wieder, dem über 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos: Gilgamesch ist der tyrannische Herrscher von Uruk. Als sein Gefährte Enkidu stirbt, bricht er auf, um Unsterblichkeit zu erlangen, findet stattdessen jedoch Weisheit und kehrt als gütiger Herrscher nach Uruk zurück.

Die Heldenreise ist ein unendlich variables Erzählmuster.

Diese Geschichte erzählen wir noch heute – in unendlichen Variationen: Jemand begibt sich auf eine Reise, während der er seine Persönlichkeit verändert und als „neuer“ Mensch zurückkehrt. Die Heldenreise dient also nicht in erster Linie dazu, den äußeren Plot – den Handlungsverlauf – einer Geschichte zu entwickeln (dafür arbeitet man besser mit der Drei-Akt-Struktur), sondern den inneren Plot der Hauptfigur, ihr inneres Wachstum, sprich: ihre Charakterentwicklung realistisch und damit nachvollziehbar und nacherlebbar zu gestalten.

Zweck der Heldenreise ist es, die Charakterentwicklung der Hauptfigur zu gestalten.

Die Heldenreise erzählt also nicht die Geschichte eines Helden, der aufbricht, um das Böse zu besiegen, sondern die Geschichte einer Heldwerdung, der Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen: Die Hauptfigur wird im Laufe der Geschichte erst zum Helden, indem sie ihren Charakter verändert. „Held“ ist eine Auszeichnung, die sie sich verdienen muss, indem sie sich bestimmte Fähigkeiten, bestimmte Eigenschaften, ein bestimmtes Wissen (auch und vor allem über sich selbst) etc. aneignet und zum Wohle ihrer Gemeinschaft einsetzt. Die Bereitschaft zur Selbstaufopferung für die Gemeinschaft (wie beispielsweise in GRAN TORINO (2008)) – ist ein zentrales Element der Heldenreise, das in vielen modernen Heldenreisen jedoch nicht mehr erzählt wird.

Die Heldenreise erzählt nicht die Geschichte eines Helden, sondern einer Heldwerdung.

Heldenreisen sind Heilungsgeschichten. Am Anfang der Geschichte ist eine der vier Funktionen des Menschen – Körper, Geist, Seele, Herz – zerstört, zwei sind in Mitleidenschaft gezogen, eine hat überlebt (zu den vier Funktionen an anderer Stelle mehr). Im Laufe der Heldenreise heilt die Hauptfigur ihre Verletzungen und ist am Ende wieder im ursprünglichen Seinszustand der Ganzheit.

Eine Heldenreise erzählt von einer Heilung.

Der „Entdecker“ der Heldenreise ist der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell. Er analysierte in den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zahlreiche Mythen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeiten, also auch von Kulturen, die definitiv nichts voneinander gewusst und sich beeinflusst haben können. 1949 veröffentlichte er seine Untersuchungsergebnisse in dem Buch Der Heros in tausend Gestalten. Diese Ergebnisse besagen, dass alle untersuchten Mythen nach dem gleichen Schema aufgebaut sind. Das war eine Sensation: Mythen, die in Kulturen erzählt wurden, die sich nicht beeinflusst haben konnten, funktionieren nach demselben Schema. Es muss also so etwas wie ein erzählerisches Ur-Schema geben, ein ur-menschliches Erzählmuster, das tief im Menschen verwurzelt ist und deshalb von jedem Menschen zu jeder Zeit und auf der ganzen Welt verstanden werden kann.

Das Muster der Heldenreise ist tief im Menschsein verwurzelt und kann deshalb von jedem Menschen zu jeder Zeit und auf der ganzen Welt verstanden werden.

Was ist ein Mythos? Der Autor Joachim Hammann kommt in seinem Buch Die Heldenreise im Film (in dem er auch die Heilung der vier Funktionen beschreibt) zu dem Ergebnis, dass Mythen erzählte Initiationsriten sind. Worum geht es in einer Initiation? Durch eine Initiation verändert sich eine Person. Sie steigt in einen anderen persönlichen Seinszustand auf, beispielsweise vom Kind zum Erwachsenen, von der Novizin zur Nonne oder vom einfachen Stammesmitglied zum Schamanen. Die Taufe, die Erstkommunion, die Konfirmation, die Bar Mitzwa: Initiationsriten.

Heldenreisen sind erzählte Initiationsriten.

Die Heldenreise wird damit zu einem Erzählmodell, das die RezipientInnen ein Nacherleben dessen ermöglicht, was dem Helden widerfährt, da sie die Struktur menschlicher Erfahrungs- und Persönlichkeitsweiterentwicklungsprozesse nachmodelliert. Ohne diese Nachahmung, deren Möglichkeit auf der Strukturhomologie zwischen fiktiven und realen Erfahrungsprozessen beruht, gibt es keine emotionale Beteiligung des Publikums am Schicksal des Helden, und ohne diese emotionale Beteiligung verfehlt ein Film seinen Zweck.

Heldenreisen modellieren die Struktur von Persönlichkeitsentwicklungsprozessen nach.

Ende der achtziger Jahre hat Christopher Vogler – Autor, Script Consultant, Dozent und Leiter der Stoffentwicklungsabteilung von TwentiethCenturyFox – diese Erkenntnisse in seinem Buch Die Odyssee des Drehbuchschreibers auf das Drehbuchschreiben übertragen. Aber nicht nur die großen Blockbuster bauen auf der Heldenreise auf, auch Filme wie American Beauty, Gran Torino und Das Fest von Thomas Vinterberg erzählen auf intelligente Weise Heldenreisen.

Voglers Verdienst ist es jedoch nicht nur, die Heldenreise für das Drehbuchschreiben nutzbar gemacht zu haben, vielmehr hat er sie noch um die Archetypen-Lehre des schweizer Freud-Schülers und Mitvaters der Psychoanalyse sowie Begründers der analytischen Psychologie C.G. Jung ergänzt. Und dadurch wird die Heldenreise erst richtig spannend: Archetypen manifestieren sich nämlich laut Jung im kollektiven Unbewussten, das aus ererbten Grundlagen der Menschheitsgeschichte besteht. Auf ihm beruhen alle entwicklungsgeschichtlich jüngeren Persönlichkeitsstrukturen, wie etwa das Ich. So wie die Heldenreise ein Ur-Muster darstellt, sind die Archetypen Ur-Typen, die wie die Heldenreise transhistorisch und transkulturell sind, also von jedem Menschen überall und zu jeder Zeit verstanden werden. Neben hervorragenden SchauspielerInnen und RegisseurInnen ist das, und nicht riesige Produktionsbudgets und enorme Marketingbudgets, der Grund, warum Hollywood-Filme auf der ganzen Welt so erfolgreich sind: Sie werden auf der ganzen Welt verstanden.

Die Heldenreise und die Archetypen sind transhistorisch und transkulturell.

Interessanterweise lautet der Titel von Voglers Buches Die Odyssee des Drehbuchschreibers und nicht: Die Odyssee des Helden. Der Grund dafür ist, dass der Drehbuchschreiber und die Drehbuchschreiberin, während er und sie ein Drehbuch schreibt, selbst eine Heldenreise erlebt. Genauso wie man im Beruf, im Liebesleben und überhaupt im Leben ständig Heldenreisen durchläuft. Man könnte sogar sagen, dass das gesamte Leben eine Aneinanderreihung von miteinander verwobenen Heldenreisen darstellt.

Heldenreise und Drei-Akt-Struktur sind unterschiedliche Erzählmodelle.

Wie stehen Heldenreise und Drei-Akt-Struktur zueinander? Sie sind zwei unterschiedliche Modelle. Viele Autorinnen und Autoren, die über die Heldenreise schreiben, legen die Heldenreise über die Drei-Akt-Struktur. Das ergibt aus meiner Sicht keinen Sinn, da es keine Vorteile bringt, im Gegenteil: Eine wesentliche Eigenschaft und eine der Stärken der Heldenreise ist ihre Flexibilität. Man kann einzelne Stationen weglassen (das gilt allerdings nicht für alle) oder wiederholen (so kann die Hauptfigur sich beispielsweise mehrmals weigern, die Reise anzutreten oder beliebig viele Prüfungen machen müssen). Koppelt man die Heldenreise an die Drei-Akt-Struktur, verliert sie diese Flexibilität.

Natürlich gibt es Parallelen zwischen beiden Modellen. Sie rühren jedoch nicht von einer strukturellen Übereinstimmung her, sondern vom Wesen von Geschichten. Denn die Drei-Akt-Struktur ist ein kausalchronologisches Modell, die Heldenreise ein psychologisches.

Zwölf Stadien und sieben Archetypen.

Das Grundmuster der Heldenreise besteht aus zwölf Stadien und sieben Archetypen (inkl. Held):

  1. Der Held wird mit einem Mangel in seiner gewohnten Welt vorgestellt und
  2. erhält einen Ruf des Abenteuers.
  3. Aus Angst verweigert er den Ruf (Weigerung).
  4. Durch die Begegnung mit einem Mentor wird er ermutigt,
  5. die erste Schwelle – die Schwelle in eine neue, ihm unbekannte Welt – zu überschreiten (Überschreiten der ersten Schwelle), wo
  6. Prüfungen, Verbündete und Feinde auf ihn warten. Der Held wird mit seinen Ängsten konfrontiert und muss sie überwinden. Dabei wandelt er sich und stattet sich mit Fähigkeiten aus, die er für seine weitere Reise braucht.
  7. In der Annäherung an die tiefste Höhle wird der Held mehrmals gefordert, um vorbereitet zu sein für
  8. die entscheidende Prüfung, in der sich seine neuen Qualitäten beweisen müssen, er symbolisch stirbt und als neuer Mensch wieder geboren wird.
  9. Er bekommt eine Belohnung und
  10. macht sich damit auf den Rückweg in die gewohnte Welt, auf dem er weiteren Gefahren ausgesetzt ist und sein neues Ich sich bewähren muss.
  11. Schließlich wird er in der letzten, größten Konfrontation mit der antagonistischen Kraft geprüft, erlebt hierbei symbolisch Tod und Auferstehung und damit seine endgültige Verwandlung.
  12. Mit der Belohnung kehrt der Held in die Welt zurück, aus der er gekommen ist und teilt sie mit der Gemeinschaft (Rückkehr).

Die Archetypen, die in den meisten Filmen der Hauptfigur auf ihrer Reise zur Heldwerdung begegnen, sind:

  1. Held
  2. Mentor
  3. Schwellenhüter
  4. Herold
  5. Gestaltwandler
  6. Schatten
  7. Trickster

Es gibt noch zahlreiche weitere Archetypen, die jedoch Varianten und Weiterentwicklungen dieser Archetypen sind. Sie bilden die grundlegenden Muster, aus denen sich alle Rollen entsprechend den Bedürfnissen einer Geschichte gestalten lassen.

Wichtig ist, dass sowohl die Stadien keine konkreten geografischen Orte als auch die Archetypen keine konkreten Figuren sein müssen. Vielmehr sind sie dramaturgische Funktionen für die Charakterentwicklung der Hauptfigur. Archetypen sind also Träger von bestimmten Funktionen, die von einem Charakter angenommen werden können, um die Geschichte voranzubringen. Das bedeutet, dass ein Charakter innerhalb einer Geschichte die Züge mehrerer Archetypen annehmen kann.

Welche konkreten Funktionen die Stadien und Archetypen haben, beschreibe ich in den kommenden Texten anhand der Filme MATRIX und AMERICAN BEAUTY.

6 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Rees sagt:

    mich interessiert was du über die Filme Matrix und Am. Beauty schreiben wirst, dann verstehe ich die Archetypen besser…

    7. Mai 2015
    Antworten
  2. John sagt:

    können sie mir beispiele von erfolgreichen filme nennen, bei welchen keine heldenreise angewendet wurde (und der film trotzdem spannung aufbauen kann)?
    vielen dank im voraus!
    J

    4. Dezember 2015
    Antworten
  3. […] Sehr deutlich diesem Prinzip folgt z.B. Christopher Paolinis Debütroman „Eragon“, der heute zu den absoluten Bestsellern auf dem Fantasy-Markt zählt. Einen genaueren Blick auf die Heldenreise wirft mein Kollege Ron Kellermann, indem er die einzelnen Stationen zusammenfasst. […]

    15. Juni 2016
    Antworten
  4. Vielen Dank für die schöne und übersichtliche Zusammenfassung der Heldenreise. Ich hätte eine Ergänzung zum Thema Heldenreise, denn wir nutzen das Heldenreise-Script zur Unterstützung von Persönlichkeitsentwicklungsprozessen seit Jahren in unseren Heldenreise Seminaren. Die Teilnehmer schlüpfen in die verschiedenen Rollen dieser Archetypen und erkennen sie als Anteile ihrer eigenen Psyche wieder. Sie erleben somit die Kraft der Heldenreise aus einer ganz subjektiven Perspektive in allen Rollen. Ein ganz starkes und heilendes Seminar-Konzept nach dem in 2010 verstorbenen Gestalttherapeuten und Theater-Menschen Paul Rebillot.
    Herzlichen Gruß Oliver Fratzke

    12. Juli 2016
    Antworten

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