Drehbuchschreiben mit einem Textverarbeitungs-Programm

Vor etwa einem Jahr habe ich meine Anleitung zum Drehbuchschreiben mit einem freien Textverarbeitungsprogramm veröffentlicht. Seit dem haben sich inhaltlich ein paar Kleinigkeiten geändert, doch vor allem bedurfte der unübersichtliche Artikel einer Überarbeitung.

Der große Vorteil, den Testverarbeitungsprogramme gegenüber spezialisierten Drehbuchprogrammen haben, ist die Möglichkeit über die Einstellungen selbst zu entscheiden. Das macht Arbeit, doch ein Programm sollte sich an seinen Nutzer anpassen, nicht der Nutzer an das Programm. Ein Programm sollte keinen Einfluss auf das Schreiben haben.

Die folgende Anleitung ist für freie Textverarbeitungsprogramme wie Open Office und Libre Office. Sie wird sich aber ähnlich auch für Word und Pages anwenden lassen.

Vorteile

  • Ungestörter Schreibfluss: Selbstgewählte Tasten oder -kombinationen zum Wechsel zwischen den Formatierungen – wenn der nicht schon automatisiert ist.
  • Spezifischer Rhythmus: Je nach Genre oder Schreibstil des Autoren kann der Handlung oder dem Dialog ein Vorrang im Schreibfluss gegeben werden.
  • Ablenkungsfreies Schreiben: Eine angepasste Programmoberfläche und Tastatur enthalten nur die Funktionen, die der Autor tatsächlich benötigt.
  • Schnelles Durchsuchen – mit der Suchleiste als Teil der Programmoberfläche und dem Navigator mit Überblick über die Szenen.
  • Volle Kontrolle: Über die Formatierung des Drehbuchs bestimmt der Autor, nicht sein Programm; Anpassungen sind schnell gemacht.

Und:

  • Die richtige Schreibstimmung – mit einer selbstgewählten Farbe des Anwendungshintergrunds und der Vollbildansicht.

Formatvorlagen

Zum Drehbuchschreiben sind besondere Formatvorlagen nötig: Szenenüberschrift, Handlung und Dialog haben festgelegte unterschiedliche Formatierungen. Neue Vorlagen werden in der Formatvorlagen-Liste erstellt, die über die Menüleiste im Eintrag „Format“, dann „Formatvorlagen“ oder mit der Taste [F11] aufgerufen werden kann.

Ein Rechtsklick in die Liste und die Auswahl „Neu…“ öffnet das Fenster, in dem wir jetzt die Möglichkeit haben die Eigenschaften unserer neuen Formatvorlage zu bestimmen. Dafür brauchen wir je nach Formatierung die Reiter „Verwalten“, Einzüge und Abstände“, „Textfluss“, „Schrift“, „Schrifteffekt“ und „Tabulatoren.“

Grundsätzlich können alle Einstellungen den Vorlieben des Autoren angepasst werden, das ist ja der große Nutzen dieser Vorgehensweise. Es gibt allerdings gewisse, allerdings nicht immer eindeutige Standards, auf die sich die Branche geeinigt hat, die zumindest berücksichtigt werden sollte. Und einige Erfahrungswerte und Empfehlungen meinerseits.

Letzteres betrifft zum Beispiel die Benennung: Die Liste der Formatvorlagen ist alphabetisch sortiert, sollen die Formatvorlagen auf einen Blick sichtbar sein, macht es Sinn, sie mit den selben Buchstaben zu beginnen. Hier ist es „Szenen…“.

Die Szenenhandlung

Reiter „Verwalten“
Name: Szenenhandlung; Folgevorlage: Szenenhandlung; Verknüpfen mit: Keine.
Reiter „Einzüge und Abstände“
Vor Text: 1,50 cm; Hinter Text: 1,50 cm; Über Absatz: 0,50 cm.
Reiter „Textfluss“
Schusterjungenregelung: 2 Zeilen; Hurenkinderregelung: 2 Zeilen
Reiter „Schrift“
Schrift: Courier; Stil: Standard; Größe: 12 pt.

Der Punkt „Folgevorlage“ im Reiter „Verwalten“ bestimmt, zu welcher Formatvorlage automatisch gewechselt wird, wenn ein Absatz zu Ende geschrieben ist ([Enter]). Bei Büchern mit viel Dialog empfiehlt sich der „Dialogkopf“ als Folgevorlage, doch natürlich erst, wenn wir diese Formatvorlage auch erstellt haben.

Der Szenenkopf

Reiter: „Verwalten“
Name: Szenenkopf; Folgevorlage: Szenenhandlung; Verknüpfen mit: Keine
Reiter „Einzüge und Abstände“
Über Absatz: 0,50 cm.
Reiter „Textfluss“
Absatz nicht trennen; Mit folgendem Absatz zusammenhalten
Reiter „Schrift“
Schrift: Courier; Stil: Standard; Größe: 12 pt.
Reiter „Schrifteffekt“
Effekte: Großbuchstaben
Reiter „Tabulatoren“
Position: 1,50 cm; Art: Links; Füllzeichen: Keine; Neu
Position: 17cm; Art: Rechts; Füllzeichen: Keine; Neu

Dieser zweite Tabulator ist optional, wenn einzelne Informationen zur Szene am rechten Rand der Seite angezeigt werden sollen, zum Beispiel „A/T“ für „Außen, Tag.“ Die Position bemisst sich dabei am rechten Seitenrand (hier: 21 cm Breite bei Din A4 abzüglich je 2 cm Rand rechts und links sind 17).

Soll jede Szene auf einer neuen Seite beginnen, lässt sich das hier im Reiter „Textfluss“ einstellen. Das ist manchmal gern gesehen und schnell umgestellt: Im Punkt „Umbrüche“ „Einfügen“ aktivieren, „Typ: Seite“ und Position: „Vor“.

Der Szenendialog

Reiter: „Verwalten“
Name: Szenendialog; Folgevorlage: Szenenhandlung; Verknüpfen mit: Keine
Reiter „Einzüge und Abstände“
Vor Text: 4,00 cm; Hinter Text: 4,00 cm
Reiter „Textfluss“
Absatz nicht trennen
Reiter „Schrift“
Schrift: Courier; Stil: Standard; Größe: 12 pt.

Auch hier kann im Reiter „Verwalten“ als alternative Folgevorlage der Dialogkopf eingestellt werden, zum Beispiel wenn ein Dialog zwischen mehreren Figuren nur durch wenig Handlung unterbrochen wird. Als Dialogkopf bezeichne ich hier die Formatierung des Namens der sprechenden Figur. Die wird wie folgt eingestellt:

Der Szenendialogkopf

Reiter: „Verwalten“
Name: Szenendialogkopf; Folgevorlage: Szenendialog; Verknüpfen mit: Keine
Reiter „Einzüge und Abstände“
Vor Text: 6,50 cm; Hinter Text: 4,00 cm; Über Absatz: 0,50 cm.
Reiter „Textfluss“
Absatz nicht trennen; Mit folgendem Absatz zusammenhalten
Reiter „Schrift“
Schrift: Courier; Stil: Standard; Größe: 12 pt.
Reiter „Schrifteffekt“
Effekte: Großbuchstaben

Die Szenenparenthese

Reiter: „Verwalten“
Name: Szenenparenthese; Folgevorlage: Szenendialog; Verknüpfen mit: Szenendialog
Reiter „Einzüge und Abstände“
Vor Text: 5,25 cm; Hinter Text: 4,00 cm
Reiter „Textfluss“
Absatz nicht trennen; Mit folgendem Absatz zusammenhalten
Reiter „Schrift“
Schrift: Courier; Stil: Kursiv; Größe: 12 pt.

Ob der Autor die Szenenparenthese überhaupt braucht ist eine Frage seines Stils und des individuellen Buchs. Sowohl Parenthesen als auch die für gewöhnlich nicht mehr genutzten Transitionen und Kameraeinstellungen lassen sich bei Bedarf schnell manuell formatieren: Durch kursiven Szenendialog (Partenthese), durch Szenenbeschreibung in Großbuchstaben (Kamera) und durch rechtsbündige Szenenbeschreibung (Transition).

Tastenkombinationen

Um schnell zwischen den Formatvorlagen zu wechseln braucht es einer zugewiesenen Taste oder Tastenkombination. Zusätzlich zu den automatischen Formatwechseln, die wir zuvor durch „Folgevorlage“ festgelegt haben: Durch einen Druck auf [Enter] wechseln wir vom Szenenkopf zur Szenenhandlung oder vom Szenendialogkopf zum Szenendialog.

Und wie schon beschrieben: Je nach Autor und Stoff können auch weitere automatische Formatwechsel eingestellt werden, wenn sie sinnvoll scheinen. Durch einen Druck auf [Enter] wechselt der Autor dann von der Szenenhandlung zum Szenendialogkopf und vom Szenendialog wahlweise zur Szenenhandlung oder zu einem neuen Szenendialogkopf.

Entsprechend dieser Einstellung braucht es zugewiesene Tasten oder Tastenkombinationen nur für ein paar dieser Formatierungen, es ist aber wenig Aufwand, sie für alle Fälle für alle Formatierungen festzulegen. Der Menüpunkt „Anpassen“ im Eintrag „Extras“ der Menüleiste öffnet das dazu nötige Fenster, der Reiter „Tastatur“ ist das Ziel.

Hier lassen sich jetzt den Formatvorlagen Funktionstasten, z.B. [F2] bis [F5] oder bestimmte Tastenkombinationen wie [Strg] + [A] zuweisen. Dabei kann der Anfangsbuchstabe eine Orientierung und Erinnerungsstütze sein: [Strg] + [K] für den Szenenkopf, [Strg] + [D] für den Szenendialog. Für den Szenendialogkopf habe ich [Strg] + [F] für Figur gewählt.

Aus einem der vorgegebenen Bereich wird eine Funktion gewählt. Im Bereich „Vorlagen“, dem zweiten „Vorlagen“-Eintrag ganz unten in der Liste, befinden sich unter „Absatz“ alle Formatvorlagen, darunter auch die selbsterstellten. Nach der Auswahl einer Tastenkombination und einem Klick auf „Ändern“ ist die Zuweisung geschehen.

Es macht Sinn, auch anderen Formatierungen eine Taste zuzuweisen. Neben dem üblichen Fett-, Kursiv- und Unterstrichen-Effekt ([Strg] + [B]/[I]/[U]) sind im Drehbuch Großbuchstaben, z.B. bei der Erstnennung von Figuren wichtig. Im Bereich „Format“ kann der Funktion „Großbuchstaben“ z.B. die Tastenkombination [Strg] + [G] zugewiesen werden.

Szenennummerierung

Szenen werden nummeriert, um sich in der Buchbesprechung und der Produktion auf sie beziehen zu können. Das geht natürlich manuell, zu Beginn jedes Szenenkopfs (dafür ist der Tabulator bei 1,5 cm da) funktioniert aber auch automatisch.

Nach einem Klick auf den Eintrag „Kapitelnummerierung“ unter „Extras“ in der Menüleiste kann der Kapitel-„Ebene 1“ die Absatzvorlage „Szenenüberschrift“ zugewiesen werden. Jetzt wird die Szenenüberschrift automatisch als Kapitelbeginn erkannt, kann automatisch nummeriert, in einem Inhaltsverzeichnis ausgegeben und im Navigator angezeigt werden.

Die automatische Nummerierung wird noch im selben Fenster eingestellt. „Nummer“: „1, 2, 3, …“ und als „Trenner: Danach“ einen Punkt. „.“. Im Reiter „Position“, „Ebene 1“ wird die „Nummerierung gefolgt von“ einem „Tabulator“ „bei“ 1,50 cm und einem „Einzug bei“ 1,50 cm. Das entspricht dem ersten Tabulator in der Formatvorlage Szenenkopf.

Im Fernsehen ist manchmal gewünscht, dass auch die Dialoge nummeriert werden. Dafür kann der „Ebene 2“ die Absatzvorlage „Szenenkopf“ zugeordnet werden; „Nummer“: „1, 2, 3, …“, „Trenner: Danach“ Punkt und Leerzeichen.

Der schon genannte „Navigator“, der unter „Ansicht“ in der Menüleiste aufgerufen werden kann enthält eine Liste aller Kapitel eines Dokuments, nach diesen Einstellungen also aller Szenen des Drehbuchs. Mit einem Doppelklick springt die Ansicht zur jeweiligen Szene.

Seitenformat

Das Format der Seite eines Drehbuchs ist selten so genau angegeben, wie die Maße der verschiedenen Formatierungen. Dabei sind die Formatierungen auch abhängig von z.B. der Breite der Seitenränder. Das sollte mindestens beim zweiten Tabulator des Szenenkopfs beachtet werden.

Für die Maße hier habe ich ein Din A4-Papier mit je zwei Zentimetern Rand an den Seiten links und rechts gewählt. Im Amerikanischen wird das Letter-Format genutzt, um das auf Din A4 zu simulieren müssten rechts und links je drei Millimeter abgezogen werden. Entsprechend des klassischen Satzspiegels für Bücher müssten es aber sogar 3,5 Zentimeter Rand sein.

Für den oberen und unteren Rand fehlt jede Referenz. Jede Seite des Drehbuchs sollte nummeriert sein, dafür braucht es eine Kopfzeile die mit ihrem Abstand zum eigentlichen Text etwa einen Zentimeter in Anspruch nimmt. Der kann vom oberen Rand abgezogen werden. Über „Einfügen“, „Feldbefehl“, „Seitennummer“ wird die Seitenzahl angezeigt.

Bei Szenen über mehrere Seiten kann es hilfreich sein, die Informationen des Szenenkopfs der aktuellen Szene wiederzugeben, so wie in vielen Büchern der aktuelle Kapitelname auf jeder Seite mit angegeben wird. Nachdem die Szenenköpfe zu Kapitelüberschriften erklärt wurden (s. Szenenummerierung), können sie über „Einfügen“, „Feldbefehl“, „Weitere Felder“, „Dokument“, „Kapitel“, „Kapitelname“ ausgegeben und in der Kopfzeile eingefügt werden.

Programmoberfläche

Sowohl die Navigator-Schaltfläche als auch z.B. ein Suchfeld um noch schneller die gewünschte Szene zu finden können der Symbolleiste unter der Menüleiste zugefügt werden. Andere Schaltflächen braucht ein Drehbuchautor dafür oft nicht.

Verschiedene Speicher- oder Lade- und Webfunktionen, Tabellen, Formatierungen wie das Hoch- oder Tiefstellen von Schrift, verschiedene Zeilenabstände, sortierte und unsortierte Listen – viele der Möglichkeiten werden nicht genutzt und die entsprechenden Schaltflächen lenken optisch ab, stören dabei, die gesuchte Schaltfläche zu finden.

Mit einem Rechtsklick auf die Symbolleisten können im Menüpunk „Sichtbare Schaltflächen“ diejenigen ausgewählt werden, die angezeigt werden sollen. Mit einem Klick auf die vertikal gepunkteten linken Enden jeder Symbolleiste kann sie bewegt und verschoben werden. Über das Menü „Ansicht“ können außerdem die Statusleiste unten und die Lineale oben und links abgeschaltet werden.

Im Menü „Extras“ unter „Optionen“, „Open Office“/„Libre Office“, „Darstellung“ kann der „Hintergrund der Anwendung“ gewählt werden, die Farbe hinter dem weißen Blatt Papier. Das scheint zunächst nur Schmuck zu sein, doch auch Schmuck ist erlaubt, wenn er beim Schreiben hilft. Und meiner Erfahrung nach tut es das tatsächlich. Dafür eignen sich Himmelblau-Töne oder ein Orange – beides hell, blass oder mit viel Grau, die Farben sollen ja nicht ablenken.

Das eigene Programm zu kennen, bedeutet User-Empowerment: Viel zu oft sind wir machtlos vor den Vorgaben eines Programms. All diese Möglichkeiten, das Programm den eigenen Bedürfnissen anpassen zu können, kennenzulernen hilft: Der Autor macht sich unabhängig von dem Programm, dass er nutzt. Und man kann sagen, so sollte es auch sein.

Bestimmte Entscheidungen noch nicht treffen zu können, ist auch nicht schlimm: Das wird nicht so bleiben, und so lernt der Nutzer vielleicht mit der Zeit auch etwas über sich selbst.

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