Theorie tl;dr: Über Gestalt und Schuld

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute »Dramaturgie des Experiments« von Friedrich Dürrenmatt.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

In 50 Worten (Was ist das?): Die Aufgabe der Kunst und Dramatik sei es, so Dürrenmatt, Gestalt und Konkretes zu schaffen. Und das sei zum Problem geworden: Denn die Welt hat an Gestalt und Konkretem verloren, ist abstrakt, bürokratisch, anonym, unüberschaubar geworden. Alles was dem Autoren dagegen bliebe sei die Erfindung, die Parodie: In der Komödie.

Die Erkenntnis: Komödie und Tragödie bezeichnen hier, das betont Dürrenmatt und das muss auch in unserer dramaturgischen Verwendung der Begriffe in Abgrenzung zum alltäglichen Gebrauch immer betont werden, nicht komisch und tragisch. Es sind vielmehr »Formbegriffe, dramaturgische Verhaltensweisen, fingierte Figuren der Ästhetik«.

So schlägt Dürrenmatt vor, den Zuschauer mit der Komödie zu locken um das Tragische aus der Komödie entstehen zu lassen. Die reine Tragödie hingegen sei nicht mehr möglich: Sie funktioniere durch Verantwortung, und Verantwortung sei nur da möglich, wo die Welt als formbar verstanden werde. Und in der kollektiven „Verantwortungslosigkeit“ im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts unter Eindruck des zweiten Weltkriegs gäbe es ein solches Verständnis nicht. Das klingt bei Dürrenmatt sehr bitter: »Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt. Es geht wirklich ohne jeden.«

Das Zitat:

Der Held eines Theaterstücks treibt nicht nur eine Handlung vorwärts oder erleidet ein bestimmtes Schicksal, sondern stellt auch eine Welt dar. Wir müssen uns daher die Frage stellen, wie unsere bedenkliche Welt dargestellt werden muss, mit welchen Helden, wie die Spiegel, diese Welt aufzufangen, beschaffen und wie sie geschliffen sein müssen.

Von besonderem Interesse (I) ist vielleicht, was Dürrenmatt hier über die Kriminalerzählung sagt. Die ursprüngliche Intention und Wirkung zumindest in seinen eigenen Werken ist dabei weit entfernt von dem, was das große multimediale Unterhaltungsgenre heute für uns ist. Erklärt aber vielleicht seinen Aufstieg. Etwas Besinnung kann mit Sicherheit nicht schaden:

Mit einem kleinen Schieber, mit einem Kanzlisten, mit einem Polizisten lässt sich die heutige Welt besser wiedergeben als mit einem Bundesrat, als mit einem Bundeskanzler. Die Kunst dringt nur noch bis zu den Opfern vor, dringt sie überhaupt zu Menschen, die Mächtigen erreicht sie nicht mehr.

Von besonderem Interesse (II) ist vielleicht Dürrenmatts früher Kommentar zur Böhmermann-Affäre. Besonders in Verbindung mit dem letzten Satz des vorherigen Zitats dürfen wir das wohl als Aufforderung verstehen. Und vielleicht sogar froh sein, dass Spott zumindest Erdoğan noch berührt, vielen anderen Machthabenden gelingt es bequem darüberzustehen, sie sind wohl für uns gar nicht mehr zu erreichen.

Im Lachen manifestiert sich die Freiheit des Menschen, im Weinen seine Notwendigkeit, wir haben heute die Freiheit zu beweisen. Die Tyrannen dieses Planeten werden durch die Werke der Dichter nicht gerührt, bei ihren Klageliedern gähnen sie, ihre Heldengesänge halten sie für alberne Märchen, bei ihren religiösen Dichtungen schlafen sie ein, nur eines fürchten sie: ihren Spott.

Das letzte Wort:

Doch das Groteske ist nur noch ein sinnlicher Ausdruck, ein sinnliches Paradox, die Gestalt nämlich einer Ungestalt, das Gesicht einer gesichtslosen Welt, und genau so wie unser Denken ohne den Begriff des Paradoxen nicht mehr auszukommen scheint, so auch die Kunst, unsere Welt, die nur noch ist, weil die Atombombe existiert: aus Furcht vor ihr.

Friedrich Dürrenmatt: Dramaturgie des Experiments. Aus: Theaterprobleme. Die Arche, Zürich, 1955. Gefunden in: Wandlung der dramatischen Form. Hrsg. Heinz Ide, Hirschgraben, Frankfurt am Main, 1968. Online gibt es den Text bei Google Books in der Sammlung Theater und Drama: theoretische Konzepte von Corneille bis Dürrenmatt.

2 Comments

  1. Michael Füting Michael Füting

    Danke! Großartig einen der alten großen Dramatiker in filmschreiben zu Wort kommen zu lassen. Das hat eine Klarheit und Gedankentiefe und eine Realitätsauffassung unserer
    Gegenwart – obwohl er schon länger tot ist – die das Gros unserer Filmschaffenden und
    Experten kaum zu leisten imstande ist.

    21. Juni 2016

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