Das Bildertreatment als eine Schreibtechnik

Jetzt noch eine weitere Vorstufe zur Drehbuch-Fassung? Muss das sein? – Muss nicht, ist aber zu empfehlen. Wenn man Anfänger ist, zwingen einen die Redaktionen sehr oft dazu. Vor allem bei Krimis wird normalerweise ein Bildertreatment gefordert.

Ein Bildertreatment ist der ganze Film ohne Dialoge. Eine Beschreibung dessen, was man sieht. Geordnet nach der nummerierten Abfolge der einzelnen Bilder, deshalb oft auch Nummerntreatment genannt. Wenn man es geschickt macht, kann man ca. 80% davon als Regieanweisungen in das Drehbuch übernehmen. Der Vorteil dieses Verfahrens ist, dass man sich dazu zwingen muss, seinen Film primär als eine Abfolge von Bildern darzustellen. Und so lernt, zu erkennen, was alles wie durch Bilder erzählt werden kann. Bilder sind nun mal im Film das stärkste Ausdrucksmittel, das Leitmedium. (Vielleicht gilt das nicht so zwingend für das Genre Komödie. Da sollte man vielleicht schon früher an Dialoge denken dürfen.)

Und man schärft in dieser Arbeitsphase nicht nur seinen Sinn für Bilder, sondern auch für den Film geradezu konstituierenden, da Sinn erzeugenden Schnitt. Nicht nur wie man von einer Bildnummer in die nächste kommt, sondern auch innerhalb der Bilder, die gewöhnlich eine Länge von 1 bis 3 Minuten haben und nur noch in Ausnahmefällen in einer Einstellung ablaufen dürften.
Wie man mit Bildern und Schnitt erzählt.
Was sieht man noch bevor einer reden kann und was, wenn er redet und wenn er geredet hat? Meist sogar das Wichtigere! Jeder gute Cutter wird bei ausgeprägten Dialogszenen nicht so oft den Sprechenden als vielmehr den Reagierenden schneiden. Den Sprechenden hört man ja. Als Filmautor sollte man sich durchaus dahin disziplinieren, die Dialoge als Letztes zu schreiben (Natürlich darf man einen ganz tollen Dialogsatz schon in das Bildertreatment übernehmen.)

An dieser Stelle ein Literaturhinweis. Autoren werden an einem Buch, das den Titel On Directing Film (in der deutschen Fassung Die Kunst der Filmregie) hat, einfach vorbeigehen. Sie sollten das aber lesen. Es sind Vorlesungen, die David Mamet, vielleicht der berühmteste amerikanische Film- und Theater-AUTOR vor Filmstudenten in Los Angeles gehalten hat, nachdem er selbst bei einem seiner Texte Regie geführt hatte. Der größte Teil des knapp und klar geschriebenen kleinen Buches ist aber ganz aus der Autorenperspektive empfunden: wie man mit Bildern und Schnitt erzählt. Es geht wirklich primär um kreatives Schreiben für Film: VISUAL STORYTELLING.

Das Buch wird gelegentlich wegen seiner Radikalität kritisiert, weil Mamet den einfachen, montierten Bildern eine größere Aussagekraft zuweist als Schauspieler-Bemühungen und Kameramätzchen. Aber für Autoren ist die Lektüre allemal sehr hilfreich. Typisch für die Klarheit und Radikalität von Mamet ist auch, was er zu Dialogen bemerkt: „Menschen reden, um zu bekommen, was sie wollen. Wenn Sie über sich reden, lügen sie!“ (Ich würde einschränken: lügen Sie zumeist.)
Die Vorstellung eines Filmes; nicht die einer Erzählung.
Ein Bildertreatment ist übrigens auch die ideale Kontrollmöglichkeit für die Struktur des Films. Eine Anzahl von 60 – 90 Bildnummern zeigt, dass man auf dem rechten Wege ist. Nummerntreatment – eine circa dreißigseitige Mühe, die sich lohnt. Man erzählt eben schon optisch. Ein konkreter Vorschlag: EIN SATZ REGIEANWEISUNG IST EINE EINSTELLUNG. PUNKT IST SCHNITT.

Amerikanische Autoren schreiben so. Sie vermeiden so auf einfache Weise, dass es zu literarischen, aber unverfilmbaren Drehbuchsätzen kommt, die der Regie zwangsläufig einen Autoren-Anteil zuweisen. Regisseure und Kameraleute beanspruchen ja nicht zu Unrecht Anteile bei der Urheberrecht-Verwertung. Schreibt man ein bilddurchdachtes Drehbuch, dann ist es aber nicht so, dass man dem Regisseur Arbeit abnimmt. Er hat ja immer die Freiheit, es so zu machen oder besser. Aber er wird nicht so dumm sein, einen überzeugend bildgestalteten Auflösungsvorschlag zu übergehen.

Und noch ein Vorteil: bei allen anderen Lesern des Bildertreatments entsteht im Kopf automatisch die Vorstellung eines Filmes und nicht die einer Erzählung. Das gibt einem Autor mit Sicherheit Pluspunkte bei den Leuten, von deren Entscheidung er abhängig ist.

3 Comments

  1. Avatar Ralph Gluch

    Nur eine Verständnisfrage: Ist das Bildertreatment gleichzusetzen mit dem Szenischen Treatment?

    21. Juni 2016
  2. Michael Füting wird die Frage besser beatworten können; ich vermute mal: Ja. Der Begriff szenisches Treatment ist mir nicht bekannt, da wir den Begriff Szene im Film aber oft wie das Bild im Theater verwenden (Ortswechsel markieren die Grenzen einer Szene; nicht unbedingt ein Auf- und Abgang der Figuren) (und oft genug wird dabei ja auch im Film von Bild gesprochen) kann ich mir eine derartige Vermischung gut vorstellen.

    21. Juni 2016
  3. Michael Füting Michael Füting

    Auch mir ist der Begriff SZENISCHES Treatment noch nie untergekommen. Ich denke, dass es mit Bildertreatment nicht identisch ist, denn das Wesentliche beim Bildertreatment ist der Verzicht auf die Dialoge – um ganz bewusst den Akzent auf die optische Ebene zu verlegen.

    21. Juni 2016

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