Theorie tl;dr: Über unsichtbare Wirklichkeit

Too long; didn’t read: Texte aus Drehbuch-, Film- und Welttheorie, kurz, knapp, bündig zusammengefasst und auf ihren Wert fürs filmschreiben hin geprüft. Heute der Aufsatz „Filmen, als ob sich filmen ließe. Über das Bildersammeln und Filmemachen in Chris Markers Sans soleil“ von Orkun Ertener, aus der Sammlung Augen-Blick 10: Versuche über den Essayfilm.

In 140 Zeichen (Was ist das?):

Orkun #Ertener: Es gibt keine #Bilder der #Wirklichkeit, nur Bilder einzelner Aspekte einer Wirklichkeit, siehe Chris #Marker's Sans soleil. — Arno (@filmschreiben) 4. März 2015

In 50 Worten (Was ist das?): Bilder (auch dokumentarische) halten Oberfläche fest, nur das Sichtbare, nur ein Phänomen der Wirklichkeit eines Dinges. Alles Aussagen über das unter der Oberfläche liegende, über Inhalt, Funktion und Struktur sind persönliche Deutungen der Realität durch den Autoren. Wir dürfen Bilder nicht mit subjektiver oder objektiver Realität verwechseln, tun das aber.

Die Erkenntnis: Theorie lohnt sich. Unser heutiger Autor (Wikipedia) hat den vorliegenden Text noch als Student veröffentlicht, da war er so alt wie ich jetzt, drei Jahre später wurde sein erstes Drehbuch verfilmt, ein Tatort. Steiler Einstieg.

Ähnlich wie unser Text von letzter Woche (Robert Fischer: Der Schrecken des Voyeurs. Gewalt, Lust und Schönheit in David Lynchs »Blue Velvet«. Siehe Theorie tl;dr: Über Sehen und Hören.) befasst sich Ertener mit einem ganz bestimmten Film, Chris Markers Sans soleil (Wikipedia), bleibt aber seinem Thema treu, das er auch für als Thema des Films sieht: Wirklichkeit, (Ab-) Bild und Wahrnehmung.

Während sich die Kamera dokumentarisch für körperliche und äußerliche Details interessiert, weil das Bild nur Körperliches und Äußeres wiederzugeben vermag, werden diese Bilder für den fiktionalen Erzähler zu einer Realität, die auch das Innere der Dinge bestimmt. Es geht um Misstrauen am Bild, an Bild- und Filmsprache, um Markers Vorbehalte an den eigenen Ausdrucksmöglichkeiten.

Denn während Marker uns seine »filmische Suche nach persönlichen Deutungen der Realität« zeigt, sind wir als Zuschauer versucht, seine Deutungen als Realität zu rezipieren, und diese Realität als unsere Realität zu akzeptieren, oder mindestens einen Einfluss auf unsere Realität zuzulassen. Diese »Mediengewalt« sorge für einen Bedeutungsverlust, sowohl der Bilder, die keine Wirklichkeit abbilden, als auch der Wirklichkeit, die von diesen Bildern bestimmt wird.

Das Zitat:

An dieser Stelle erscheint wichtig, dass der Filmemacher hier seine Arbeitsweise vorstellt; er inszeniert deutlich diesen „Moment der Erkenntnis“ und zeigt damit den filmischen Weg, der zu ihm führen kann: über die genaue, ausdauernde und manchmal ungezielte Beobachtung des Konkreten und Sichtbaren zu dahinter liegenden, oft unsichtbaren Wahrheiten, Wesens- und Strukturmerkmalen.

(Von besonderem Interesse, vielleicht: Fühlt sich auch jemand an Banksys Exit Through the Gift Shop erinnert? Bzw. Hat sich bei Exit Through the Gift Shop jemand an Sans soleil erinnert gefühlt?)

Das letzte Wort:

Es wird häufig behauptet, dass im Film Phantasien und Wünsche, kollektiver wie individueller Natur, hervorragende Ausdrucksmöglichkeiten finden. Ebenso gut aber lässt sich diese Aussage, wie Sans soleil zeigt, umkehren: Bilder eignen sich auch hervorragend dazu, im Kollektiv wirksame Phantasien zu produzieren, sich über die subjektive Vorstellungswelt zu legen und die individuelle Wunschproduktion – zumindest in ihrer visuellen, konkreten Gestalt – zu standardisieren.

Orkun Ertener: Filmen, als ob sich filmen ließe. Über das Bildersammeln und Filmemachen in Chris Markers Sans soleil. In: Augen-Blick 10, Marburger Hefte zur Medienwissenschaft: Versuche über den Essayfilm. Hrsg.: Hanno Möbius. Der Text ist im Internet leider nicht zu finden.

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