Figuren spannend gestalten: Innerer Konflikt und andere Hindernisse

Drehbücher müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllen, um dramaturgisch zu funktionieren, die schon in der Logline definiert werden können: Eine Figur will ein Ziel erreichen, hat aber Schwierigkeiten dabei, weil ihr Hindernisse in den Weg gelegt werden. Im Zentrum steht die Hauptfigur, die in einem Konflikt steht, um ihr Ziel erreichen zu können.

Konflikte sind der treibende Motor eines jeden Drehbuchs. Im Gegensatz zum echten Leben dürfen diese Konflikte aber nicht zu leicht aufzulösen sein. Was im echten Leben schon ein Super-GAU sein kann, ist im Film oft nur der Auslöser der Handlung und zieht weitere Konflikte nach sich.

Warum Drehbücher stärkere Konflikte als das Leben brauchen

Würde der Protagonist sein Ziel zu leicht erreichen können, würden wir als Zuschauer wahrscheinlich nur müde gähnen. Außerdem muss der Grundkonflikt genug Zündstoff enthalten, um eine 90-minütige Handlung zu tragen. Ein Film (und natürlich auch eine Serie, für die ähnliche Gesetze gelten) wird erst dann als spannend empfunden, wenn die Widerstände und Konflikte, die der Protagonist überwinden oder durchstehen muss, übermenschlich sind – übermenschlich in dem Sinne, dass ein normaler Mensch unter der Belastung vermutlich zusammenbrechen würde.

Der Grund dafür liegt einzig in der Beziehung, die der Zuschauer zu den Filmfiguren aufbaut: Je schwieriger es für den Protagonisten ist, sein Ziel zu erreichen, desto mehr fiebert der Zuschauer (vorausgesetzt die richtigen Identifikationsmomente wurden geschaffen) mit der Hauptfigur dem Ziel und der Überwindung der Hindernisse entgegen.

Äußerer vs. innerer Konflikt

Um die Spannung und die Dramatik eines Drehbuchs zu erhöhen, kennt die Drehbucharbeit zwei Arten von Konflikten: den äußeren Konflikt und den inneren Konflikt. Der äußere Konflikt wird, wie der Name vermuten lässt, von außen an die Figur herangetragen und kann ein Ereignis sein, auf das der Protagonist reagieren muss, eine Aufgabe, die ihn von der Erreichung seines Ziels abhält oder eine Figurenkonstellation, die sich dem Ziel z.B. in Form eines Love Interests in den Weg stellt.

Für die Figurenarbeit aber ist die andere Form des Konflikts, der sogenannte innere Konflikt, noch wesentlich interessanter als der äußere. Anders als im Roman, wo der innere Konflikte über innere Monologe und eine auktoriale Erzählweise ganz leicht transportiert werden kann, stellt diese Form des Konflikts den Drehbuchautor jedoch vor eine Herausforderung.

Einerseits sorgen innere Konflikte nämlich dafür, dass eine Figur interessante Schichten erhält, die sich über den Verlauf der Handlung freilegen lassen, andererseits muss das Drehbuch diese aber durch Handlung ausdrücken. Jeder innere Konflikt muss in eine äußere Handlung übertragen werden.

Das Geheimnis des inneren Konflikts

Anders als beim äußeren Konflikt steht die Figur sich hier selbst im Weg. Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, Ängste, die das Erreichen des Ziels scheinbar unmöglich machen – das sind Voraussetzungen, die den Stoff für einen inneren Konflikt weben.

Der innere Konflikt führt dazu, dass Figuren sich in bestimmten Situationen anders verhalten, als wir zunächst von ihnen erwartet haben – auf einmal wird, von außen katalysiert, ein neuer Wesenszug offenbar, der dem Charakter der Figur eine neue Vielschichtigkeit verleiht. Damit dieser Wesenszug aber zum Vorschein kommen kann, benötigen wir einen (scheinbar) äußeren Konflikt, der den inneren Konflikt ersichtlich macht, es sei denn, wir haben einen Protagonisten, der uns als Voice-over-Erzähler in seine Gefühls- und Gedankenwelt mitnimmt.

Wie lässt sich der innere Konflikt im Drehbuch transportieren?

Den inneren Kampf, den die Figur führt, um ihr Ziel gegen alle inneren (und äußeren) Widerstände zu erreichen, müssen wir als Drehbuchautoren sichtbar machen. Er dient dazu, die Figur tiefgründiger und sympathischer zu machen – der Zuschauer soll ja eine Bindung zum Protagonisten aufbauen.

Um das zu erreichen, ohne auf die Voice-over-Narration zurückgreifen zu müssen, werden innere Konflikte häufig zu Begleiterscheinungen von äußeren Konflikten stilisiert. Sie treten (für den Zuschauer) zutage, sobald ein äußerer Konflikt eine Entscheidung oder Handlung erforderlich macht, die für den Protagonisten aufgrund seiner inneren Disposition zunächst unmöglich scheint.

Erst indem er eine Entwicklung durchläuft und zunächst den inneren Konflikt überwindet, kann er in der Folge auch den äußeren Konflikt lösen und sein Ziel erreichen.

Die enge Verknüpfung von innerem und äußerem Konflikt in der Drehbuchentwicklung erfordert, dass wir uns intensiv mit den inneren Dämonen unserer Figuren (vor allem des Protagonisten) auseinandersetzen und die inneren Konflikte so auf den äußeren Konflikt der Geschichte abstimmen, dass beide eine Einheit bilden.

Den inneren Konflikten auf die Spur kommen

Wenn wir unsere Hauptfigur entwickeln, müssen wir ihrem Innenleben auf die Spur kommen – und zwar bis in die dunklen Details hinein. Warum spricht die Figur, wie sie spricht? Wie reagiert sie auf eine bestimmte Situation und was steckt dahinter? Wie geht sie mit einem großen Konflikt um, der sie davon abhalten könnte, ihr Ziel zu erreichen? Was ist sie bereit zu opfern? Würde sie gar eine Straftat begehen, um ihr Ziel zu erreichen?

Wir müssen unseren Figuren auf den Zahn fühlen, um ihr Innerstes zu durchdringen. Wie im echten Leben geben sie ihre Geheimnisse nämlich manchmal ungern preis. Ob ein Konflikt sich für unser Drehbuch eignet, d.h. weder zu klein (die Figur überwindet das Hindernis im Handumdrehen) noch zu groß (die Figur vermag aufgrund ihrer inneren Anlage dieses Hindernis nur mit Superkräften zu überwinden) ist, können wir nur herausfinden, indem wir unsere Figur selbst fragen.

Aufbauend auf der grundlegenden Erarbeitung des Hintergrunds unserer Figur (Backstory, Kindheit, Gefühlslage) blicken wir tiefer in ihr Inneres, indem wir sie fiktiven Konflikten aussetzen und aufschreiben, wie sie mit zuvor definierten Konflikten umgeht. Das können sowohl innere als auch äußere Konflikte sein, denn ein äußerer Konflikt transportiert meistens auch einen inneren. Die Konflikte müssen dabei nicht zwingend Teil unserer Geschichte sein – um die Figur auf links zu krempeln, können diese Konflikte ein breites Feld abdecken: Und vielleicht entdecken wir dabei noch einen neuen Twist für unsere Story, den wir bis dahin gar nicht bedacht hatten.

Ein Kommentar bisher - Was sagst du?

  1. […] während die meisten Romanhelden in kurzer Zeit schon mehr Konflikte durchstehen müssen, als ein echter Mensch überhaupt in seinem ganzen Leben ertragen könnte, gibt es auch beim Roman schreiben ein „zu viel des Guten“. (Wenn du lieber Ratgeber schreibst, […]

    11. September 2016
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