Jessica Jones: Genau wie ich, nur besser. Und ein bisschen schlechter.

Jessica Jones ist vielleicht nicht die anspruchsvollste Serie der letzten Jahre. Dafür wartet die aktuell viel beworbene Netflix-Produktion mit einer der coolsten und stylishsten Protagonistinnen auf. Umso mehr in der mit starken weiblichen Rollen dünn besiedelten Serienlandschaft. Umso noch mehr im mit Witzfiguren dicht besiedelten Marvel-Universum. 

Aber wie kommt es, dass wir ausgerechnet die unzuverlässige, saufende, lügende, chronisch gereizte Jessica Jones, die uns bereits in der ersten Folge sagt, was sie von uns hält („Menschen bauen eine Menge Scheisse – ich halte mich lieber gleich von ihnen fern“) trotz allem irgendwie mögen?
Figuren, die ein hohes Potenzial für beides bieten: Identifikation und Idealisierung.
Wohl, weil den Machern der Serie etwas gelingt, was derzeit viele Superheldenfilmschaffende, oft eher ungelenk, versuchen: Eine Schwäche, ein innerer Konflikt, ein Trauma, sollen uns Batman, Spiderman und Co. interessanter erscheinen lassen. 

Psychologische Studien geben Hinweise darauf, dass wir uns von Charakteren angezogen fühlen, die dem ähneln, wie wir uns selbst sehen, oder dem, wie wir gerne sein würden. Möglicherweise gefallen und faszinieren uns die Figuren besonders, die ein hohes Potential für beides bieten: Identifikation und Idealisierung. Ein dritter Faktor ist die Möglichkeit zur Ersatzbefriedigung: Wir genießen es, wenn Figuren verbotene oder unmoralische Impulse ausleben, die wir uns selbst untersagen, weil wir die Konsequenzen fürchten.

Jessica Jones bedient alle diese Bedürfnisse:

  • Identifikation. Wer kennt nicht das Gefühl, dass ihm ein Unrecht angetan wurde? Dass ein Anderer uns verletzt hat und wir zwischen dem Gefühl der Angst und dem Wunsch nach Rache hin- und hergerissen sind? Dass uns die sozialen Anforderungen des Alltags oft zu viel sind und wir uns am liebsten verkriechen würden. Dies aber auch nicht können, weil die Einsamkeit uns auffressen würde… Daran wird deutlich: Bei Identifikation geht es um Gefühle. Wir müssen nicht selbst Opfer eines so massiven psychischen Missbrauchs geworden sein, wie Jessica Jones. Ebenso, wie wir nicht selbst an Lungenkrebs leiden müssen, wie Walter White, oder unsere ganze Familie verloren haben müssen, wie Arya Stark. Die Gefühle von Angst, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut, können wir, wenn sie glaubhaft dargestellt werden, nachempfinden, weil sie uns selbst vertraut sind.
  • Idealisierung. Bei aller Streitbarkeit: Jessica Jones hat eine Fähigkeit, die wohl die wenigstens von uns ausschlagen würden. Sie ist super-stark. Dies zunächst mal im physischen Marvel-Superhelden-Sinne, aber auch, was entscheidender ist, in psychischer Hinsicht. Sie ist eine Kämpferin, ein Steh-auf-Männchen, das sich trotz schwerster Traumatisierung und ständiger Rückschläge immer wieder fängt. Diese Fähigkeit wünschen wir uns auch. Sie ist interessanter für uns, als Spidermans Spinnenfäden oder Supermans physische Unverwundbarkeit, weil wir tagtäglich psychische Verletzungen, Rückschläge und Kränkungen aushalten und bewältigen müssen – und eher selten die Welt vor Mutanten-Monstern und Super-Schurken retten. It ain’t about how hard you hit. It’s about how hard you can get hit and keep moving forward, sagt Rocky Balboa, den wir aus genau demselben Grund bewundern.
  • Ersatzbefriedigung. Jetzt mal ehrlich: Psychotrauma, Stalking, nervige Nachbarn, arrogante Chefin… Wer würde da nicht mal gerne die gute Kinderstube vergessen und losbrüllen, zuschlagen, spontan mit dem mysteriösen Fremden ins Bett steigen, oder sich ordentlich einen hinter die Binde kippen? Manchmal tun wir das auch, aber häufig halten uns die zu erwartenden Konsequenzen davon ab. Gut, dass Jessica Jones, Tony Soprano, Walter White und wie sie alle heißen, das für uns übernehmen. Wir genießen die Genugtuung, den kurzen Exzess, und müssen doch die Konsequenzen nicht tragen.

Genau wie ich, nur besser. Und ein bisschen schlechter.
Auf eine einfache Formel gebracht, wünschen wir uns unsere Serienhelden also so:
Genau wie ich, nur besser. Und ein bisschen schlechter.

Die Oberflächenhandlung, das Setting, die Optik einer Serie entscheiden vielleicht darüber, ob wir einschalten. Doch es scheinen die Gefühle, Konflikte, Stärken und Schwächen der Protagonisten zu sein, die darüber entscheiden, ob wir Folge um Folge, Staffel um Staffel, dabei bleiben.

Bild: Jessica Jones-Werbung am Stuttgarter Hauptbahnhof (Foto: Gebele).

Ein Kommentar bisher - Was sagst du?

  1. […] Niklas Gebele erklärt bei auf filmschreiben.de, warum uns Jessica Jones gut gefallen dürfte: Genau wie ich, nur besser. Und ein bisschen schlechter. […]

    19. Dezember 2015

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