Anmerkungen zu GAME OF THRONES 8_1: Die Kunst der Episode – Beginn des fünften Aktes.

Die achte und finale Staffel Game of Thrones hat begonnen. Bevor ich einige der dramaturgisch interessanten Aspekte der ersten Episode diskutiere, möchte ich hier zur Erinnerung dies voranstellen: Dramaturgisch gesehen ist diese Serie eher ein langer großer epischer Spielfilm und folgt entsprechenden Regeln. Ergänzt wird diese strukturelle Anlage mit der eines Historiendramas in der Tradition von Shakespeare. Daher entspricht Game of Thrones weniger den Regeln einer Seriendramaturgie, in der in jeder Episode auf der vertikalen Erzählebene ein dramatischer Höhepunkt stattfinden müsse. In diesen ersten Anmerkungen kann ich aber zunächst nur auf einige ausgewählte Aspekte eingehen. Mit den geplanten wöchentlicher Anmerkungen zu den einzelnen Episoden dieser Serie ergänze ich mein 2017 erschienenes Buch „Game of Thrones sehen[i].

Mit der ersten Episode der achten Staffel beginnt quasi der fünfte Akt der Gesamterzählung. Die Kunst der ersten Episode dieser letzten Staffel besteht dementsprechend darin, nicht nur nach der langen Produktions- und Wartezeit mit dieser ersten Folge einerseits wichtige Aspekte der bisherigen Handlung in Erinnerung zu rufen, sondern die notwendige explizite Handlung für die entscheidenden fünften Akt in Stellung zu organisieren. Es gilt Referenzen zu vorherigen Ereignissen einzubauen, insbesondere zu denen des ersten Aktes, in diesem Fall der ersten Staffeln. Dies entspricht den dramaturgischen Anforderungen an einen letzten Akt eines Spielfilms. Dies ist insbesondere von Bedeutung, da die Serie auch für den DVD-Vertrieb und ein Publikum funktionieren muss, das die Staffeln und Folgen in kürzeren Abständen oder am Stück sehen mag.

Einer der referenziellen Bögen wird zum Beispiel bereits in der ersten Szene hergestellt, wenn wir einen Jungen beobachten (Felix Jamieson), der durch die Menge läuft, um auf einen Baum zu klettern, damit er die anmarschierenden Truppen besser beobachten kann. Diese Szene spiegelt einerseits die Szene aus der ersten Staffel, in der Bran vom Ausguck der Burg Winterfell die herannahende Karawane des Königs Robert erspäht. Der Junge ist ungefähr gleich alt wie Bran es in der ersten Staffel war.

Inmitten der nun einreitenden Karawane befinden sich Jon Snow (Kit Harington), in dunklem Mantel, und an seiner Seite Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), in weißem Mantel, aber auch einige der zentralen Figuren aus den unterschiedlichen Handlungsebenen der bisherigen Staffeln.

In einer wenige Minuten später folgenden Szene tritt während der Versammlung im Thronsaal, in der es um die Vorbereitungen für die vermutlich entscheidende Schlacht um Winterfell und die Seven Kingdoms geht, ein Junge ähnlichen Alters auf – Lord Umber (Harry Grasby). Auch in dieser Situation werden Ereignisse zurückliegender Staffeln aufgerufen und gleichzeitig die Bedeutung der bevorstehenden Schlacht unterstrichen. Lord Umber, fordert mehr Pferde und Wagen, um den Beitrag seiner Familie an der Schlacht zu sichern. Indem Sansa (Sophie Turner) auf diese Forderung antwortet, wird ihre Position als Lady von Winterfell unterstrichen. Gleichzeitig eine logische und wahrscheinliche Situation geschaffen, in der der Charakter Jon noch einmal eine zurückliegende Entscheidung mit dem zu erwartenden bevorstehenden dramatischen Höhepunkt zu verbinden und so einen eleganten dramaturgischen Bogen zu schaffen. In der Schlussszene wird die Figur des jungen Lord Umber erneut genutzt, um eine der allerersten Szenen der Serie in Erinnerung zu rufen – das grausige Arrangement auf der Lichtung und Umber ruft das Bild des an den Baum genagelten Mädchens auf.

Die Kunst der dramatischen Gestaltung des fünften, letzten Aktes besteht darin, einerseits die Handlung in ihren dramatischen und Spannungs-Höhepunkt und dessen Auflösung zu führen, wofür Referenzen und Bögen oder Speigelungen, je nach dem welcher dieser Begriffe wem besser verständlich erscheint. Gemeint ist, dass Situationen, Orte, Ereignisse aus der Exposition aufgegriffen und in der Entwicklung des letzten Aktes in Erinnerung gerufen und spielerisch ein Echo erhalten oder beantwortet werden. Dies gilt vor allem für den zentralen Konflikt, der in diesem Fall ein mehrschichtiger ist: Wem gehört der Thron, wer ist der rechtmäßige König der sieben Königreiche, was ein eher abstrakter Konflikt auf der ‚Kollektivebene‘ ist.

Die andere, emotionalere Frage, die mit der Hauptfigur verbunden ist, ist die nach der Identität von Jons Mutter und somit seiner. Diese Frage, dieser dramatische Konflikt, der sich als innerer Konflikt der Figur abbildet, ist allerdings logisch mit die erst genannten, zentralen Frage verknüpft. Die Figur des Jon Snow gibt dieser abstrakten Kollektivebene das konkrete, exemplarische Einzelschicksal. Nun ist uns Zuschauern die Antwort auf die individuelle Frage seit einiger Zeit bekannt. Hier ist ein aus dem Filmen Hitchcocks bekannter Kunstgriff des ‚Eigen-Effekts‘ genutzt, der Spannung erzeugt, weil wir mehr wissen als die Figur, die es betrifft. Die Spannung besteht darin, den Charakter Jon zu beobachten, der von dieser so wichtigen Information nichts weiß oder ahnt, für den dieses Wissen aber von Einfluß auf Entscheidungen wäre, die er trifft oder zu treffen hat.

In dieser Episode erfährt Jon Snow nun endlich selber von seiner besonderen Herkunft und der sich daraus ergebenden vollständig anderen Situation, in der sich dieser Charakter nun sieht. Er ist, das wird von Sam Tarly (John Bradley) noch einmal zusammen gefasst Aegon Targaryen, der Sohn von (Aisling Franciosi) und Rhaegar Targaryen (Wilf Scolding), und somit der rechtmäßige Erbe des Thrones – in der Logik der Regeln, die für dieses Königreich gesetzt sind. Selbstverständlich findet diese Szene in der Gruft in Winterfell statt, zwischen den Gräbern von Lyanna und Ned Stark (Sean Bean). Auch hier wird der Bogen geschlossen, der mit dem Gespräch zwischen Ned Stark und King Robert (Mark Addy) eben dort in der ersten Staffel begann. In diesem Dialog zu Beginn der Serie lag der Gesamtkonflikt als der um die Macht über die Seven Kingdoms bereits eingebettet. Geht diese an denjenigen, der ihn in der Schlacht erobert hat oder den überlebenden Erben der Königsfamilie? Also, Erbmacht oder die Macht des Stärkeren?

Mit dieser Szene zwischen den Figuren Sam und Jon/Aegon ist so ein Wandel in der Qualität der Handlung erreicht worden, eine Neuausrichtung, die der Handlung eine Wendung gibt, die eine für einen Aktwechsel erforderliche Neuausrichtung der Handlung ermöglicht.

Zu der Organisation der Aktwechsel in dieser Serie gehört es ebenfalls, Cersei Lannister (Lena Hadley) eine neue Intrige starten zu lassen.  Denn der immanente Konflikt zwischen Winterfell und Kings Landing, dem Süden und dem Norden, verbindet die beiden Regionen. Dieser ist für den Spannungsaufbau einer jeder Serie relevant und dient einer zusätzlichen expliziten Erzählebene, die die Gesamthandlung bereichert.  Die Figur der Cersei ist so angelegt, dass sie nachwievor hofft, sich so die totale Macht und den Thron über die Sieben Königreiche zu garantieren. Implizit erzählt diese Konstellation auch von dem Konflikt eines egomanischen und diktatorischen Charakters gegen einen sozialen und auf das Wohl der Gemeinschaft bedachten Charakters. Dramaturgisch gesehen gibt jeder der Intrigen, die Cersei führt, jeweils einer Staffel eine substantiellen dramatischen Handlungsbogen, mit dessen Hilfe jede Staffel zu einem gewissen Abschluss gebracht werden kann, ohne dabei die Gesamthandlung zu sehr auf Akt-Verläufe oder an eine Seriendramaturgie anpassen zu müssen. Um auch auf dieser Ebene der Erzählung einen Bogen zur ersten Staffel zu schlagen, ist Cerseis Geliebter Euron Greyjoy (Pilou Asbæk) so gestaltet, dass sich in ihm Verhaltensweisen von Joffrey (Jack Gleeson) aus der ersten Staffel spiegeln. Das Prinzip des Bösen wird in dieser Serie wie in einem Staffellauf unter den menschlichen Charakteren von einem an einen nächsten weitergegeben. Wenn Euron Greyjoy, wie Joffrey, nun in nächster Nähe zu Cersei agiert, ist das Böse an ihre Seite zurückgekehrt.

Eine weitere Aufgabe für die Gestaltung des fünften Aktes besteht darin, Nebenhandlungen abzuschließen.

So wird gleich zu Beginn dieser Folge eine Szene eingebaut, in der Arya (Maisie Williams) und Jon sich wieder sehen. Diese ist als Echo auf die Situation, in der Jon ihr ‚Needle‘ übergibt, gestaltet. Selbstverständlich wird hier auch Jons Verhältnis zu Daenerys angesprochen. Diese Konstellation wird sich für den weiteren Verlauf als relevant erweisen. So, wie Charaktere über die Gesamthandlung organisiert wurden und werden, kann man dies auch so lesen, dass Daenerys für eine gewisse Zeit Arya an der Seite Jons abgelöst hat. Da die Figur der Daenerys über ihren Bruder in die Handlung eingefädelt wurde, ist es vorstellbar, dass sie über ihren nächsten männlichen Verwandten aus dieser auch wieder ausgefädelt wird. Die Figur der Daenerys war und ist so gestaltet, dass sie sich im Verlauf der Handlung genug Feinde hat machen können. Auch die Figur Sansa reagiert ebenso skeptisch und abweisend auf die Ankunft von Daenerys wie in der ersten Folge Catelyn Stark (Michelle Fairley) auf die Ankunft von Cersei Lannister. Ein wie auch immer gestaltetes Verabschieden der Figur vor Ende der achten Staffel wäre ein verstellbare dramaturgische Option, keine Vorhersage.

Auch noch mehr Figuren werden in Winterfell zusammen geführt, um deren Nebenhandlungen ebenfalls mit der Haupthandlung in enge Beziehung zu setzen und im Verlauf des letzten Aktes aufzulösen. Zum Beispiel sehen wir Gendry (Joe Dempsey), den junge Schmied, der auch der einzige überlebende Thronfolger des Königs Robert ist,  nun Waffen aus Dragon-Glas schmieden. The Hound (Rory MacCann) und Arya sehen sich ebenso gegenüber wie Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) und Bran (Isaak Hempstead Wright). Zwischen diesen Charakteren sind ebenfalls noch Konflikte aufzulösen, die zu den Spannungsbögen der kommenden Episoden beitragen werden, um weiterhin sich ergänzende Handlungsbögen parallel führen zu können.

[i] (vgl. Stutterheim, 2017)

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