Game of Thrones 8.3 – Armageddon. The Long Night

In dieser Folge wurde nun die lange erwartete Schlacht zwischen den Menschen im Norden und der Welt Satans mit seinen Heerscharen ausgetragen. Entsprechend einer der Referenzen, über die die Handlung der Serie kontinuierlich genutzt wird, kann man diese mit der Schlacht um Armageddon im Alten Testament/der Torah in Beziehung setzen. Dieser Krieg, in dem es um die spirituelle Ebene geht, war die Schlacht, in der es um Götter und Glauben ging und dementsprechend grundsätzlich um das Überleben und die Religion. Eine Schlacht der Töchter und Söhne. Eine grausame Schlacht.

Achtung, auch heute geht es nicht ohne spoiler. Und, auch für diesen kurzen Beitrag muss ich mich auf ausgewählte Aspekte beschränken, die vor allem dramaturgisch interessant sind und nicht in allen Kritiken schon besprochen wurden.

Die meisten der noch lebenden zentralen Charaktere der Serie haben dieses Gemetzel überstanden. Dramaturgisch gesehen werden diese für die letzten weltlichen Kämpfe, die Auflösung von Nebenhandlungen sowie des zentralen Konfliktes um die totale Macht, den Thron, noch benötigt.

Die Folge beginnt in der Nacht, vor dem Morgengrauen, in der Erwartung des Angriffs, letzte Vorbereitungen werden getroffen. So sehen wir zum Beispiel, wie Sam (John Bradley) zwei Dolche in die Hand gedrückt bekommt, worüber erzählt wird, dass er nicht mit den Frauen und Kindern in der Krypta verbringen wird, wie Jon (Kit Harrington) ihm angeraten hat.

Tyrion (Peter Dinklage) hingegen greift sich einen Beutel Wein, bevor er, wie von Daenerys (Emilia Calrke) angeordnet, sich in die Krypta zurückzieht. Bran (Isaak Hempstead Wright) und Theon (Alfie Allen) mit seinen Männern ziehen an Tyrion vorbei, um am Roten Baum als Lockmittel auf den Night King (Vladimir Furdik) zu warten.

Die darauf folgenden Einstellungen zeigen gespannt wartende und sich in Position begebende Männer und Frauen. Die Musik und eine assoziative Bildmontage verbinden diese Beobachtungen zu einer spannungsvollen Auftaktsequenz, die uns einer Exposition entsprechend mit dem Raum, in dem die Handlung stattfinden wird, vertraut macht. Auch wenn Winterfell an sich dem Publikum generell vertraut ist, so geht es hier um die Schlachtaufstellung, die den Plan aus der zentralen Szene der letzten Folge umsetzt und dem Raum neue Dimensionen und Funktionen gibt. Eingeflochten sind Details, wie der wiederholte Verweis auf die Kälte, Waffen werden bereit gestellt, Schreie der Drachen sind zu hören. Spannung entsteht auch aus dem Sounddesign, das die Stille unterstreicht und nicht künstlich zusätzlichen emotionalen Weichmacher einbaut. Die Musik ist zu Beginn dieser Folge sehr sparsam, sie nimmt die Motive des Aufmarschierens und des Herzschlags auf, abgelöst von dem atmosphärischen Sound des Wartens in der Kälte des Morgens, wodurch Spannung erreicht wird, man als Zuschauerin beinahe mit den Atem anhalten mag.

Das zu erwartende überraschende Element dieser Folge bestand in der Rückkehr von Melisandre (Carice van Houten) am Ende der Exposition, mit der die vertikale Dramaturgie dieser Folge einen zusätzlichen individuellen Bogen erhält. Mit dieser Figur wird wieder die Erzählung eines individuellen Schicksals mit dem Kollektivstrang verbunden, wie es für eine offene Dramaturgie typisch ist. (vgl. Klotz 1980, Stutterheim 2015) Selbstverständlich muss die Figur der Melisandre in der entscheidenden spirituellen Schlacht eine Rolle spielen, da es im Sinne der Handlung auch um die Etablierung der neuen Religion geht, die Anerkennung des Gottes des Feuers in diesem Fall. Dies wird durch die Figur mindestens zweimal unterstrichen: einmal in der Situation, in der Beric Dondarrion (Richard Dormer) endgültig stirbt, denn seine Aufgabe wird mit der Schlacht erfüllt sein. „Der Herr“ muss ihn dieses Mal nicht wieder zurückholen, da seine Aufgabe nun erfüllt ist ebenso wie ihre am Ende der Folge, wenn sie in den Tod geht. Ihr Gott hat durch sie und ihr Wirken geholfen, diese Schlacht zu gewinnen und auch den Night King auszulöschen. Das Feuer hat das Eis zerstört.

Dies ist selbstverständlich verknüpft mit dem Erzählstrang Arya/Jon und der Konfrontation mit dem Night King. Die Figur der Melisandre hat in der Situation, in sie der Arya (Maisie Williams) das erste Mal begegnet ist, dieser vorausgesagt, dass sie Menschen unterschiedlicher Augenfarben den Tod bringen wird. Auf diesen Dialog gibt es in dieser Folge ein Echo, wenn Arya sagt: „You said, I’d shut many eyes forever, you’re right about that too.” Melisandre zählt die Farben auf, als letztes erwähnt sie blaue Augen. Dies, und die Frage nach Aryas Haltung zum Gott des Todes, scheint wie ein Weckruf auf Arya zu wirken. Das Ende dieser Szene ist so inszeniert, dass Arya an der Kamera vorbei in Richtung der Lichtung läuft, auf die sofort darauf umgeschnitten wird, in der Theon in das Dunkle starrt und den Angriff erwartet. Über die Bildkomposition und den Schnitt wird eine Verbindung dieser beiden Situationen hergestellt.

Viel diskutiert ist die Konstellation Daenerys – Jon/Aegon auf der expliziten Ebene. Wird sie Königin? Werden/bleiben sie ein Paar? Das kann ich nicht beantworten. Meine Annahme geht dahin, dass sie, entsprechend der Einführung der Figur über ihren (Halb-)Bruder, am Ende die Handlungsführung und die Macht an ihren nächsten männlichen Verwandten, Aegon (Jon) abgibt.

Raffiniert, aber gleichermaßen dramaturgisch konsequent gestaltet ist es, dass die Folge damit endet, dass Arya den Night King überwindet und nicht Jon/Aegon.

Wie schon im letzten Text erwähnt, liegt es auf der Hand, dass in der Gestaltung Referenzen zur Grals-Legende adaptiert werden. Jon/Aegon wird als eine Variante des Parzival geführt, der von seiner Mutter im Wald versteckt, fernab von den Rittern, weitab vom Königshaus, selber von seiner Herkunft nichts ahnt, dann aber für die Rettung des Landes ins Feld zuständig ist. Er ist eher der spirituelle, mit der spirituellen, höheren Macht verbundene junge Mann. Das ist Land erkrankt und in Krieg und Not versunken, weil der König verwundet und nicht mehr in der Lage, das Land zu führen. Um das Land zu retten, muss Parzival zusammen mit einem in den Kampfkünsten geübten und sehr weltlichen Ritter den Gral finden und nur dann, wenn alle drei gemeinsam es bis zum Thron schaffen, kann das Land geheilt und Frieden wieder hergestellt werden.

Nun wurden Jon und Arya bereits in der zweiten Folge mit einer im Theater bewährten Mittel als Figurenpaar zusammen geschweißt, indem Jon einen wertvollen Gegenstand anfertigen ließ, den er Arya überreicht hat und sie sich darauf umarmten. Geschenk und Körperkontakt schweißen Figuren traditionell zusammen. So konnten diese Figuren auch über den Verlauf der Serie alternativ Handlungsstränge führen, die sich ergänzt und aufeinander bezogen haben. Dem Gegenstand gemäß wurde Arya eine Kämpferin. Sie hat gelernt, mit dieser Waffe und diversen anderen umzugehen. Sie repräsentiert Gaiwan.

Somit musste es Arya sein, die den Night King überwindet. Sie ist zur perfekten Kämpferin ausgebildet, hat dem Sog des Bösen widerstanden, und sie ist der Gegenpart zu Jon/Aegon. Vorbereitet wurde das Publikum auf die Wahrscheinlichkeit dieser Situation ja bereits mit der, in der Lyanna Mormont (Bella Ramsey) den untoten Riesen erdolcht. Sie hing in ähnlichem Würgegriff vor diesem, wie Arya in der Hand des Night King, und hat den Riesen mit dem Dolch erstochen.

Nun stellt sich die Frage, wer oder was ist der Gral?

Eine weitere Überlegung wert scheint mir zu sein, dass Tyrion in die Krypta geschickt wird und dort auch bleiben muss. Weder über die Figuren der Daenerys noch von Sansa (Sophie Turner) wird ihm ein aktiver Anteil oder eine intelligente Entscheidung in dieser Situation zugetraut. Im Gegenteil, er wird aufgefordert, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass er wie sie in dieser Situation nutzlos ist. Bislang war die Figur so geführt, dass sie als eine Art Filmerklärer gewirkt hat und daher stets entweder den Überblick hatte und Entwicklungen kommentiert oder Entscheidungen in ihrem Fortgang beeinflusst hat. (vgl. Stutterheim 2017) Dies war so noch in der letzten Folge, wo die Figur unter anderem dafür eingesetzt wurde, Jaime und auch das Publikum von den positiven Seiten der Daenerys zu überzeugen und diese als zukünftige Königin zu bestätigen. Bereitet uns diese Veränderung auf den Abschied von Tyrion vor oder ist es nur ein weiterer geschickter Zug im Spiel mit den Vermutungen des Publikums? Vielleicht diente diese Konstellation ja auch nur dazu, durch diese geschaffene Konstellation den Konflikt zwischen Sansa und Tyrion zu lösen und auch diesen Nebenstrang zu schließen.

Dramaturgie ist ja keine Formatvorlage, sondern erlaubt ein Spiel mit Modellen, Regeln und Traditionen, weshalb auch eine dramaturgische Analyse eines derart komplex gebauten Werkes ihre Grenzen in der Vorhersage hat. Insbesondere, wenn wie in dieser Serie sehr raffiniert mit konstanten Figuren und variablen Figuren operiert wird. Aus meiner Sicht sind die einzigen konstanten Figuren, deren Verbleib bis zum Finale sicher erscheint, Jon/Aegon und Arya.

Die nächste Folge wird vermutlich zunächst ein retardierendes Moment mit sich bringen, bevor dann die Schlacht um die weltliche Macht geführt werden wird, um den Bogen der Cersei-Intrige abzuschließen, die letzte noch im Spiel befindliche Eltern-Generation-Figur mit Ambitionen auf den Thron. In dem unbedingten, selbstherrlichem und fanatischen Willen zur absoluten Macht ähneln sich die Figuren von Cersei (grüne Augen) und Daenerys (blaue Augen).

 

 

Bibliography

 

Klotz, Volker. 1980. Geschlossene und offene Form im Drama (1969). 13 ed, Literatur als Kunst. München: C. Hanser.

Stutterheim, Kerstin. 2015. Handbuch angewandter Dramaturgie. Vom Geheimnis des filmischen Erzählens, Babelsberger Schriften zu Mediendramaturgie und Ästhetik /. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang Verlag.

Stutterheim, Kerstin. 2017. Game of Thrones sehen – Dramaturgie einer TV Serie. Paderborn Fink Verlag / Brill

 

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