Elisabeth Herrmann im Interview: »Menschen, die aus deinen 100 Prozent 120 herausholen.«

Kaum einer, der ihre Werke nicht kennt: Die Autorin Elisabeth Herrmann hat das geschafft, wovon die meisten ihrer Kollegen und Kolleginnen ein Leben lang nur träumen – doch der Weg dahin war steinig. Ich habe Elisabeth ein paar Fragen gestellt:

Sanela Egli: Wie viele Drehbücher hast du schon geschrieben?

Elisabeth Herrmann: Auf jeden Fall mehr als verfilmt wurden. Es gibt ja das Phänomen, dass manche Regisseure insgeheim der Meinung sind, sie wären die viel besseren Autoren. Mit List und Tücke wird dann so lange am Ast gesägt, bis man hinten runterfällt. Leider beginnt erst ganz langsam in den Sendern und den Produktionsfirmen die Erkenntnis zu reifen, dass Autoren es verdient haben, gehört und akzeptiert zu werden und aus dem Schatten der allmächtigen Regisseure herauszutreten. Ich zumindest arbeite nur noch mit Menschen zusammen, für die das selbstverständlich ist. Aber bis es so weit war, gab es schon schwarze Stunden, Tage, Wochen …

Ist es schon einmal passiert, dass du eine Verfilmung nicht so toll fandst?

Ja. Das war Das Dorf der Mörder. Allerdings – siehe oben. Ich wurde vier Tage vor Beginn der Dreharbeiten vom Regisseur hinausgeworfen, der seit Monaten heimlich sein eigenes Script in der Schublade hatte. Hätten die Produktonsfirma und der Redakteur Eier gehabt, hätten sie dieser Nummer die klare Kante gezeigt. Leider war es auch noch ein kolossal schlechtes Script, mit dem der Regisseur ankam. Und dementsprechend eine kolossal schlechte Verfilmung. Aber – das ist meine Meinung, andere fanden es vielleicht ganz toll. Ich nicht.

Wie bist du zum Drehbuchschreiben gekommen?

»Man spricht, wenn es klasse läuft, mit Menschen, die aus deinen 100 Prozent 120 herausholen.«Das ZDF wollte mein Buch Das Kindermädchen verfilmen. Beim Gespräch mit dem Produzenten nutzte ich die Gelegenheit und fragte, ob ich das Buch schreiben dürfte. Unter großen Vorbehalten und der Bedingung, es abzugeben, wenn ich es nicht schaffen würde, stimmte er mir zu. Was folgte, war ein Crash-Kurs: Wir saßen stundenlang über dem Script, und Dr. Dietrich Kluge hat mir Anfänger viel Zeit geopfert. Es hat sich gelohnt, und ich bin ihm sehr dankbar für diese Chance und die Mühe, die er sich mit mir gegeben hat.

Was schreibst du lieber: Romane oder Drehbücher?

Romane. Keiner sagt, das ist zu teuer, du kannst nicht schreiben, die Hauptfigur soll aber doch lieber eine Achtundzwanzigjährige zwischen zwei Männern sein … ein Buch ist mein Werk, von A bis Z. Selbstverständlich sind, sobald es fertig ist, viele wunderbare Menschen damit beschäftigt, es herauszubringen. Aber wenn du den kreativen Prozess meinst, dann sind Bücher einfach das Größte. Ein Drehbuch allerdings ist eine ganz andere Sache, schwer zu vergleichen. Man arbeitet irgendwann in einem Team, besucht die Dreharbeiten, spricht, wenn es klasse läuft, mit Menschen, die aus deinen 100 Prozent 120 herausholen. Und es erreicht ein Millionenpublikum. Davon kann ich bei meinen Büchern nur träumen. Vorerst.

Auf was sollten deiner Meinung nach Anfänger besonders achten?

Viel übers Drehbuchschreiben lesen und dann fast alles vergessen und loslegen. Viel anschauen, von den Meistern lernen. Viele Drehbücher lesen. Und ganz weit oben: mach dir klar, warum du diese Geschichte erzählen MUSST. Was dich antreibt. Wo das Herz von allem schlägt.

Wo schreibst du am liebsten?

Zuhause. Oder in einem Sommerhaus von Freunden.

Mit welcher Software verfasst du deine Drehbücher?

Final Draft.

Schreibst du zu bestimmten Zeiten?

»Bereichernd, wenn wir gemeinsam um die Sache ringen und nicht um Eitelkeiten. So macht Schreiben Spaß!«Nein, das ist ganz unterschiedlich. Jetzt gerade ist es vier Uhr Nachmittags. Heute früh hatte ich eine Besprechung mit dem Verband der Drehbuchautoren und dem Erich Pommer-Institut, ich organisiere eine Gesprächsrunde mit internationaler Besetzung. Dann stand Kofferauspacken an – ich bin erst gestern Nacht von einer Recherchereise nach Nord-Norwegen zurückgekommen, wo ich in einer Stadt am Eismeer, noch nördlicher als Murmansk, recherchiert habe. Telefonate, Terminabsprachen etc., und dann noch „das bisschen Haushalt“….oft komme ich erst abends zum Schreiben. Im Großen und Ganzen habe ich den Abgabetermin vor Augen und lasse je nachdem, wie weit er noch entfernt ist, die Zügel etwas lockerer oder ziehe sie an. Aktuell sitze ich an einem neuen Vernau-Krimi, der fast fertig ist, und einem Zweiteiler fürs Fernsehen über Wernher von Braun. Viele Bälle, die da jongliert werden müssen, denn es gibt ja auch noch ein Privat- und Familienleben. Aber bis jetzt läuft es so eigentlich ganz gut.

Wie wichtig ist für dich Planung?

Die grobe Planung, wie das Jahr im besten Falle zu gestalten ist, ist sehr wichtig. Ich schreibe für zwei Verlage, Goldmann und cbj. Da können Abgabetermine nicht einfach verschoben werden, weil sich Erscheinungstermine sonst überscheiden könnten. Genauso ist es bei Drehbüchern: In den Verträgen steht genau, wann ich die erste und wann die Endfassung abzugeben habe. 2020 ist in dieser Hinsicht schon getaktet. Dazu kommen die Lesungen, die ich gerne besser zusammenfassen würde, damit die Fahrtzeiten etwas ökonomischer gestaltet werden. Damit steht das Gerüst fürs Jahr. Aber ebenso wichtig wie die Planung der Arbeit ist auch eine gründliche Vorarbeit, was die Stoffe betrifft. Je besser ich geplottet habe, desto weniger gerate ich beim Schreiben ins Schwimmen.

Wie lange dauert es von der Abgabe eines Drehbuchs bis zur Verfilmung?

Unterschiedlich. Der Schneegänger, der im Mai gedreht wurde, hatte eine Vorlaufzeit von fast drei Jahren. Die Zeit ist aber eher den Entscheidungsprozessen in den Sendern geschuldet. Zudem gibt man ja nicht »ein« Drehbuch ab. Man wirft eine erste Fassung in den Ring, und die Beteiligten – Produzenten, Redakteure und irgendwann auch Regisseure, haben dann Änderungswünsche, die mal mehr und mal weniger nachvollziehbar sind. Im Moment habe ich eine großartige Zusammenarbeit mit Alice Brauner, Michael Zechbauer und der WDR-Redaktuerin Lucia Keuter. Das Input ist bereichernd, weil wir gemeinsam um die Sache ringen und nicht um Eitelkeiten. So macht Schreiben Spaß!

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

»Ich glaube, es wird etwas ruhiger werden. Aber wer weiß?«Hmmm … dann wird hoffentlich mein kleines Haus im Spreewald fertig sein, und ich werde dort den größten Teil der Woche verbringen. Am Wochenende bin ich in Berlin. Es wird mir gesundheitlich gut gehen, hoffe ich, und ich werde einen schönen Garten haben. In zehn Jahren würde ich auch darüber nachdenken, mir wieder einen Hund anzuschaffen (ich hatte insgesamt drei, aber dann habe ich wegen der veränderten Familien- und Arbeitssituation keinen neuen mehr in mein Herz gelassen …). Ich werde ab und zu auf Lesungen sein, und weiter Bücher schreiben, die dann hoffentlich auch noch gelesen werden. Ich hatte in den letzten Jahren einige schwere persönliche Verluste, ich würde mir wünschen, dass keine mehr dazu kämen. Ich werde immer noch viel reisen, wenn es geht. Aber es geht dann auf die siebzig zu, da werden die großen Kämpfe hoffentlich ausgefochten sein. Ich glaube, es wird etwas ruhiger werden. Aber wer weiß?

Magst du etwas über dein nächstes Projekt verraten?

Gerade beende ich einen neuen Vernau-Krimi, der Frühjahr 2020 erscheint. Im Winter werde ich an einem neuen Jugendbuch schreiben und für die Constantin ein Drehbuch entwickeln. Der Zweiteiler über Wernher von Braun muss im Herbst 2020 fertig sein, und danach gibt es neue Ideen für einen Thriller, aber auch etwas gaaanz anderes … mehr wird nicht verraten.

2 Comments

  1. Michael Füting Michael Füting

    Die hauptsächlichen Probleme des Schreibens, speziell Drehbuch kommen in dem Interview zur Sprache. Gute, illusionsmildernde Info für Anfänger.

    23. September 2019
  2. Avatar Marc Wormskirch

    Sehr interessantes Interview und toller Beitrag hier, neben dem Theoretischen auch mehr aus der Praxis zu erfahren.
    Ein sehr gutes Buch über das Drehbuch schreiben fand ich „The 101 Habits of Highly Successful Screenwriters: Insider Secrets from Hollywood’s Top Writers“ von Karl Iglesias, das mehrere Interviews amerikanischer Drehbuchautoren strukturiert zusammenfasst.
    Sehr schade, dass das Interview mit Elisabeth Herrmann nur so kurz war. Fragen z.B., wie es war, ihr erstes Drehbuch zu verkaufen oder wie es war, als Drehbuchautorin beruflich Fuß zu fassen, wären für Anfänger auch sehr interessant gewesen.

    1. Oktober 2019

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