Drei-Akt-Struktur III: der zweite Akt

Dies ist eine Fortsetzung der Artikel »Drei-Akt-Struktur I: Struktur ist wichtig. Aber nicht so wichtig« und »Drei-Akt-Struktur II: der erste Akt«.

Im ersten Wendepunkt tritt die Hauptfigur aus ihrer gewohnten, aber gestörten Welt in eine neue, unbekannte Welt, in die Welt des zweiten Aktes. Sie muss in dieser neuen Welt bestehen, wenn sie ihr Ziel erreichen will. Alle Geschichten bauen auf diesem Zwei-Welten-Prinzip auf, wobei die neue Welt nicht ausschließlich geografisch verstanden werden darf. Es kann auch eine mental oder emotional neue Welt sein. Wenn sich beispielsweise in Louis Malles‘ Film Verhängnis ein Mann in die Verlobte seines Sohnes verliebt und eine Affäre mit ihr beginnt, dann ist das mental und vor allem emotional eine neue Welt für ihn, weil er vorher noch nie mit einer solchen Situation konfrontiert war.

Um einen guten zweiten Akt zu entwickeln, muss man die Handlungsebene und die Beziehungsebene berücksichtigen. Auf der Handlungsebene versucht die Hauptfigur, ihr Ziel zu erreichen, stößt aber auf Hindernisse: Antagonistische Kräfte hindern sie daran. Die grundlegenden Fragen lauten entsprechend: Was unternimmt die Hauptfigur, um ihr Ziel zu erreichen? Wie hindert die antagonistische Kraft sie daran? Auf der Beziehungsebene geht es um ihre Charakterentwicklung und um die Beziehungen, die die Hauptfigur zu anderen Figuren hat: Wie verändern sich die Hauptfigur und ihre Beziehungen zu anderen Figuren im Laufe der Geschichte?

Konfliktsteigerung und emotionale Reise

Die Entwicklung der Handlungsebene folgt dem Prinzip der »kontinuierlichen Konfliktsteigerung«: Es wird immer schwerer für die Hauptfigur, ihr Ziel zu erreichen. Sie gerät zusehends unter Druck. In Little Miss Sunshine wird diese Konfliktsteigerung hauptsächlich durch die sogenannte »ticking clock« bewirkt: Die Hauptfigur hat nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung, um ihr Ziel zu erreichen. Je mehr Zeit verstreicht, umso mehr gerät sie unter Druck und umso spannender wird es. Die »ticking clock« ist ein einfaches Mittel der Spannungserzeugung, das zuverlässig funktioniert. Wenn also irgendwie möglich und sinnvoll, sollte man auf dieses Mittel nicht verzichten.

Ein sehr gutes Werkzeug, um die Beziehungsebene zu entwickeln, ist die »emotionale Reise der Hauptfigur«, die ich hier bereits beschrieben habe und deshalb hier nur kurz zusammenfasse: Sie besteht aus zwei Phasen, der »Hoffnung« und der »Katastrophe«. In der Hoffnung läuft es gut für die Hauptfigur, sie entwickelt sich positiv im Hinblick auf das Bedürfnis, durch dessen Befriedigung sie glücklich wird. Am Ende der Hoffnung gelangt sie oftmals an ihren »Hochpunkt«, in dem sie kurz davor ist, ihr bewusstes Bedürfnis zu befriedigen, indem sie ihr dramatisches Ziel fast erreicht.

Hoffnung und Katastrophe korrespondieren mit der Handlungsebene.Doch dann kippt die Situation. In der Katastrophe läuft es schlecht für die Hauptfigur, sie entwickelt sich negativ. Am Ende der Katastrophe gelangt sie an ihren »Tiefpunkt«, der aus »symbolischem Tod« und »symbolischer Wiedergeburt« besteht. Symbolischer Tod bedeutet: Alles scheint verloren. Es sieht so aus, als ob die Figur ihr Ziel niemals erreichen wird, beispielsweise weil sie aufgibt. Symbolische Wiedergeburt heißt, dass sie doch nicht aufgibt, sondern ihren Weg fortsetzt. Hoffnung und Katastrophe korrespondieren mit der Handlungsebene: Wenn die Hauptfigur sich positiv entwickelt, nähert sie sich ihrem Ziel an. Entwickelt sie sich negativ, entfernt sie sich von ihm.

Aus der emotionalen Reise ergeben sich zwei Variationen der Entwicklung des zweiten Aktes: Befindet sich die Hauptfigur im dritten Erzählabschnitt – also in der ersten Hälfte des zweiten Aktes – in der Hoffnung, dann ist sie im vierten Erzählabschnitt – in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes – in der Katastrophe. Oder umgekehrt.

Wann befindet sich die Hauptfigur in der Hoffnung und wann in der Katastrophe?Wann befindet sich die Hauptfigur im zweiten Akt in der Hoffnung und wann in der Katastrophe? In Little Miss Sunshine befindet sich der Pluralprotagonist Familie zuerst in der Katastrophe: Die Familie driftet immer weiter auseinander bis sie an ihren Tiefpunkt gelangt: Nachdem der Buchvertrag des Vaters geplatzt ist, geraten er und die Mutter dermaßen in Streit miteinander, dass es so aussieht, als ob ihnen bloß noch die Trennung bleibt, womit die Familie – also das unbewusste Bedürfnis – endgültig zerstört wäre. Nach dem darauffolgenden Tod des Opas tritt der symbolische Tod ein: Die Mutter sagt zu Olive, dass sie nächstes Jahr zur »Little Miss Sunshine«-Wahl fahren werden. Ohne symbolische Wiedergeburt würde die Familie jetzt nach Hause fahren. Es wäre zwar nicht ausgeschlossen, dass Mutter und Vater wieder zusammenfinden, wahrscheinlicher erscheint jedoch ihre Trennung. Die symbolische Wiedergeburt erfolgt durch den Vater: Er überzeugt alle, die Leiche des Großvaters zu klauen und doch weiterzufahren.

Der zweite Akt und der zentrale Punkt

Dieser Tiefpunkt stellt den zentralen Punkt in Little Miss Sunshine dar. Der zentrale Punkt ist das dritte obligatorische Ereignis der Drei-Akt-Struktur und liegt immer ungefähr in der Mitte einer Geschichte.

Das Zusammenwachsen der Familie in Little Miss Sunshine bildet die »Hoffnung« der emotionalen Reise.Seine Funktion ist die eines Wendepunktes, das heißt, er wendet die Geschichte noch einmal, entweder beispielsweise indem die Hauptfigur ihr Ziel ändert (Handlungsebene) oder beginnt, ihren Charakter zu entwickeln (Beziehungsebene) oder beides. Vorletzteres ist in Little Miss Sunshine der Fall: Nach der symbolischen Wiedergeburt und dem Diebstahl der Leiche des Opas wächst die Familie nach und nach zusammen, während sie in der ersten Hälfte des zweiten Aktes immer weiter auseinander gedriftet ist. Dieses kontinuierliche Zusammenwachsen bildet die Phase der »Hoffnung« der emotionalen Reise. Sie findet in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes – im 4. Erzählabschnitt – statt.

Auf der Handlungsebene muss die Familie noch einige Hindernisse überwinden, wodurch die Zeit immer knapper wird: Ein Polizist kontrolliert sie und entdeckt beinahe die Leiche des Großvaters; der große Traum des Sohns platzt und er weigert sich, weiter mit zu fahren. Als sie endlich am Austragungsort des Schönheitswettbewerbs ankommen, sind sie zu spät. Die Veranstalterin will Olive nicht teilnehmen lassen. Doch einer ihrer Mitarbeiter erklärt sich bereit, Olives Daten doch noch aufzunehmen. Das ist der zweite Wendepunkt der Geschichte, das vierte obligatorische Ereignis der Drei-Akt-Struktur.

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