Über die Entscheidungsfindung der Figuren – eine Lektüreempfehlung für Autor*Innen

Rolf Dobelli hat sich mit seinen Management- und Lebensratgebern einen Namen gemacht. Ob Anleitungen zum Leben wirklich nötig sind, das sei dahingestellt. Interessant ist aber, dass einige Beobachtungen und Stichpunkte aus »Die Kunst des klaren Denkens« für Figurenentwicklung im Speziellen und Dramaturgie ganz allgemein fruchtbar gemacht werden können.

Ein Gastartikel für filmschreiben von Eral Kalender. Vielen Dank! Eral hat Filmwissenschaft an der Freien Universität Berlin studiert und als Assistent der Herstellungsleitung gearbeitet. Nun schreibt er hauptberuflich Drehbücher. Und nebenbei führt er einen Blog über aktuelle publikumswirksame Filme und Serien.

Oft suchen Autor*Innen nach Leitprinzipien, die den Prozess der Ideenentwicklung und das Schreiben vereinfachen oder zumindest: beherrschbar machen können. Dieses Buch taugt in der Hinsicht durchaus als »Inspirationshilfe«, wenn die innere Entwicklung der Figur nicht überzeugt oder so manche Beziehung noch nicht klar und eine Prüfung nötig ist.
Oft sind die Fehlentscheidungen und Irrtümer, die die Hauptfigur trifft, maßgebend für die Entwicklung der Handlung und die Geschichte an sich.
Rolf Dobelli stellt die Suche nach der richtigen Entscheidung in den Mittelpunkt. Der rationale, vernunftbezogene, verbindliche Entschluss, der Prozesse anschieben oder Handlungsfolgen freisetzen kann. Nach der Lektüre des Buches wird niemand sein Leben auf den Kopf stellen, aber zumindest von einigen Denkfehlern und Irrtümern im Abwägen Abstand nehmen können.

Wenn es also um keine lebensverändernden Entscheidungen geht, dann ist der Bezug zu fiktionalen Figuren nicht offensichtlich. In Filmen, Serien und Drama allgemein, das lernen Autorenanwärter als erstes, soll es um etwas gehen, Fallhöhe usw. Die Konzepte und Beobachtungen stellen keine Anleitung dar, um reibungslos einen Wendepunkt in der Story zu setzen oder den Umschwung der Handlung »innerlich« auf Figurenebene vorzubereiten.

Oft sind die Fehlentscheidungen und Irrtümer, die die Hauptfigur trifft, maßgebend für die Entwicklung der Handlung und die Geschichte an sich. Doch helfen manche Prinzipien nicht nur der Nachzeichnung der Motive, sondern verstärken die Plausibilität der Handlungsschritte. Zwei Beispiele für die Psyche der Figuren, um Entscheidungen nachvollziehbar zu gestalten:

  • Verlustaversion: Figuren sind stärker motiviert durch das Vermeiden eines Verlustes als durch einen möglichen Gewinn
  • Unterlassungsirrtum: Wenn eine Handlung zu Schaden führt, motiviert uns das Abwenden der Handlung nicht so sehr, wie es vernunftmäßig sollte. Wir lassen lieber jemand ins Messer laufen, als ihm direkt Schaden zuzufügen. Das vertragen wir einfach besser. Die Konsequenz ist aber am Ende dieselbe.

Aber auch generell sind die Prinzipien für den Plot nützlich:

  • Action Bias: die Tatsache, dass wir die Tat dem Nichtstun vorziehen, selbst wenn die Situation das Abwarten erfordert. Indiana Jones muss bei RAIDERS OF THE LOST ARC am Ende lernen, dass es besser ist, wenn er nichts tut. Keine leichte Aufgabe für einen Helden. Aber nur so siegt er am Ende gegen die Nazis.
  • der Kontrasteffekt: Der Wert von etwas zeigt sich im Vergleich zum Begleiter. Dieses Prinzip findet oft Anwendung in (amerikanischen) Rom-Coms: Die Heldin geht in den Club in Begleitung der besten Freundinnen, die in der Regel »schräg« und schwerer an männliche Begleiter zu vermitteln sind als die Heldin selbst.
  • die Stichworte »Framing« und »Anker setzen« sind populär-wissenschaftlich sehr bekannt und fast selbsterklärend. Wir brechen ins Unbekannte nur mittels etwas auf, was bekannt ist. Dies kann man nutzen. Für fiktionale Stoffe käme dies generell der Perspektivierung der Handlung gleich. Wobei der Anker einer Story mit Bravour auch im späteren Verlauf der Story gelöst werden kann… Etwas, was als wahr galt, ist es plötzlich nicht mehr. Humphrey Bogart muss gegen den eigenen Auftraggeber ermitteln, Truman findet heraus, dass er eine (Werbe-)Lüge lebt.
  • der Base-Rate-Effekt: Was ist die Grundwahrscheinlichkeit einer Begebenheit? Wie hoch ist die Tatsache, dass die Ausnahme eintrifft? Kommissare im Eifer der Ermittlungen und Ärzte im Fegefeuer nicht nur der Gefühle sondern auch der Diagnosen müssen immer wieder für und gegen eine Wahrscheinlichkeit sprechen.
  • der Romeo-und-Julia-Effekt: Die Liebe ist nur deshalb so stark, weil sie verboten ist. Die finale Szene von DIE REIFEPRÜFUNG fiel mir auf Anhieb dazu ein. Sobald sich der Zwang von außen auflöst, muss das Paar den Blick nach innen, aufeinander, richten. Hält die Beziehung dem stand?
  • der Halo-Effekt: Eine Eigenschaft der Figur strahlt auf alle anderen Eigenschaft über. Ich mag die Metapher des Strahlens, denn so kann man von Blendung (die Figur ist »weniger«, als sie zu sein vorgibt) sprechen. Oder aber, ganz ohne Metapher, die Figur überrascht uns mit ungeahnten Qualitäten, die wir ihr nie zugetraut hätten. Die positiven Eigenschaften lagen zuerst im Dunkeln.

Mit Rolf Dobellis Zusammenstellung an »Denkfehlern« und »kognitiven Ungereimtheiten« bietet sich also eine kleine Inspirationsquelle für Vielschreiber, wenn die alten Quellen der Schöpferkraft gerade versiegt sind.

We can cover that by a line of dialogue...

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